Zwiegespräche der Figuren: „Rodin/Arp“ in der Fondation Beyeler

Riehen (cl) – „Rodin/Arp“: Die Fondation Beyeler in Riehen widmet den beiden Erneuerern der modernen Skulptur eine Ausstellung mit einer Fülle an berühmten Werken, derzeit nur digital begehbar.

Natur und Erotik: Auguste Rodins Bronze „Der Kuss, große Fassung“ (1889-1898) steht im derzeit verschlossenen Garten der Fondation Beyeler, während des Lockdowns ist sie digital zu sehen.  Foto: Michel Darbellay/Fondation Pierre Gianadda

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Natur und Erotik: Auguste Rodins Bronze „Der Kuss, große Fassung“ (1889-1898) steht im derzeit verschlossenen Garten der Fondation Beyeler, während des Lockdowns ist sie digital zu sehen. Foto: Michel Darbellay/Fondation Pierre Gianadda

Von Christiane Lenhardt

Rodin und Arp – die beiden großen Erneuerer der Skulptur des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts – sind sich wohl nie persönlich begegnet, aber es gibt viele Gemeinsamkeiten in ihren Werken. Beide haben die Idee des Lebendigen in bewegten und bewegenden Skulpturen eingeschrieben. Ihre makellosen Oberflächen und die bruchstückhaften Körper faszinieren auch durch ein Zusammenspiel von sinnlich-fließenden Volumina und versehrten, bruchstückhaften Oberflächen.
Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel widmet den beiden Künstlern erstmals eine umfassende Ausstellung, in der eine Fülle an berühmten Werken wie Rodins monumentaler „Kuss“, seine Götterbotin „Iris“, Arps „Daphne“ und die Reliefs, in einen vertiefenden Dialog miteinander treten können. Das fertig eingerichtete Zwiegespräch von „Rodin/Arp“ ist bis 22. Januar 2021 wegen des Lockdowns in der Schweiz allerdings nicht vor Ort zu erleben – aber online bei einem Rundgang mit Kurator Raphaël Bouvier. „Ein digitales Vorspiel“, wie Museumsdirektor Sam Keller erklärt, für einen hoffentlich baldigen Besuch in der Fondation Beyeler in der bis 16. Mai laufenden Schau.

Auguste Rodin in seinem Atelier in Meudon bei Paris um 1902 inmitten seiner Skulpturen.  Foto: Eugène Druet/Musée Rodin

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Auguste Rodin in seinem Atelier in Meudon bei Paris um 1902 inmitten seiner Skulpturen. Foto: Eugène Druet/Musée Rodin

Mit Auguste Rodin (1840-1917), dem Vater der modernen Skulptur, sind in Paris an der Schwelle zum 20. Jahrhundert bahnbrechende Veränderungen in der plastischen Gestaltung in Gang gekommen. Seine rauen, fragmentierten Großplastiken aus Bronze und Gips setzten eine Fülle kreativer Impulse in der Kunst frei und zogen einen immer schneller sich veränderten Wechsel der Stile nach sich. Rodin holte die Skulptur vom Sockel und platzierte sie auf dem Boden. Der Straßburger Künstler Hans Arp (1886-1966) lässt seine schwungvollen abstrakten, polierten Formen quasi aus dem Boden herauswachsen. Beide Künstler haben die Verschmelzung von Natur und Körper in ihren Werken vorangetrieben. Aus dem Fragmentarischen hat Rodin die moderne Skulptur herausgeschält, mit Arp wurde der Torso zum Leitmotiv Plastik weit über 1945 hinaus.

Der Straßburger Hans Arp widmete dem großen Rodin sogar ein Gedicht


Beide hatten nahe Paris ihre Ateliers, ob der viel jüngere gebürtige Straßburger Arp das Atelier des Altmeisters Rodin in Meudon noch zu dessen Lebzeiten betrat, ist nicht überliefert. Zeitlebens aber verehrte Arp den Älteren, der die Grenzen des dreidimensionalen Bildnisses mit exzentrischer Ausdruckssteigerung wie großer Einfühlungskraft ausreizte und bereits eine Abstrahierung der Figur vor allem im Alterswerk, dem „Höllentor“ nach Dantes „Göttlicher Komödie“ (eine Dichtung über Hölle, Tod und Paradies), einläutete. 1952 widmete Arp dem großen Vorläufer ein Gedicht mit dem Titel „Rodin“, in dem er dessen Werk als „riesige Nachgeburt der Renaissance“ feiert. Auch die 1938 entstandene Skulptur „Automatische Skulptur (Rodin gewidmet)“ ist zu sehen.
Hans Arp, 1954 in seinem Atelier in Clamart bei Paris. Ob der Straßburger Künstler den Altmeister Rodin in dessen Atelier besuchte, ist nicht zweifelsfrei bewiesen.  Foto: Denise Colomb/Grand Palais

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Hans Arp, 1954 in seinem Atelier in Clamart bei Paris. Ob der Straßburger Künstler den Altmeister Rodin in dessen Atelier besuchte, ist nicht zweifelsfrei bewiesen. Foto: Denise Colomb/Grand Palais

106 internationale Leihgaben von 30 Museen und 13 Privatsammlungen, darunter das Musée Rodin in Paris und das Arp-Museum Rolandseck, wo die Ausstellung im Anschluss zu sehen sein wird, zeigen das Unterschiedliche und vor allem das Verbindende der Werke beider Künstler. Der übermannshohe „Denker“ (1903) von Rodin steht im Eingang der Fondation, gegenüber die goldbronze schimmernde abstrakte Figur „Ptolemäus III“ (1961) Arps zu Ehren des bedeutendsten Astronomen der Antike. Weitere Werkdialoge – wie die einander gegenüber gestellten zerlegten Körper beider Künstler – zeigt die Arp-Rodin-Hommage.
Rodin fügte umwälzende Ideen und neue künstlerische Möglichkeiten in die Skulpturenkunst ein, die von Arp später aufgegriffen und in seinen biomorphen Formen weiterentwickelt und neu interpretiert wurden. Zu ihren großen Themen gehört die Verwandlung von der figürlichen in die abstraktere Form – wie Mensch und Landschaft ineinander übergehen. Der Betrachter – und dies ist auch durch die Kameraführung online sichtbar – kann die Vielsichtigkeit der Werke am besten durch Umschreiten erleben. Die Fondation Beyeler hat dazu die „Medienkonferenz“ mit dem Kuratoren-Rundgang auf ihre Homepage gestellt.
Homepage der Fondation Beyeler in Riehen, Link zur Medienkonferenz

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Erstellt:
28. Dezember 2020, 20:00 Uhr
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