„We drank a bit more“: Bukowski in Heidelberg

Heidelberg (red) – Mehr Tee mit Honig als Rotwein: Ein neues Heft der Schillergesellschaft erzählt vom Besuch des US-Skandalautors Charles Bukowski in Heidelberg, in zwei Versionen.

Der Anti-Romantiker Bukowski war 1978 in der Stadt mit Lichterglanz zu Gast: Unser Blick zeigt auf die Heidelberger Altstadt mit Schloss und Neckar.  Foto: Marius Becker/dpa

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Der Anti-Romantiker Bukowski war 1978 in der Stadt mit Lichterglanz zu Gast: Unser Blick zeigt auf die Heidelberger Altstadt mit Schloss und Neckar. Foto: Marius Becker/dpa

Von Georg Patzer

Mal wieder typisch Charles Bukowski. Da steht der amerikanische Skandalautor auf dem Schlossaltan, hoch über dem Neckar, steht vor einem der romantischsten Ausblicke Deutschlands, und was sagt er: „Wenn du ein Schloss kennst, kennst du alle.“ So erzählt jedenfalls Michael Buselmeier die Szene, die als Höhepunkt von Bukowskis Deutschlandreise 1978 geplant war: Er wollte seine deutschen Wurzeln in Andernach aufspüren und in Hamburg mit einer seiner seltenen Lesungen für seine Bücher werben.
Mit „Kaputt in Hollywood“, „Aufzeichnungen eines Außenseiters“ oder „Fuck Machine“ hatte Charles Bukowski (1920-94) Aufsehen erregt, weil er vom dreckigen, düsteren, armen und alkoholkranken Amerika erzählte, mit Kraftausdrücken, die weder in Amerika noch in Deutschland in der Literatur üblich waren.

Während seiner Lesung 1978 in Hamburg hat Charles Bukowski dann dem Wein wieder zugesprochen – während er am Neckar mitunter abstinent gewesen sein soll.  Foto: Cornelia Gus/dpa

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Während seiner Lesung 1978 in Hamburg hat Charles Bukowski dann dem Wein wieder zugesprochen – während er am Neckar mitunter abstinent gewesen sein soll. Foto: Cornelia Gus/dpa


In Heidelberg besucht er dann seinen Übersetzer Carl Weissner, der Buselmeier und den Wunderhorn-Verleger Manfred Metzner aufforderte, den verehrten Dichter durch die Stadt zu führen. Zwei Berichte gibt es: Respektlos schreibt Bukowski 1979 über seinen Heidelbergbesuch, charakterisiert seine Führer, zu denen auch der Dichter Christoph Derschau stieß, als „nice boys with nice eyes“, die auch schon das Schwetzinger Schloss mochten, das sie vorher besuchten. Die „nice boys“ trinken mit ihm, sehen einen Film an, schleppen ihn zum Politischen Buchladen von Jörg Burkhard in der Marstallstraße, sitzen in einer Kneipe, wo er die einsamen Trinker beobachtet, ältere Heidelberger, jeder allein an einem Tisch. Und: „We did the Heidelberg castle“. Wo er das berühmte Fass zu sehen bekommt, an dem er vor allem kritisierte, dass es leer war. Dennoch: „We drank a bit more“. Er schwankte (wohl nach zu viel Alkohol) und hat so getan, als würde er auf den Fluss und die Stadt schauen – wie es sich für einen Touristen aus Amerika gehört. Und es gibt einen Bericht von Buselmeier, der sich völlig anders erinnert: „Er trank still Tee mit Honig, keinen Rotwein!“ Und Christoph Derschau sei überhaupt nicht dabei gewesen.

Bukowski: „Ich schreibe über das, was übrigbleibt“


In einem wie immer wunderschön gestalteten Heft der Marbacher Reihe „Spuren“ erzählt der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering von diesem skurrilen Besuch und den beiden Berichten: Bukowskis Selbststilisierung und die von Buselmeier erzählte Version, der betont, dass sich Bukowski auch in der Umgestaltung der Realität in seinen Büchern treu blieb. Indem er der romantisierenden Rezeption Heidelbergs, die, angestoßen von Mark Twain, bis heute anhält, eine eigene Poetik entgegensetzt. Und zwar die des desillusionierten Säufers, der die Klischees anti-romantisch unterläuft. Und in seiner frechen Düsterkeit gleich ein neues Heidelbergklischee erfindet, das einer langweiligen Stadt, in der man gut trinken kann. Denn sein Credo ist auch hier: „I write about what’s left over (…), life in the factory, life in the streets and rooms of the poor and mutilated and the insane, crap like that“. (Ich schreibe über das, was übrigbleibt, das Leben in der Fabrik, in den Straßen und Zimmern der Armen und Verstümmelten und Verrückten, so’n Zeug.)
Heinrich Detering: Charles Bukowski in Haydleburg. Deutschen Schillergesellschaft. 16 Seiten, zahlreiche Abb., mit einer Beilage von Manfred Metzner, 4,50 Euro.

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Erstellt:
16. Januar 2021, 18:00 Uhr
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