Warten auf die große Freiheit

Rastatt (for) – Es sind die kleinen Momentaufnahmen des Lebens: Kurioses, Schönes, Ärgerliches. „Lebensnah“ schreibt Janina Fortenbacher über leere Wohnungen und lange Lieferzeiten für Möbel.

Momentaufnahmen aus dem Alltag der BT-Redakteure sind unter der Rubrik „Lebensnah“ zu finden. Grafik: stock-adobe.com/Badisches Tagblatt

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Momentaufnahmen aus dem Alltag der BT-Redakteure sind unter der Rubrik „Lebensnah“ zu finden. Grafik: stock-adobe.com/Badisches Tagblatt

Von Janina Fortenbacher

Morgens ewig ausschlafen, danach direkt aufs Sofa schmeißen, sich tagelang von Tiefkühlpizza ernähren und das Geschirr erst dann spülen, wenn es keine saubere Tasse mehr gibt. Die erste eigene Wohnung stellte für meinen Freund und mich immer den Inbegriff von Freiheit dar – bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns tatsächlich dazu entschieden hatten, „Hotel Mama“ zu verlassen. An was wir zunächst nämlich nicht gedacht haben: Um auszuschlafen, braucht es erst einmal ein gemütliches Bett. Ohne Sofa ist es nur halb so schön, stundenlang vor dem Fernseher zu sitzen. Und die Pizza auf dem Fußboden zu verspeisen, weil der Esstisch fehlt, ist auch nicht wirklich romantisch – schon gar nicht, wenn dieser Zustand über ein halbes Jahr anhält.

Aber von vorne und der Reihe nach: Bereits Ende 2019 haben mein Partner und ich den Entschluss gefasst, in die Eigentumswohnung meines Vaters zu ziehen. Das Kapitel Wohnungssuche konnten wir also ohne Probleme abhaken. Komplizierter gestaltete sich dagegen das Kapitel Einrichtung. Weil bisher noch keiner von uns eine eigene Wohnung hatte, mussten so gut wie alle Möbel neu gekauft werden. Nachdem wir endlich eine Auswahl getroffen hatten, war Anfang März dann alles Nötige bestellt und sollte spätestens in fünf Wochen geliefert werden. Was wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wussten: Der 1. April als Einzugstermin in unser erstes eigenes Reich sollte sich als böser Aprilscherz entpuppen – dank der Corona-Pandemie.

Auf das Ende folgt eine Fortsetzung

Aus fünf Wochen Lieferzeit wurden wegen der Kontaktbeschränkungen plötzlich zehn, dann 15 – und viele weitere folgten. Schließlich endete unsere Möbelodyssee in einer rund sechs Monate langen Geduldsprobe, geprägt von unzähligen Wutausbrüchen meinerseits und ebenso vielen Vertröstungen seitens der Möbelhäuser. Aber wie heißt es so schön: Aller Anfang hat irgendwann ein Ende. So auch die Warterei – mit dem Kleiderschrank wurde im August schließlich das letzte fehlende Möbelstück geliefert.

Aber Vorsicht: Meistens hat das, was ein Ende hat, auch eine Fortsetzung, und die kam schon beim Auspacken der einzelnen Schrankteile zum Vorschein – Spiegeltüren zerbrochen, Einlegeböden beschädigt, Kleiderstangen verbogen. Die Folge: Noch einmal vier Wochen auf die Ersatzteile warten. Daran konnten leider auch meine Tränen der Verzweiflung nichts ändern. Ende September und somit fast ein Jahr nach unserem Entschluss, zusammenzuziehen, haben wir schließlich mit der neuen und diesmal makellosen Schranktür das letzte Teil in unserem kleinen Heim montiert.

Während wir gemeinsam auf dem Sofa liegen, jeder mit einem Stück Tiefkühlpizza in der Hand, können wir mit Stolz sagen: Die erste große Beziehungsprobe haben wir gemeistert. Auf der Spüle stapeln sich zwar schon wieder die schmutzigen Teller, aber das ist egal. Der Abwasch kann bis morgen warten, denn Warten sind wir ja gewohnt.

Vor zwei Wochen schrieb Kathrin Maurer über Schlüsselfeen und Mantras.

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Erstellt:
3. Oktober 2020, 19:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 28sec

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