Vitra-Museum schreibt deutsche Design-Geschichte neu

Weil (cl) – Es ist die erste Gesamtschau: „Deutsches Design von 1949-1989“ aus DDR und BRD ist jetzt im Vitra Design Museum Weil wiedervereint. Möbel, Leuchten, Grafik, Mode, PC – alles ausgestellt.

West-östliche Design-Vereinigung: Vor Frank Gehrys Architektur des Vitra Design Museums in Weil parkt derzeit ein Trabant als Signal für die neue deutsch-deutsche Ausstellung.  Foto: Ludger Paffrath/Vitra Design Museum

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West-östliche Design-Vereinigung: Vor Frank Gehrys Architektur des Vitra Design Museums in Weil parkt derzeit ein Trabant als Signal für die neue deutsch-deutsche Ausstellung. Foto: Ludger Paffrath/Vitra Design Museum

Von BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Das Bauhaus, vor über 100 Jahren von Walter Gropius in Weimar gegründet und in Dessau weitergeführt, hat das deutsche Design zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt – und die moderne Gestaltung weltweit beeinflusst. Der Deutsche Werkbund brachte die gute Formgebung in die Industrieproduktion – zukunftsweisende Impulse gingen davon aus auf Baukultur und Optik industriell gefertigter Alltagsprodukte. Die Nationalsozialisten schlossen bekanntlich die innovative, selbstständige Design-Schmiede rasch, die Bauhaus-Gründer flüchteten ins Ausland. In der Nachkriegszeit waren die Bauhaus-Ideen wieder en vogue – der Gestaltungsbedarf war enorm.
Im Westen als Motor des „Wirtschaftswunders“, im Osten als Teil sozialistischer Planwirtschaft blieb das Bauhaus eine wichtige Inspirationsquelle: Die Hochschule für Gestaltung in Ulm von Max Bill, Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl führte die Ideen in den 1950er Jahren weiter, im Osten überlebten sie in der Berliner Kunsthochschule Weißensee und Burg Giebichenstein, Halle. So unterschiedlich die BRD und die ehemalige DDR auch politisch waren und sich gesellschaftlich entwickelten, so gibt es doch mehr Parallelen in der gestalterischen Formgebung, als bisher erforscht. Kapitalismus und Kommunismus haben sich im Design zumindest zeitweise stark angenähert und wirkten weltweit inspirierend.
Die heute startende Ausstellung „Deutsches Design von 1949-1989. Zwei Länder, eine Geschichte“ im Vitra Design Museum in Weil stellt nun erstmals die Entwicklungen des Kunsthandwerks und der Alltagskultur in der BRD wie der ehemaligen DDR einander gegenüber. Und gleichzeitig versuche die Ausstellung, so erklärt Museumsdirektor Matteo Kries bei der Videopressekonferenz, über 30 Jahre nach dem Mauerfall auch eine „Wiedervereinigung des Designs“ beider Länder. Es sei die erste große Gesamtschau deutsch-deutscher Designgeschichte, an der nicht nur das bekannte badische Design-Museum mit seiner reichen internationalen Sammlung Ausstellungsgeschichte schreiben möchte. Beteiligt an der Präsentation ist auch das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit seinen Exponaten zu ikonischen Modul-Möbeln, Leuchten, Grafik, Industriedesign, Mode wie Schmuck aus der Ex-DDR. Dessen Direktor Philipp Kurz betont: „Die Designobjekte in Ost und West waren nicht die gleichen, aber ihre hohe Qualität war die gleiche.“

„Deutsches Design von 1949-1989“ aus der BRD und DDR im Vitra Design Museum zeigt auch frühe Gestaltungsideen für den PC.  Foto: Ludger Paffrath/Vitra Design Museum

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„Deutsches Design von 1949-1989“ aus der BRD und DDR im Vitra Design Museum zeigt auch frühe Gestaltungsideen für den PC. Foto: Ludger Paffrath/Vitra Design Museum


Dass das DDR-Design aus billig-buntem Plastik und und die Gestaltung in der BRD nur kühlem Funktionalismus folgte, mit diesen Klischees will die Schau aufräumen. Einerseits wird dabei die politische Bedeutung von Design in der Ära des Kalten Kriegs deutlich, andererseits offenbart sich eine Vielfalt an Stilen und Haltungen, die einen differenzierten Blick auf die ideologischen Gegensätze werfen. In der Ausstellung stehen die Objekte beider Staaten einander vergleichend gegenüber und dabei werden ideologische und gestalterische Unterschiede ebenso wie Parallelen und Querbezüge, die Ost und West verbanden, aufgezeigt. Fest stehe: Das Design habe maßgeblich dazu beigetragen, dass sich das durch die Nazi-Zeit weltweit angeschlagene Image der Deutschen in der Nachkriegszeit entscheidend verbessert habe, erklären die Ausstellungsmacher – durch die Expo 1958 in Brüssel und die 1949 neu startende Leipziger Messe.
Politik, Gesellschaftsentwürfe und Kunst erscheinen eng verknüpft. Der Industriedesigner Konstantin Grcic hat sie in vier Räume und Zeitkontexte gegliedert: ausgehend von einschneidenden Ereignissen. 1949, im Gründungsjahr beider Staaten, gab es noch mehr Verbundenheit: im funktionalen „Mokick S50“, das mit seinen leicht austauschbaren Modulen dem auch im Westen bevorzugten Baukastenprinzip folgte oder mit der Verwendung natürlicher Materialien im Design der 1950er Jahre.
Plastik mit futuristischen Rundungen war im beginnenden Zeitalter der Raumfahrt in West wie Ost führend. Ikonisch dafür steht der Wahl-Karlsruher Luigi Colani, sein Schlaufensessel ist ausgestellt; der Trabant aus Zwickau mit seiner Plastik-Karosserie parkt vor dem Weiler Museum.

Bauhaus-Ideen wieder belebt: Designgeschichte verlief nicht immer streng getrennt


Ein Blick fällt auf die Objekte der Bauhaus-Erben Dieter Rams (Stereoanlage „Schneewittchensarg“, 1956) und Egon Eiermann aus Baden-Baden, auf Max Bills Küchenuhr oder Klaus Kunis‘ elegante Gieskanne. Objekte wie der aufklappbare rote Plastiksessel von Peter Ghyczy, scherzhaft auch „Gartenei“ genannt, von 1968 zeigen, dass die Designgeschichte nicht immer streng getrennt verlief – das futuristische Möbelstück hat ein Ungar entworfen, produziert wurde es in Ost- wie Westdeutschland.
Das Grafikkonzept von Otl Aicher für die Lufthansa und die Olympischen Spiele 1972 in München wird dargelegt, genauso wie die Entwürfe für die ersten Computer, als Steve Jobs Anfang der 1980er Jahre einen der ersten Apple-Computer von dem deutschen Designer Hartmut Esslinger gestalten ließ. Deutsches Design war wieder weltweit gefragt. Mit dem Fall der Mauer 1989 wurden große Teile der DDR-Industrieproduktion „abgewickelt“, viele Produkte aus dem DDR-Alltag verschwanden.
Das Vitra Design Museum von Frank Gehry mit der futuristischen Architektur, das im selben Jahr eröffnet wurde, schreibt nun ein neues Kapitel deutscher Designgeschichte. Es hat nach eigenen Angaben ab heute wieder geöffnet; nach Voranmeldung ist die Schau täglich zu besuchen.

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