Vier Fragen zum Besuch bei Verwandten

Nürnberg (dpa) – Wenn durch die Corona-Pandemie der Familientrip platzt, ist Plan B gefragt. Spontan bei der Verwandtschaft einzufallen, kann im Fiasko enden. Eine Familientherapeutin weiß warum.

Vier Fragen zum Besuch bei Verwandten

Erst die Enttäuschung verarbeiten und dann die alternative Reise antreten, rät Familientherapeutin Valeska Riedel. Foto: Anestis Aslanidis/vor-ort-foto.de/dpa-tmn

Die Herbstferien waren so schön geplant. Die ganze Familie hat sich darauf gefreut – doch explodierende Corona-Infektionszahlen, Herbergsverbote oder fehlende Corona-frei-Atteste machen einen Strich durch die Rechnung: Die geplante Urlaubsreise fällt aus. Wer sich jetzt eilig entscheidet, stattdessen der Verwandtschaft einen Besuch abzustatten, muss damit rechnen, dass die Enttäuschung mitreist, sagt Familientherapeutin Valeska Riedel, Leiterin des Nürnberger Miramis-Instituts, im Gespräch mit Claudia Wittke-Gaida.

BT: Der Besuch bei den Verwandten kann doch auch ganz nett sein. Wieso ist da Enttäuschung programmiert?

Valeska Riedel: Wenn man Freunde oder Familie besucht, weil man jetzt nicht in den Bayerischen Wald, nach Tirol oder Griechenland fahren kann, ist das schön und gut. Aber was ist mit den Emotionen? In welche Tasche habe ich sie hinein gesteckt? Habe ich sie überhaupt wahr- oder angenommen?

BT: Also wohin mit den Emotionen?

Riedel: Emotionen wollen ganz einfach gefühlt werden. Als Familientherapeutin erlebe ich, wie oft Eltern ihren Kindern Enttäuschungen ersparen wollen. Geht der Lieblings-Teddy verloren, gibt es sofort drei deckungsgleiche, die man aus dem Schrank zieht. Unter dem Motto: Gar nicht so schlimm - hier ist doch dein Teddy. Das geschieht in bester Absicht. Aber so können Kinder überhaupt nicht trainieren, mit Enttäuschungen umzugehen. Und Erwachsene haben das oft selber gar nicht so gut drauf. Sie können nur schwer ertragen, wenn die Kinder enttäuscht sind und tun mitunter sehr viel dafür, um ihnen unangenehme Gefühle zu ersparen.

BT: Heißt das, bevor man Plan B angeht, muss die Enttäuschung erst mal raus?

Riedel: So ist es. Es ist wichtig, die Kinder zu trösten, ohne ihnen die empfundenen Gefühle auszureden. So rate ich dazu, ihnen nicht zu sagen: „Ist doch gar nicht so schlimm. Wir fahren doch jetzt zu Tante Martina.“ Die ganze Familie kann ruhig mal zusammen seufzen und stöhnen. Dabei ist es wichtig, nichts zu beschönigen oder zu unterdrücken.

Oft reicht es auch schon, die Enttäuschung auszusprechen und auch den Kindern gegenüber zu kommunizieren: „Es ist so schade. Ich bin so enttäuscht, dass der Urlaub nicht stattfinden kann. Ich hatte alles so toll vorbereitet, mich gefreut – auf die Zeit am Meer, auf unsere Lieblingspension, das tolle Essen.“

Als Nächstes sollte man sich fragen: Mit welchen Erwartungen fahren wir nun, gerade nach einer Enttäuschung, zu den Schwiegereltern? Wenn Enttäuschung und Trauer empfunden und zum Ausdruck gebracht werden konnten, können wir die zweitbeste Möglichkeit kreativer und verantwortungsbewusster annehmen: „Ok, es ist wie es ist. Was können wir jetzt stattdessen tun?“

BT: Wie könnte der Plan aussehen?

Riedel: Geht es beispielsweise zu den Schwiegereltern, macht es Sinn, sich zu fragen, was allen miteinander Spaß macht – um nicht aufeinander zu hocken und sich erwartungsvoll anzublicken. So könnte man an einem Tag eine schöne Wanderung machen. Am nächsten Tag essen gehen, damit die Schwiegermutter nicht die ganze Zeit in der Küche wirbeln muss. Oder wie wäre es, auch mal etwas ohne Schwiegereltern zu unternehmen? Wichtig ist, dass die Zeit mit Qualität gefüllt ist.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.