Vier Fragen an den Virologen Hagen von Briesen

Baden-Baden (fk) – Auf schnelle Ergebnisse bei der Impfstoffsuche hofft der Virologe Professor Hagen von Briesen, stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik in St. Ingbert im Saarland. Im Gespräch mit BT-Redakteur Florian Krekel erklärt er, wie bei der Impfstoffsuche weiter vorgegangen wird, wo die Probleme liegen und wie eine zweite Welle der Pandemie möglicherweise verhindert werden kann.

Viren sind sehr unterschiedlich, jede Virenfamilie hat ihre Eigenschaften, bei generellen Vorhersagen in Sachen Impfstoff ist daher Vorsicht geboten, sagt von Briesen. Foto: Krekel

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Viren sind sehr unterschiedlich, jede Virenfamilie hat ihre Eigenschaften, bei generellen Vorhersagen in Sachen Impfstoff ist daher Vorsicht geboten, sagt von Briesen. Foto: Krekel

Von Florian Krekel

BT: Herr Professor von Briesen, wie schätzen Sie die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie ein, wie hoch ist aus Ihrer Sicht die Gefahr einer zweiten Welle?

Hagen von Briesen: Die befürchtete zweite Welle müssen wir im Auge behalten, denn es gibt durchaus schon Länder, in denen sich eine zweite Welle andeutet. Es bleibt aber dennoch keine andere Wahl, als die aktuellen Lockerungen durchzuziehen. Ein Staat, eine Gesellschaft kann nicht im Lockdown verharren. Das öffentliche Leben muss wieder hochgefahren werden – allerdings mit Bedacht und nur schrittweise. Das wird früher oder später zu Erkenntnissen über die getroffenen Lockerungen führen, seien sie nun positiver oder negativer Art. Kristallisiert sich eine Lockerung als negativ heraus, kann man sie wieder zurücknehmen. Deshalb ist es ganz wichtig, diese Lockerungen schrittweise anzugehen, denn so lässt sich ein weiterer großer Ausbruch verhindern.

BT: Aus Ihrer Sicht sind die Beschlüsse vom Mittwoch – Schulen in den Regelbetrieb, Großveranstaltungen (mit Ausnahmen) aber noch verboten – also die richtigen?

Von Briesen: Ja, so sollte man sich fortbewegen. Mit Lockerungen und Ausnahmen. Ob das mit den Schulen richtig ist, muss sich erst noch zeigen, denn die generelle Öffnung ist jetzt mit Sicherheit auch eine politische Entscheidung. Aber das Prinzip bleibt: Wir können es uns nicht leisten, in Schockstarre zu verfallen, müssen aber versuchen, Hotspots zu verhindern oder einzugrenzen. Deshalb ist es wichtig, schnelle Testergebnisse vorliegen zu haben, etwa durch mobile Testlabors, wie dies am Donnerstag am Baden-Airpark vorgestellt wurde (wir berichteten).

BT: Was natürlich zurzeit auch immer im Raum schwebt, ist das Thema Impfstoff. Wie läuft die Suche nach einem Impfstoff ab, wann ist damit zu rechnen?

Von Briesen: Auf das Glatteis, einen Termin festzulegen, will ich mich nicht begeben. Ich habe das in der Vergangenheit so häufig erlebt, dass auch bei anderen Erkrankungen von namhaften Experten gesagt wurde, dass man gegen Viren gut und verhältnismäßig schnell Impfstoffe findet. Das mag prinzipiell aus deren Sicht gestimmt haben, aber ich komme beispielsweise aus der HIV-Forschung – da hat man das 1985 auch schon gesagt, einen Impfstoff gibt es aber bis heute nicht. Es ist also in jedem Fall Vorsicht angebracht bei Prognosen. Viren sind sehr unterschiedlich, jede Virenfamilie hat ihre Eigenschaften. Viren werden gemeinhin immer als Ganzheit gesehen, das ist aber falsch – Corona, Masern, HIV – alles Viren, aber alle sehr unterschiedlich. Deshalb kann man nicht ohne Weiteres von einem Virus und einem Impfstoff auf den nächsten schließen. Aber: Natürlich sind wir heute auch weiter als zum Beispiel 1985.

BT: Das heißt? Wie geht man jetzt vor?

Von Briesen: Es gibt weltweit weit über 100 Projekte, die sich mit einer Impfstoffsuche gegen SARS-CoV-2 beschäftigen. Und es gibt insgesamt nach meinem Kenntnisstand aktuell aus dem Pool möglicher Impfstoffe elf klinische Studien am Menschen, die begonnen wurden. Weitere werden folgen – rund 20 Studien sind noch in der Wartepipeline. Die Studien vertreten zum Teil ganz unterschiedliche Ansätze. Allerdings läuft das alles im Moment auch ab wie ein Windhundrennen. Hunderte Millionen werden in die Forschung nach dem Impfstoff gepumpt, da kann man nur hoffen, dass der Satz gilt: Viel hilft viel. Aber das wissen wir noch nicht. Ich habe dennoch die Hoffnung, dass wir mit unseren heutigen Möglichkeiten schnell Resultate im Hinblick auf einen Impfstoff haben.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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Erstellt:
21. Juni 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 54sec

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