Vier Fragen an: Floriane Azoulay

Bad Arolsen (marv) – Die Arolsen Archives erinnern an die Verfolgten und Ermordeten des Nationalsozialismus. Floriane Azoulay leitet die in der hessischen Kleinstadt Bad Arolsen ansässigen Archive.

Die Französin Floriane Azoulay ist seit Januar 2016 Direktorin der Arolsen Archives. Vorher war sie Abteilungsleiterin bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Foto: Johanna Groß/Arolsen Archives

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Die Französin Floriane Azoulay ist seit Januar 2016 Direktorin der Arolsen Archives. Vorher war sie Abteilungsleiterin bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Foto: Johanna Groß/Arolsen Archives

Von Marvin Lauser

Im vergangenen Jahr wurde der Internationale Suchdienst (International Tracing Service: ITS), der kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde, in Arolsen Archives umbenannt. Die Archiv-Sammlung mit Hinweisen zu fast 18 Millionen Menschen gehört zum Unesco-Weltdokumentenerbe. BT-Onlineredakteur Marvin Lauser hat der Direktorin der Archive, Floriane Azoulay vier Fragen zu ihrer Arbeit gestellt. Bevor sie im Januar 2016 zur Direktorin der Arolsen Archives ernannt worden ist, war sie Leiterin der Abteilung für Toleranz und Antidiskriminierung des Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (Organizations for Cooperation and Security in Europe, OSZE).

BT: Frau Azoulay, wie erklären Sie jemandem, der die Arolsen Archives nicht kennt, was sie tun?
Floriane Azoulay: Wir tun alles, um die Erinnerung an die Verfolgten und Ermordeten des Nationalsozialismus wachzuhalten. Denn in den Arolsen Archives befinden sich über 30 Millionen Akten über Holocaust-Opfer, KZ-Häftlinge, NS-Zwangsarbeiter und die Überlebenden. Der schiere Umfang der Sammlung ist überwältigend. Und jedes einzelne Dokument weist auf die unfassbare Dimension der nationalsozialistischen Verfolgung hin. Die letzte Unterschrift eines Ermordeten auf einer KZ-Registrierungskarte; das Passfoto eines überlebenden Kindes in einer Akte aus der Nachkriegszeit: Dies sind intime und persönliche Spuren von einzelnen Menschen in einem riesigen bürokratischen Apparat. Für mich liegt darin ein wesentliches Thema der Arolsen Archives. Es geht um den Tod, aber auch um das Leben.

Dokumente wie diese Häftlingskarte aus dem KZ Buchenwald kann man in den Archiven einsehen. Foto: Johanna Groß/Arolsen Archives

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Dokumente wie diese Häftlingskarte aus dem KZ Buchenwald kann man in den Archiven einsehen. Foto: Johanna Groß/Arolsen Archives

BT: Wer kann die Archive nutzen?
Azoulay: Jeder – das ist uns wichtig! Ein Archiv und ganz besonders unser Archiv ist nur dann relevant, wenn es offen und zugänglich ist. Die Alliierten haben unsere Institution gegründet, um die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Schicksale der Opfer zu dokumentieren. Heute ist es ein Ort, an dem die Beweise über die Gräueltaten der NS-Verfolgung sicher aufbewahrt werden. Sehr bald wird es keine Zeugen und Überlebenden mehr geben, die über Schicksale berichten können. Deshalb müssen wir die Dokumente an ihrer Stelle sprechen lassen. Heute schon stehen weite Teile der Sammlung in unserem Online-Archiv zur Verfügung. Wir bieten dazu interaktive Tools wie den e-Guide, um den Nutzerinnen und Nutzern die Dokumente zu erklären.

BT: Das Onlineangebot der Arolsen Archives wird stark ausgebaut. Was können Interessierte auf der Homepage alles machen?
Azoulay: Sie können zum Beispiel in unserem Online-Archiv recherchieren und nach Namen von Angehörigen suchen. Man kann auch Ortsnamen eingeben und schauen, welche Hinweise es auf die NS-Verfolgung in der eigenen Stadt gibt. Diese direkte Verbindung, die Namen und Schicksale, treffen uns. Jeder kann zudem aktiv mithelfen und uns in unserer Arbeit unterstützen. Eine großartige Möglichkeit ist unser Projekt „Jeder Name zählt“. Mittlerweile unterstützen uns rund 7.500 Freiwillige aus aller Welt dabei. Sie übertragen die Angaben auf den Dokumenten in unser Online-Archiv. Sie geben auf einer Website Namen oder Geburtsorte ein, zum Beispiel von den Listen aus Konzentrationslagern. Damit helfen sie uns dabei, dass immer mehr Menschen durch eine einfache Suche in unserem Online-Archiv Informationen zu ihren Angehörigen finden. Wir sind überwältigt davon, wie viel Energie die Freiwilligen investieren, um uns in unserer Arbeit zu unterstützen. Das motiviert uns zusätzlich.

Im Online-Archiv der Arolsen Archives kann man beispielsweise Ortsnamen eingeben und schauen, ob es Hinweise auf die NS-Verfolgung in der eigenen Stadt gibt. Foto: Arolsen Archives

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Im Online-Archiv der Arolsen Archives kann man beispielsweise Ortsnamen eingeben und schauen, ob es Hinweise auf die NS-Verfolgung in der eigenen Stadt gibt. Foto: Arolsen Archives

BT: Die Arolsen Archives reisen derzeit mit der Wanderausstellung „#StolenMemory“ durch Deutschland, zuletzt zu sehen in Meßkirch. Wenn Kommunen aus unserem Verbreitungsgebiet Interesse hätten, was müssten sie tun, um eine Kooperation zu vereinbaren?
Azoulay: Sprechen Sie uns an. Wir werden uns bemühen, die Ausstellung in Ihre Stadt zu bringen. Das ist einfach, denn die Ausstellung ist ein umgebauter und begehbarer Übersee-Container. Er wird angeliefert, aufgebaut und wieder abgeholt. Was mir so gut daran gefällt ist, dass die Ausstellung zu den Besuchern kommt und nicht umgekehrt. Sie steht auffällig im öffentlichen Raum und weckt Interesse. Auch Menschen, die nicht so häufig in Museen oder Gedenkstätten gehen, stolpern darüber und schauen sich die Ausstellung an. Zu sehen sind Plakate mit den persönlichen Gegenständen von ehemaligen KZ-Häftlingen. Sie wurden ihnen in den Konzentrationslagern abgenommen. Wir bewahren in unserem Archiv noch über 2.500 Umschläge mit diesen Dingen auf. Sie gehören nicht dem Archiv, sondern den Familien. Die Ausstellung „#StolenMemory“ dokumentiert die Suche nach den Familien und zeigt, was es den Menschen bedeutet, diese Erinnerungen zurückzuerhalten. Auch bei diesem Projekt unterstützen uns Freiwillige aus vielen Ländern. Je mehr Menschen mitsuchen, desto mehr Gegenstände können wir in die richtigen Hände geben.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


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