Verschmutzte Böden und Schimmel

Baden-Baden (hol) – Lebensmittelkontrolleure werden bei ihren Besuchen immer wieder fündig.

Temperaturmessung beim Nudelgericht: So manches Mal sind die Speisen nicht warm genug.Foto: Holzmann

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Temperaturmessung beim Nudelgericht: So manches Mal sind die Speisen nicht warm genug.Foto: Holzmann

Von Harald Holzmann

Monja Strebel zückt das Thermometer aus dem weißen Kittel und misst. Die Digitalanzeige steigt langsam an und stoppt bei 47,6 Grad. Die Speisen, die in Styropor verpackt in der Küche eines kurstädtischen Restaurants auf hungrige Kunden warten, sind nur lauwarm. Dabei dauert es bis zur Mittagspause noch ein Viertelstündchen. „Das geht gar nicht“, sagt Strebel. Sie ist eine von drei Lebensmittelkontrolleuren, die im Auftrag der Stadt unterwegs sind, um insgesamt etwa 1400 Betriebe zu überprüfen, die mit der Zubereitung von Speisen und Getränken zu tun haben.

Essen, das außer Haus verkauft wird, muss mindestens 65 Grad warm sein. Das hat hygienische Gründe, erklärt die Fachfrau. Reis, Nudeln, Pizza, Döner und Burger, die langsam abkühlend irgendwo herumstehen, sind der ideale Nährboden für Bakterien. „Heiß halten oder schockfrosten“, rät sie Gastronomen in solchen Fällen.

Monja Strebel kennt ihre Pappenheimer und weiß, wo sie genauer hinschauen muss. Die gelernte Konditormeisterin aus Offenburg hat 2009 eine Ausbildung zum Lebensmittelkontrolleur draufgesattelt und ist seit drei Jahren in der Kurstadt für Betriebe mit Postleitzahl 76530 zuständig. Großkantinen, Bäckereien, Getränkemärkte, Pizzerien, Ausflugsgaststätten und Supermärkte sind darunter. Und das ist nicht alles. Auch für Betriebe, die mit Kosmetik- und Arzneiprodukten zu tun haben oder diese herstellen, sind die Kontrolleure zuständig. „Wenn im Modegeschäft Schuhe zurückgerufen werden, weil sie Chemikalien abgeben, dann müssen wir das auch überwachen“, sagt Strebel. Und dann kämen ja auch noch der Christkindelsmarkt und diverse Feste hinzu. Ihre Aufgabe sei vielfältig. „Kein Tag ist wie der andere. Aber das gefällt mir.“

Auch beim Betreten des nächsten Lokals weiß Strebel nicht genau, was auf sie zukommt. Sie öffnet Schranktüren und Schubladen, Kühlfächer und Backöfen. „Hier müsste auch mal wieder geputzt werden“, sagt sie mit Blick auf den völlig verschmutzten Boden hinter der Theke. Der Wirt erklärt ihr wortreich, dass hier „normalerweise“ immer alle zwei bis drei Tage gewischt werde. „Normalerweise“ ist ein Wort, dass Strebel von ihm öfter zu hören bekommt. Irgendwann antwortet sie: „Normalerweise ist immer dann, wenn ich hierher komme.“ Dann öffnet sie die Schublade des Eiswürfelbereiters, zückt ihr Handy und macht ein Foto von der Oberseite des Geräteinneren, die von außen nicht sichtbar ist. Das Bild zeigt Schimmel und schwarze Dreckränder. „Alles ausräumen, wegwerfen und ordentlich putzen“, sagt sie. Der Wirt wird stiller.

Das Foto vom Schimmel ist eines von vielen Bildern, die Strebel an diesem Tag macht. Diese werden als Beweismittel den Mängelberichten angefügt, die die Gastronomen ein paar Tage nach der Kontrolle zugeschickt bekommen mit der Aufforderung zur Beseitigung der Mängel. Klappt das nicht, wird eine Frist gesetzt. In einem weiteren Schritt kann eine Geldbuße von 200 Euro pro Mangel verhängt werden. „Da dämmert es dann so manchen, dass sie das Geld besser zum Bezahlen von Putzpersonal einsetzen sollten“, sagt Strebel. Fehlt dann immer noch das Einsehen, kann das Bußgeld verdoppelt werden. Und am Ende der Eskalationsspirale droht auch eine Betriebsschließung für eine Grundreinigung.

Dass eine Firma sofort dichtmachen muss, das komme eher selten vor. „Ich habe es aber auch schon erlebt“, sagt Strebel. Wenn Schaben oder Maden die Küche bewohnten oder sich Ratten an den Abfällen labten, sei Gefahr in Verzug. Und manchmal gibt es auch in Kühl- oder sonstigen Schränken unangenehme Entdeckungen, die als „Verdachtsproben“ in der Plastik-Kühlbox landen, die Monja Strebel im Dienstwagen dabei hat.

Häufig Händewaschen: „Schon viel gewonnen“

Heute bleibt die Kühlbox leer. Der Schimmel im Eisbereiter und das lauwarme Essen sind die schlimmsten Verstöße des Tages. Die sonstige Foto-Ausbeute: staubige Kühlhaus-Ventilatoren, Reinigungsmittelflaschen, die neben Lebensmittel lagern, eine Fleischgabel mit angetrockneten Essensresten, Schmutz an der Bierzapfanlage, offen stehende Lebensmittelreste ohne Anbruchdatum, schmutzige Küchendecken und Dunstabzugshauben, Handwaschbecken ohne Seifenspender. Überhaupt: „Neben der Kühlung der Lebensmittel ist häufiges Händewaschen ganz wichtig“, sagt sie. „Da ist schon viel gewonnen.“

Zwei Betriebe bleiben die schriftlichen Nachweise über Schädlingsbekämpfung und die Schulung der Mitarbeiter schuldig. „Die Listen habe ich daheim“, sagen die Wirte. Ob das stimmt? Das wird sich beim nächsten Besuch der Kontrolleurin herausstellen. „Dann will ich die Listen sehen“, sagt sie.

Fündig wird Monja Strebel bei allen Betrieben. In der Regel bleibt es aber beim Beratungsgespräch, und viele Wirte, Köche und Einzelhändler verstehen ihren Besuch als Hilfestellung. „Ich habe heute wieder gute Hinweise bekommen“, verabschiedet sich denn auch einer der Besuchten von der Kontrolleurin.

Hinweise hat auch der Wirt mit dem lauwarmen Essen bekommen. Er kommt nach weiteren zehn Minuten Wartezeit zu dem Entschluss, die Lebensmittel nicht mehr zu verwenden, sondern wegzuwerfen. Eine richtige Entscheidung, wie Monja Strebel sagt.

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Erstellt:
1. März 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 24sec

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