Ultimatives Schwarz: Soulages im Museum Frieder Burda

Baden-Baden (cl) – Unergründliche Tiefe der Malerei: Dem französischen Altmeister der Abstraktion, Pierre Soulages, widmet das Museum Frieder Burda eine Retrospektive. 58 Werke sind zu sehen.

Pierre Soulages, der Altmeister der französischen Abstraktion, malt immer noch, auch mit über 100.  Foto: Sandra Mehl

© pr

Pierre Soulages, der Altmeister der französischen Abstraktion, malt immer noch, auch mit über 100. Foto: Sandra Mehl

Von Christiane Lenhardt

Der französische Künstler Pierre Soulages ist einer der letzten lebenden Legenden der abstrakten Gegenwartskunst – die Farbe Schwarz seine lebenslange Herausforderung. Sie bedeutet für den Maler und Grafiker nicht Düsternis, sondern ein Pendant zum Licht und ideale Oberfläche für nuancenreiche Spiegelungen.
An Heiligabend 2019 feierte Soulages seinen 100. Geburtstag, sein Heimatland würdigte ihn unter anderem mit einer Ausstellung im Louvre. Das Museum Frieder Burda hat die Pariser Schau nach Baden-Baden geholt – zeigt sie in neuer Zusammenstellung mit aktuellen Werken des Künstlers und mit Arbeiten aus Sammlungen deutscher Museen. Soulages-Werke finden sich kaum in privaten Sammlungen, dafür umfangreich in öffentlichen. 58 seiner Werke sind in Baden-Baden jetzt zu sehen: Riesenformate und auch Grafik. Am heutigen Samstag öffnet die Ausstellung fürs Publikum.

Schwarz als Pendant zum Licht: Soulages-Leinwände im Museum Frieder Burda changieren auf ihrer Oberfläche, wie die Malerei von 1994.  Foto: Albertina, Wien

© pr

Schwarz als Pendant zum Licht: Soulages-Leinwände im Museum Frieder Burda changieren auf ihrer Oberfläche, wie die Malerei von 1994. Foto: Albertina, Wien


Wir können uns dem Werk von Pierre Soulages von den jüngeren bis hinauf zu den ganz frühen Arbeiten ab 1946 nähern. Im Erdgeschoss-Saal hängen recht neue Großformate – wie Soulages es nennt: „dem Überschwarz“ gewidmet. Von 2019 stammt das jüngste Triptychon, das er für die Louvre-Ausstellung zu seinem 100. Geburtstag malte; die dreiteilige Arbeit ist im Besitz des Künstlers und seit Paris nicht mehr ausgestellt worden: drei extrem hochformatige Leinwände in glänzendem Schwarz, das auf der Bildoberfläche unterbrochen wird durch dicke Querrillen, die unter unterschiedlichem Lichteinfall changieren, mitunter bläulich strahlen. Zwei Extreme erhöhen sich gegenseitig in diesem Tageslichtmuseum: die rein weißen, flirrenden Wände der Richard-Meier-Architektur und die Tiefen der dunklen Malerei Soulages‘. Das natürliche Licht ist elementarer Bestandteil der Kunst. So erschafft Soulages ein lebendiges Werk, das im Kopf des Betrachters weiterwirkt. Die Kuratoren Udo Kittelmann, der scheidende Direktor der Nationalgalerie Berlin, und der französische Ausstellungsmacher Alfred Pacquement, ein enger Freund Soulages‘, haben im Museum Frieder Burda Räume zur Kontemplation, zum Nachdenken eingerichtet.


Eine schrittweise Annäherung an dieses ungewöhnliche Werk, das der Künstler in seinem unergründlichen Schwarz immer noch weiterentwickelt, ist möglich. Soulages‘ Riesenformate aus den 2000er-Jahren hängen nicht nur an den Wänden, sondern auch an Stahlseilen von der Decke, man kann sie umwandern. An diesen hängenden Leinwänden zog er die Furchen vertikal und horizontal. Grobe Bürsten, Besen und Holzstangen, auch Gummistücke benutzte Pierre Soulages, um mit diesen Mitteln Rillen und Furchen, tief in die schwarze Malschicht einzugraben. Schon reliefartig sind diese Strukturen. Unter Lichteinfall haucht Soulages durch die Oberflächenbehandlung der dick aufgetragenen Nicht-Farbe Schwarz – seinem Schwarz, mal in Öl, mal in Acryl – Leben ein. Es brauche 60 bis 70 Jahre, bis man mit der Erfahrung als Künstler und als Mensch, an den Punkt komme, ein solches Ziel zu verfolgen, sagt Kurator Kittelmann.
Bis es bei Soulages zur absoluten Loslösung von jeglicher Kolorierung und der ausschließlichen Verwendung von Schwarz kam, hat es einige Zeit gedauert. Im Mezzanin und im Obergeschoss hängen seine frühen Arbeiten; die Beispiele der Schau reichen bis in die 1940er Jahre zurück, als der Künstler noch ganz zart Farbe einsetzte. In der Malerei der 1950er Jahre gibt es noch kräftige Farben: Blau, Rot und Gelb, aber das Schwarz dominiert in dunklen, kreuz und quer gesetzten Balkenstrukturen. Zuletzt blitzt nur noch ein Ocker am Bildrand durch. Beeinflusst war der Künstler da noch von den französischen wie den deutschen Informellen und dem amerikanischen abstrakten Expressionismus. Aber im Gegensatz zu den wilden Pinselstrichen seiner europäischen Kollegen damals, ist Soulages‘ Malerei nicht gestisch. Bei ihm sitzt jeder Pinselstrich, ist mit Bedacht konstruiert.
Letzte Reste von Farbe: In der Malerei der 1950er Jahre blitzt noch ein kräftiges Blau in der dunklen Soulages-Malerei auf.  Foto: Sprengel Museum Hannover/Michael Herling/Aline Gwose

© pr

Letzte Reste von Farbe: In der Malerei der 1950er Jahre blitzt noch ein kräftiges Blau in der dunklen Soulages-Malerei auf. Foto: Sprengel Museum Hannover/Michael Herling/Aline Gwose


Bis in die Kindheit zurück reicht Soulages‘ Faible für Schwarz. Kittelmann erinnert an eine Anekdote aus dessen Kindheit: So habe er damals mit schwarzer Farbe auf einem weißen Blatt Papier Striche gemalt – gefragt, was das sein solle, habe der kleine Pierre geantwortet: Er male Schnee.
Soulages wurde in Rodez, zwischen Lyon und Toulouse gelegen, geboren; 2014 eröffnete sein Museum in seiner Geburtsstadt. Heute lebt und arbeitet der Künstler in der französischen Mittelmeerstadt Sète – und war von dort aus stets eng involviert in die Baden-Badener Ausstellungsplanungen. Mit seinen 1,90 Metern steht er noch immer vor der Leinwand. „Warum sollte ich aufhören?“, erklärte er in einem Interview zu seinem runden Geburtstag. Die individuelle künstlerische Handschrift und die komplexen Kompositionen des Altmeisters der französischen Abstraktion sind wohl überlegt und längst Klassiker der Gegenwartskunst. Zu sehen bis 28. Februar 2021.

Um diesen Artikel weiterzulesen, müssen Sie ein Login für BT Digital haben.
Sie sind bereits registriert? Dann melden Sie sich bitte hier an.
Sie interessieren sich für einen BT Digital Zugang? Dann finden Sie hier unsere Angebote.

Zum Artikel

Erstellt:
16. Oktober 2020, 21:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen