Theater Baden-Baden spielt ab 12. Juni wieder im Freien

Baden-Baden (cl) – Das Theater Baden-Baden will ab 12. Juni mit einem Ersatzspielplan, kleineren Stücken und Liederabenden, im Freien wieder starten. Ab 26. Juni wird auf der Bühne weitergespielt: Die ausgefallene Premiere von „Der Vorname“ wird nachgeholt. Das Land Baden-Württemberg hat gestern grünes Licht für Bühnen ab 1. Juni gegeben.

Die Logen des Theaters Baden-Baden werden ab 26. Juni wieder besetzt: Die ausgefallene Premiere des Stücks „Der Vorname“ soll dann nachgeholt werden. Foto: Viering

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Die Logen des Theaters Baden-Baden werden ab 26. Juni wieder besetzt: Die ausgefallene Premiere des Stücks „Der Vorname“ soll dann nachgeholt werden. Foto: Viering

Von Christiane Lenhardt

Was für einen schönen Anblick der rot-golden glänzende Zuschauerraum des Theaters Baden-Baden mit der reich verzierten Rokokoausstattung doch bietet: Seit März darf kein Zuschauer mehr hinein. Die Corona-Abstandsregeln haben es nun möglich gemacht, dass der neue Spielplan für die Saison 2020/21 direkt auf der Bühne vorgestellt wurde. Die Pressevertreter durften zusammen mit dem Leitungsteam gestern die Schauspielerperspektive einnehmen.
„Es ist ein bisschen wie ‚Warten auf Godot‘“, sinnierte die auch anwesende Oberbürgermeisterin Margret Mergen noch am Vormittag: „Alle wollen, dass es endlich losgeht, alles steht bereit – und sobald die Verordnung des Landes Baden-Württemberg raus ist, können wir starten.“ Vor zehn Tagen hatte Kunststaatssekretärin Petra Olschowski im BT-Interview ein hoffnungsvolles Signal an die Kulturszene gesendet, dass ab 1. Juni kleinere Veranstaltungen auf Bühnen und bei Festivals im Freien mit bis zu 100 Besuchern wieder möglich sein könnten. Gestern Nachmittag kam die ersehnte Bestätigung des Landes: Ab 1. Juni darf wieder gespielt werden.
Hinter den Kulissen haben die Mitarbeiter des Theaters Baden-Baden schon alles geplant und ausprobiert für den schlanken Neustart unter Auflagen: Alles sei machbar, genügend Eingänge seien vorhanden, dass sich kein Gedränge ergebe, nur jede zweite Zuschauerreihe solle besetzt, drei Sitze Abstand zwischen den Zuschauern sollen eingehalten werden, sofern sie nicht im Familienverband kommen.

Fünf-Personen-Stück unter Abstandsregeln


„Wenn wir also dürfen, können wir im Juni starten“, erklärte Intendantin Nicola May gestern: Erst mal ab 12. Juni soll das sein mit einem Ersatzspielplan auf einer Hofbühne, draußen vor dem Tik am Wochenende mit Liederabenden, Lesungen, kleinen Stücken für 20 bis 30 Zuschauer. Am 26. Juni soll es wieder ins Theater reingehen – und dann die Premiere „Der Vorname“, die Mitte März am Tag des Lockdowns abgesagt werden musste, nachgeholt werden. Das Stück hat nur fünf Personen. „Damit könnten wir die Spielzeit auch halbwegs regulär zu Ende spielen“, erklärte May. Ob weitere Stücke des Spielplans bis zum geplanten Saisonende laufen? Danach sehe es momentan nicht aus, so Theatersprecherin Anna-Lena Bach, falls sich an den Regelungen nicht doch was ändert.
Die Freilichtaufführung mit der Goldoni-Komödie „Krach in Chiozza“ auf dem Marktplatz wird auf nächstes Jahr verschoben. Ebenso wie die zu den Osterfestspielen gemeinsam mit dem Festspielhaus geplante Hartmann-Oper „Des Simplicius Simplicissimus Jugend“ Ostern 2021 stattfindet.
Von vielen Unsicherheiten und Verschiebungen ist nicht nur die derzeit ausgebremste Spielzeit betroffen, sondern auch die neue Saison wird es sein. Chefdramaturgin Kekke Schmidt hat sie geplant – in ihrer Funktion als künftige Intendantin, wenn Nicola May ab Sommer, wie angekündigt, ihr Sabbatjahr beginnt.

„Die Notlüge“ zum Spielzeitauftakt


„Zusammen/Halt“ ist Kekke Schmidts Spielzeitmotto – entstanden sei es noch unter dem Eindruck des großen Miteinanders bei den Baden-Württembergischen Theatertagen vor einem Jahr. Aber jetzt eben „das Gebot der Stunde“: Doch, da die gut gemeinten Appelle schon wieder überhört werden, Egoismen, Nationalismen und Verschwörungstheoretiker hervorbrechen, hat sie es ein wenig variiert.
In Schmidts von coronabedingt etlichen Verschiebungen und auch Ausfällen geprägtem Spielplan steht zum Auftakt die bissige Familienkomödie „Die Notlüge“ nach dem österreichischen Film von Marie Kreutzer über die Turbulenzen einer Patchworkfamilie, der beim Fernsehfilm-Festival 2018 den Preis der Studentenjury bekam. Allerdings ist für das Stück eine große Besetzung nötig – und das macht die für den 26. September geplante Premiere fast wieder zu einem Spielplanrisiko. „Mephisto“ nach dem Roman von Klaus Mann, der dem legendären deutschen Schauspieler Gustav Gründgens und seiner schillernden Rolle in der NS-Zeit ein Denkmal setzte, ist dagegen eher umsetzbar und soll am 16. Oktober folgen.
Acht Premieren im Theater und mindestens zwei im Spiegelfoyer sind geplant, darunter Ibsens Familiendrama „Gespenster“ und Elfriede Jelineks Stück „Das Licht im Kasten“ über die Verheißungen und globalen Kehrseiten der Mode. George Taboris autobiografisches Meisterwerk „Mutters Courage“, wie sie dank ihrer Courage und Geistesgegenwart dem KZ entkam, soll auch gezeigt werden. Allein vier Stücke sind Ausweichler dieser Spielzeit, darunter das ausgefallene Horvath-Stück „Jugend ohne Gott“.

Defizit von fast 215 000 Euro erwartet


Ein dichter Spielplan mit vielen Wiederaufnahmen, auch „Hamlet“ und der „Fall Hau“ sind geplant. Schauspielstar Ulrich Tukur wird gastieren. Unter Vorbehalt wird noch an einem Musical laboriert, das der Karlsruher Kammertheater-Intendant Ingmar Otto im April 2021 inszenieren würde. „Work in progress“ könnte auch das Spielzeitmotto lauten, denn keiner weiß, ob die Epidemie weiter zurückgeht, wie momentan erhofft, und nicht im Herbst wieder aufflammt.
Ein erhebliches Loch wird sie wohl im Etat des Theaters reißen, das ist schon sicher. Mit rund 215 000 Euro Defizit sei zu rechnen, wenn bis Sommer gar nicht mehr gespielt werden könnte, sagte Verwaltungsleiterin Marie Luise Leibing gestern. – Defizite beim Theater übernahm die Stadt in den Jahren zuvor. Nun hat sich auch die Gesamtsituation der Stadt Baden-Baden um gut 20 Millionen Euro verschlechtert. Laut OB Mergen seien rote Zahlen zu erwarten – so appellierte sie vorsorglich an die Spendenbereitschaft der Theaterfreunde, das Geld für bereits bezahlte Karten, etwa im Abonnement, nicht zurückzufordern. Für die kommende Spielzeit wird es wegen der Unsicherheit kein Abonnement geben, weil aufgrund der Abstandsregeln auch keine festen Plätze vergeben werden können. Für die treuen Abonnenten soll es aber ein Exklusivangebot geben.
„Insgesamt werden weniger Menschen ins Theater kommen können“, sagte Interims-Intendantin Schmidt. Mit den wohl auch in der nächsten Spielzeit noch gebotenen Abstandsregeln werden auch die Einnahmen weiter einbrechen. Damit hat Verwaltungsleiterin Leibing auch in der kommenden Saison zu rechnen.
Homepage des Theaters Baden-Baden

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Erstellt:
27. Mai 2020, 07:00 Uhr
Lesedauer:
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