„Tatort“ ein verworrenes, aber gelungenes Beziehungsdrama

Dortmund (dpa) – Der neue Fall für das Dortmunder „Tatort“-Team macht Ermittlungen in den eigenen Reihen notwendig: Der Tote war ein junger Polizist. Die Ermittler geraten in ein Beziehungsgeflecht.

Peter Faber (Jörg Hartmann, links) und Martina Bönisch (Anna Schudt, rechts) nahmen inkognito an einem Seminar teil. Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

Peter Faber (Jörg Hartmann, links) und Martina Bönisch (Anna Schudt, rechts) nahmen inkognito an einem Seminar teil. Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

War es Eifersucht, enttäuschte Liebe, Rache? Schon früh in der neuen WDR-„Tatort“-Episode aus Dortmund (Sonntag, Das Erste, 20.15 Uhr) ist zu ahnen, dass der Mörder oder die Mörderin von starken Gefühlen getrieben worden sein muss. Getötet wurde der gut aussehende und auch sonst auf den ersten Blick beliebte und ehrgeizige Polizeihauptmeister Nicolas. Auf seiner Jogging-Runde wurde der 28 Jahre alte Mann in einem Park von einem Auto erfasst. Als er – vom ersten Aufprall offenbar gelähmt – davon kriechen will, überfährt der Fahrer oder die Fahrerin ihn gnadenlos ein zweites Mal.

Schon beim ersten Aufeinandertreffen am Tatort mit den geschockten Kollegen des Opfers wird auch den Kommissaren Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak (Rick Okon) und Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) schnell klar: Für die Ermittlungen in den eigenen Reihen der Polizei müssen sie tief hineinblicken in zwischenmenschliche Beziehungen – und auch die eigenen Gefühle auf den Prüfstand stellen.

Menschliche Beziehungen im Mittelpunkt

Entstanden ist ein solider Krimi mit klassischer Mördersuche und Hang zum Beziehungsdrama, der statt auf rasante Aktion oder betonte Brutalität stärker auf das Ausleuchten menschlicher Verbindungen zwischen Liebe, Macht und Abhängigkeit, Nähe und Enttäuschung setzt.

Da ist die Freundschaft des getöteten Polizeihauptmeisters zu seinem langjährigen Kollegen von der Stadtteil-Wache in Dortmund-Hörde. Da ist die Ehe des Toten, in die schon sehr bald ein Kind geboren wird. Da ist eine alte aus Polizeischulzeiten stammende Verbindung zwischen Bönisch und Katrin Steinmann (Anne Ratte-Polle), die heute die Polizeiwache in Hörde leitet. Da sind ein auf mehr Verbindlichkeit drängender Liebhaber von Bönisch und ein eifersüchtiger, ansonsten aber immer nahbarer werdender Faber, der seinerseits seine erste Liebesszene nach neun Filmjahren als einsamer Wolf bekommt.

Blick in Szene der „Pick-up-Artists“

Wie schon der Episodentitel „Masken“ suggeriert, ist dabei auch emotional vieles nicht so wie es scheint. Hat auch die toughe, sich schützend vor ihr Team stellende Wachenleiterin Steinmann etwas zu verbergen? Und was quält ihre Adoptivtochter Jessica? Eine wichtige Spur führt in die Szene sogenannter Pick-up-Artists. Die selbst ernannten „Aufreiß-Künstler“ haben es sich zum Spiel gemacht, möglichst viele Frauen unter Vorspiegelung falscher Emotionen ins Bett zu bekommen. Verführung ist hier nicht mehr als ein manipulativer Trick, um die vermeintliche männliche Überlegenheit auf die Spitze zu treiben. Zurückbleiben mitunter tiefe Verletzungen, die keine der Frauen an die große Glocke hängen möchte.

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„Tatort“ ein verworrenes, aber gelungenes Beziehungsdrama
Simone Schlüter (Kyra Sophia Kahre) verliert ihren Mann, der brutal überfahren wurde. Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

„Tatort“ ein verworrenes, aber gelungenes Beziehungsdrama
Die Emotionen gehen in dem „Tatort“ teilweise tief, in dem viele der handelnde Personen irgendwie miteinander verbunden sind. Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

„Tatort“ ein verworrenes, aber gelungenes Beziehungsdrama
Kommissar Jan Pawlak (Rick Okon, links) befragt Paul Lohse, (Jonas Friedrich Leonhardi, rechts), den Freund und Kollegen des getöteten Polizisten. Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

„Tatort“ ein verworrenes, aber gelungenes Beziehungsdrama
Dr. Johannes Oberländer (Simon Böer) veranstaltet Seminare, in denen vermittelt werden soll, wie Männer Frauen erobern können. Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

„Tatort“ ein verworrenes, aber gelungenes Beziehungsdrama
Die Ermittler Bönisch und Faber haben in der aktuellen Folge auch einige private Veränderungen und Probleme am Hals. Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

„Es war mir wichtig, die Charaktere psychologisch kohärent und ihre Emotionen glaubwürdig zu inszenieren“, sagt Regisseurin und „Tatort“-Debütatin Ayse Polat. Das gelingt glücklicherweise: Vom Ermittlerpersonal bis zur Nebenrolle zeigt das Ensemble die emotionale Tiefe, die Brüche und Unebenheiten, die notwendig sind, um das ganz aufs Zwischenmenschliche setzende Drehbuch (Arnd Mayer/Claudia Matschulla) vom Abdriften ins Belanglose abzuhalten.

Die Kommissare Bönisch und Faber ermitteln in den eigenen Kreisen – hier zwei Kolleginnen, die Mutter und Tochter darstellen (Anne Ratte-Polle, rechts, und Michelle Barthel). Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

Die Kommissare Bönisch und Faber ermitteln in den eigenen Kreisen – hier zwei Kolleginnen, die Mutter und Tochter darstellen (Anne Ratte-Polle, rechts, und Michelle Barthel). Foto: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost


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