Stuttgarter Benin-Bronzen mitten im Rückgabe-Dialog

Stuttgart (cl) – Außenminister Heiko Maas plädiert für die Rückgabe der Benin-Bronzen, auch das Linden-Museum Stuttgart hat welche. Darüber müssten Stadt und Land entscheiden, so Direktorin de Castro.

Ines de Castro, Direktorin des Linden-Museums Stuttgart, hat die Dauerausstellung zu „Afrika“ erneuert. Auch Vertreter aus Benin sind mit Texten zu Objekten beteiligt.  Foto: Tom Weller/dpa

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Ines de Castro, Direktorin des Linden-Museums Stuttgart, hat die Dauerausstellung zu „Afrika“ erneuert. Auch Vertreter aus Benin sind mit Texten zu Objekten beteiligt. Foto: Tom Weller/dpa

Von BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Die Benin-Bronzen gehören zu den berühmtesten Artefakten afrikanischer Geschichte und sind die bekanntesten Beispiele kolonialer Raubkunst. Tausende Metalltafeln und Skulpturen schmückten seit dem 16. Jahrhundert den Königspalast des damaligen Königreichs Benin, im heutigen Nigeria. Sie wurden 1897 von britischen Truppen geraubt und an sehr viele europäische Museen verkauft: Benin-Bronzen gehören zur Sammlung des British Museum London, des Ethnologischen Museums Berlin, wo sie im neuen Humboldt Forum ausgestellt werden, des Hamburger „MARK – Museum am Rothenbaum“ wie des 1911 eröffneten Stuttgarter Linden-Museums.
In der Debatte um die Benin-Bronzen in deutschen Museen hat sich jetzt Außenminister Heiko Maas ausdrücklich für eine Restitution stark gemacht. „Zu einem aufrichtigen Umgang mit der Kolonialgeschichte gehört auch die Frage der Rückgabe von Kulturgütern“, sagte der SPD-Politiker in Berlin nach Angaben des Auswärtigen Amtes: „Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.“ Die nigerianische Regierung forderte im vergangenen Jahr eine Rückgabe der Bronzen. „Im Fall der Benin-Bronzen arbeiten wir mit den Beteiligten in Nigeria und in Deutschland daran, einen gemeinsamen Rahmen aufzubauen“, so Maas. Dabei gehe es vor allem um die Museumskooperation mit dem geplanten Museum of West African Art in Benin-City. Dort könnten nach Einschätzung von Museumsexperten Benin-Bronzen, die noch zu Beständen deutscher Museen gehören, als Leihgaben oder Restitutionen gezeigt werden.
Auch das Stuttgarter Linden-Museum beteiligt sich zusammen mit acht europäischen Museen mit großen Benin-Sammlungen seit vielen Jahren an der sogenannten Benin-Dialog-Gruppe, angeführt von Barbara Plankensteiner, der Direktorin des MARK in Hamburg und Prinz Gregory Iduorobo Akenzua vom Königshaus der immer noch einflussreichen Oba in Nigeria. „In dieser Gruppe wird schon sehr lange über mögliche Rückgaben, über Prozesse, Dialoge und den Bau eines neuen Museums vor Ort gesprochen“, sagte die Direktorin des Stuttgarter Linden-Museums, Ines de Castro, im BT-Gespräch. „Herr Maas hat sich nun sehr positiv dazu geäußert. Ich begrüße das außerordentlich, dass er dieser Gruppe die Unterstützung durch das Auswärtige Amt gewährt.“

Artefakt mit kolonialer Vergangenheit in der Stuttgarter Sammlung: Bronze-Kopf zum Gedenken an einen König in Benin um 1830.  Foto: Linden-Museum Stuttgart

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Artefakt mit kolonialer Vergangenheit in der Stuttgarter Sammlung: Bronze-Kopf zum Gedenken an einen König in Benin um 1830. Foto: Linden-Museum Stuttgart


Vor allen Dingen fungiere die Gruppe als Beratergremium für den Bau und die Entwicklung des neuen Museums of West African Art in Benin-City. „Alle Mitglieder der Gruppe haben ihre Sammlungen listenweise sehr transparent weitergeben“, so Ines de Castro. „Diese Sammlungen werden gerade in einem Projekt namens ,Digital Benin‘ ebenfalls im Museum am Rothenbaum in Hamburg zusammengetragen – es gibt verschiedene Ansätze, über die mit sehr vielen Akteuren im Vorfeld gesprochen wird“, erklärte die Direktorin des staatlichen Museums für Völkerkunde, benannt nach seinem frühen Förderer Graf Karl von Linden, in Stuttgart. Es sind sehr wertvolle Objekte. „Insofern ist die ,Benin Dialogue Group‘ sehr wichtig, weil wir die Objekte im Verbund vieler europäischer Museen zusammengetragen haben.“
Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters sucht nach einer nationalen Strategie im Umgang mit den Benin-Bronzen. Noch im April soll ein Gespräch der betroffenen Kulturminister der Länder mit den Museumsdirektionen stattfinden, wie Grütters gestern ankündigte. „Der Umgang mit den Benin-Bronzen ist ein Prüfstein für den Umgang Deutschlands mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“, so Grütters. „Das gilt für das Humboldt Forum, aber auch für die anderen betroffenen Museen, die in der Trägerschaft von Ländern und Kommunen liegen. Es ist wichtig, dass wir im intensiven Dialog mit den Herkunftsgesellschaften zu einer gemeinsamen Strategie kommen, die selbstverständlich auch Restitutionen einschließen sollte.“
Allein in Deutschland befinden sich rund 1.000 Objekte aus dem ehemaligen Königreich Benin, viele sollen im neu eröffneten Humboldt Forum ausgestellt werden. Das Ethnologische Museum Berlin verfügt über rund 530 historische Objekte, darunter etwa 440 Bronzen. Im Linden-Museum befinden sich rund 80 Objekte.

2019 wurde neue Dauerausstellung eingerichtet


Ob es jetzt für Deutschland oder für Europa eine konzertierte Aktion im Hinblick auf eine mögliche Rückgabe geben werde, sei noch offen, so die Stuttgarter Museumschefin. „Die Entscheidung über eine mögliche Restitution von Objekten aus der Sammlung des Linden-Museums ist abhängig von der Entscheidung des Landes Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart“, stellte Ines de Castro klar.
Im Linden-Museum ist die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe generell stark in Bewegung gekommen. „Wir sind dran, uns unserer kolonialen Vergangenheit zu stellen. Dieses Haus wurde in der Zeit des Kolonialismus gegründet und große Teile der Sammlung sind vor 1920 ins Museum gekommen. Daraus erwächst für uns eine ganz große Verantwortung, damit umzugehen“, erklärte de Castro.
Seit 2015 habe sich das Museum verstärkt dieser Thematiken angenommen. 2019 wurde die neue Dauerausstellung „Wo ist Afrika“ eingerichtet – präsentiert mit sehr viel Partizipation sowohl von Herkunftsgesellschaften als auch von der Stadtgesellschaft, darin sind auch Objekte aus Benin. „Wir haben die Vertreterinnen und Vertreter aus dem Königshaus Benin gebeten, die Texte dazu zu schreiben“, so de Castro.
Die neue Werkstattausstellung „Schwieriges Erbe“, in der sich das Museum selbstkritisch mit seiner kolonialen Vergangenheit auseinandersetzt, ist nach Anmeldung zu besuchen.

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Erstellt:
25. März 2021, 22:00 Uhr
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