Stuttgart 21: Palmer für Kopfbahnhof

Von Brigitte Henkel-Waidhofer

Stuttgart (bjhw) – Der Tübinger OB und Stuttgart-21-Experte Boris Palmer (Grüne) plädiert angesichts des Baufortschritts fürs Fertigbauen – und einen zusätzlichen Kopfbahnhof.

Stuttgart 21: Palmer für Kopfbahnhof

Boris Palmer. Foto: Koall/dpa

Boris Palmer, der Tübinger Oberbürgermeister, gilt als einer der besten Kenner des Milliardenprojekts Stuttgart 21 – vor allem der Schwächen des inzwischen seit mehr als 30 Jahren diskutierten Tiefbahnhofs in der Landeshauptstadt. Angesichts des Baufortschritts und der bereits investierten Gelder plädiert der Grünen-Politiker im Gespräch mit BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer fürs Fertigbauen. Allerdings nicht ohne Ergänzungen – einen schlanken, viergleisigen neuen Kopfbahnhof inklusive.

BT: Herr Palmer, Sie sind der Ansicht, dass der Ausstieg vom Tisch ist. Bleiben Sie dabei, trotz der heftigen Kritik aus dem Lager der Stuttgart-21-Gegner?

Boris Palmer: Es gibt so viele Gründe, S21 als ungerecht und falsch einzustufen, und das ist es ja auch. Aber Krebs ist auch nicht gerecht und richtig, und trotzdem muss man am Ende damit klarkommen. Das sind halt die üblichen Mechanismen, die die Akzeptanzforschung herausgefunden hat: Wenn man mit etwas kämpft, das man nicht ertragen kann, dann gibt es am Anfang die Verleugnung, dann kommt die Wut, irgendwann das Einverständnis. Dieser Weg ist lang.

BT: Was ist die größte Schwäche?

Palmer: Genau so, wie die Gegner das vorhergesagt haben, lässt Stuttgart 21 den Nahverkehr in der gesamten Region zu einem Lotteriespiel werden. Stuttgart braucht 15 Gleise und nicht acht. Immer unter der Voraussetzung, dass wir die Anschlüsse akzeptabel organisieren und eben nicht auf 30 Minuten gehen. Da sagen manche Leute, das ist ja nicht so schlimm, da trinkt man halt einen Kaffee im Tiefbahnhof. Das ist aber nicht die Qualität, die ich mir vorstelle. Ich komme da künftig im Tiefbahnhof an, freue mich über meinen Fahrzeitgewinn, verbringe dann aber die Zeit damit, die Bullaugen von unten anzuschauen. Bei mir führt so etwas zu Ärger. Aber andere finden Bullaugen-Anschauen ja vielleicht großartig.

BT: Kann der von Verkehrsminister Hermann vorgeschlagene Ergänzungskopfbahnhof Abhilfe schaffen?

Palmer: Das wird eine sehr spannende Frage im Stuttgarter OB-Wahlkampf werden, wie sich die Kandidaten dazu stellen. Wenn man einen echten Integralen Taktfahrplan will, muss man sich auf wenigstens vier Gleise einlassen. Die können mit sehr viel weniger Platzbedarf als heute untergebracht werden. Und man kann sich auch an Lösungen wie in New York machen. Das klingt vielleicht ein bisschen vermessen, aber wer den teuersten Fernbahnhof der Welt bekommt, kann auch Anspruch auf einen anständigen Nahverkehrsbahnhof erheben. Die Central Station in Manhattan und die Strecken sind alle unter Gebäuden. Das geht, man muss es nur wollen.

BT: Oder vier Gleise oben liegen lassen?

Palmer: Ergänzung heißt ein neues Bauwerk. Was da jetzt ist, kommt weg, natürlich auch die riesigen Überwerfungsbauwerke. Da geht es um einen schlanken Bahnhof. Und ich gehe davon aus, dass man den wie bei der Central Station nicht mehr sehen wird, sondern dass es einen unterirdischen Kopfbahnhof geben wird. Und der muss natürlich vor dem Stadtteil gebaut werden.

BT: Apropos Wahlkampf: Wollen Sie Oberbürgermeister in Stuttgart werden?

Palmer: Nein.

BT: Obwohl Sie dann einen Zugriff auf S 21 hätten.

Palmer: Da geht es auch mir wie gerade beschrieben. Da ist die Wut noch zu groß. Das merke ich jedes Mal, wenn ich in dem Bahnhof stehe, wenn kein Zug fährt, wenn ich diese Strecken laufen muss und runtergucke in das Loch. Dann denke ich, das kann doch alles gar nicht wahr sein.