Staatstheater Karlsruhe: Start im Herbst mit „Lustiger Witwe“

Karlsruhe (red) – Lustig trotz Corona: Mit der Schauspielfassung von „Toni Erdmann“ und der Operette „Die lustige Witwe“ will das Badische Staatstheater Karlsruhe Anfang Oktober wieder in die Vollen gehen. Gestern sind die Spielpläne für die Saison 2020/21 vorgestellt worden, und Generalintendant Peter Spuhler ist optimistisch: „Ich gehe weiter davon aus, dass wir normal spielen können.“

Die Spielzeit am Badischen Staatstheater ist durch Beschluss des Landes bereits vorzeitig beendet worden: Hinter verschlossenen Türen probt das Schauspiel schon für die Herbstpremiere.  Foto: Deck/dpa

© dpa

Die Spielzeit am Badischen Staatstheater ist durch Beschluss des Landes bereits vorzeitig beendet worden: Hinter verschlossenen Türen probt das Schauspiel schon für die Herbstpremiere. Foto: Deck/dpa

Von patz

Mit einer eindeutigen Haltung hatte das Badische Staatstheater Karlsruhe noch nie Probleme, das Politische scheint geradezu hier oberste Maxime zu sein. Da passt das Motto für die nächste Spielzeit 2020/21 sehr gut: „Von Haltung & Verhalten“. Noch vor der Corona-Zeit wurde es erfunden. Es geht um den Umgang mit unserem Planeten, um den Wert der Mitmenschlichkeit, um den Umgang miteinander. Jetzt sind diese Fragen noch dringlicher geworden: Der Umgang mit dem Planeten hat uns eine Seuche und Verschwörungstheorien beschert, die Solidarität mit den Schwachen zeigt sich jetzt teilweise deutlicher als zuvor – vieles ist im Umbruch, was das Theater auch diskutieren will.
Optimistisch ist Generalintendant Peter Spuhler, was die gesetzlichen Lockerungen betrifft und geht mit dem Spielplan, den er und die Spartenleiter gestern vorstellten, in die Vollen: „Ich gehe weiter davon aus, dass wir normal spielen können“, sagte er, und er weiß auch: „Ohne Zuschauer ist unsere Arbeit komplett sinnlos, Theater ist ja kein Selbstzweck.“ Und das soll auch der Spielplan „maximal reflektieren“.
Dennoch beginnt die Opernsparte mit der Operette „Die lustige Witwe“ (am 17.10.). Aber trotz schmissiger Musik, Herzschmerz und Romantik ist sie für den Regisseur Axel Köhler die „politischste Operette schlechthin“, unter seiner Leitung wird sie zur aktuellen Polit-Satire. Den Stellenwert mag man daran sehen, dass der neue Generalmusikdirektor Georg Fritzsch sie dirigiert. Mit „Aida“ kommt, laut Opernchefin Nicole Braunger, ein langersehnter Titel auf die Bühne des Großen Hauses, „Der Barbier von Sevilla“ und Alban Bergs „Wozzeck“ schließen sich an, dazu das „Kleinod in musikalischer Verarbeitung“, die Oper „Die schweigsame Frau“ von Richard Strauss mit einem Libretto von Stefan Zweig, den die Nazis bei der Uraufführung 1933 gestrichen sehen wollten.

Opernsparte von Abwanderung betroffen


Leider hat in der Opernsparte in letzter Zeit eine massive Abwanderung stattgefunden: Braungers Stellvertreter Patric Seibert, Kapellmeister Daniele Squeo, Dramaturgin Deborah Meier und der Künstlerische Produktionsleiter Bernardo Sousa de Macedo haben das Haus verlassen, mancher kommt als Gast zurück.
Das Ballett hat fast nur Uraufführungen im Programm: Es beginnt mit dem Doppelprogramm „Wachgeküsst: Auroras Hochzeit & Der Feuervogel“ (14.11.), inszeniert von Lynne Charles, der weltberühmten Primaballerina von John Neumeier und Maurice Béjart, und dem Belgier Jeroen Verbruggen. Nächstes Jahr kommt dann Bridget Breiners erstes Handlungsballett für Karlsruhe, „Maria Stuart“, das schon für diese Spielzeit geplant gewesen war. In „Movers & Shakers“ zeigen drei berühmte jüngere Choreografen ihre Handschriften, und natürlich gibt es Wiederaufnahmen wie „Carmina Burana“, das nur ein einziges Mal gespielt werden konnte – es war die letzte Vorstellung des Staatstheaters überhaupt.
Dass die Karlsruher Theatergäste Breiner angenommen haben, zeigt die grandiose Auslastung von 100 Prozent im Ballett (zusätzlich die nicht gezählten Stehplätze). Bei der Spielplanvorstellung war sie übrigens die einzige, die zuallererst erzählte, dass es ihrer Company gut gehe.
Im Schauspiel haben die Proben bereits vor einer Woche begonnen. Die Schauspielchefin Anna Bergmann meint, das „Stakkato des Höher, Schneller und Weiter des globalen Kapitalismus“ sei jetzt durchbrochen, man spüre, „etwas Neues ist möglich, was zuvor schon allein aus wirtschaftlichen Interessen undenkbar war“.

Bei „Die neuen Todsünden“ arbeiten Schauspiel, Oper und Ballett gemeinsam


Bergmanns Ensemble ist inzwischen paritätisch besetzt, auch sie bringt viele Erst- und Uraufführungen, vor allem von Frauen: „Die neuen Todsünden“ – sieben Kurzdramen von sieben Autorinnen, das Bergmann mit Oper und Ballett zusammen zu einem großen Ensembleabend verweben will (3.10.). „Toni Erdmann“ von der Karlsruher Filmemacherin und Autorin Maren Ade, das 1839 entstandene Stück „Gabriel“ von George Sand oder „Apokalypse Baby“ von Virginie Despentes. Dazu stehen starke Frauen wieder im Mittelpunkt der Inszenierungen, wie Strindbergs „Fräulein Julie“. Das Weihnachtsmärchen ist übrigens auch eine Uraufführung: die magischen Erzählungen aus „1001 Nacht“.
Die abgesagten Vorstellungen können natürlich nicht nachgeholt werden, das ginge nur, nur wenn das Jahr, wie der geschäftsführende Direktor Johannes Graf-Hauber sagte, „170 zusätzliche Tage“ hätte.
Das Staatstheater wird deswegen erlauben, dass Abonnenten den normalen Tauschgutschein auch dafür benutzen können, ihr nächstes Abo zu bezahlen, auch für die Spielzeit 2021/22. Auch deshalb, weil für die letzte Spielzeit mehr Abos verkauft worden waren als das Jahr davor, der Überhang wäre einfach zu groß. Die Eintrittspreise werden übrigens um etwa vier Prozent angehoben, sagte Spuhler, aber auch diese Entscheidung wurde „vor Corona“ getroffen.
Dafür wird die Internetverkaufsgebühr wegfallen. Und in diesem Sommer wird auch das Staatstheater, wie viele andere Bühnen, kleinere Veranstaltungsformate anbieten, denn, wie Spuhler sagte: „Es geht uns nicht nur um die Einnahmen, das Spielen ist ja unser Herzblut.“
Homepage des Badischen Staatstheaters Karlsruhe

Um diesen Artikel weiterzulesen, müssen Sie E-Paper Abonnent sein oder ein Tages-Login haben.
Sie sind bereits registriert? Dann melden Sie sich bitte hier an.
Sie interessieren sich für ein E-Paper Abonnement oder einen Tages-Login? Dann finden Sie hier unsere Angebote.

Zum Artikel

Erstellt:
29. Mai 2020, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 22sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen