Spanische Musik in sündigem Licht

Baden-Baden (sr) – Im Festspielhaus Baden-Baden kam den letzten Besuchern des vergangenen Jahres mit Recht vieles spanisch vor: Das lag am Wiener Kammerorchester.

Mezzosopranistin Gaëlle Arquez, Tenor Joel Prieto und das Wiener Kammerorchester mit dem Dirigenten Thomas Guggeis. Foto: Festspielhaus

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Mezzosopranistin Gaëlle Arquez, Tenor Joel Prieto und das Wiener Kammerorchester mit dem Dirigenten Thomas Guggeis. Foto: Festspielhaus

Von Sabine Rahner-Stiefel

Zuerst verschwand das Orquesta Filarmonica de Gran Canaria aus den Ankündigungen, dann der prominente Dirigent Karel Mark Chichon und die Sopranistin Ana Maria Martinez – das Silvesterkonzert im Festspielhaus wurde irgendwann im Herbst ganz neu organisiert. Nur das musikalische Konzept einer „spanischen Nacht“ blieb bestehen. Verglichen mit den Topstars der vergangenen Jahre, mit Sonya Yoncheva und Piotr Beczala etwa oder Elina Garanca, Anja Harteros, Olga Peretyatko und Thomas Hampson waren es vergleichsweise unbekannte Solisten, die sich zum Jahresende auf der in sündigem Rot ausgeleuchteten Bühne präsentierten. Mit dem deutlich erweiterten Wiener Kammerorchester agierte ein projektbezogen zusammengestellter Klangkörper versiert und einsatzfreudig, wenn auch nicht immer mit der ausgefeilten Perfektion, wie man sie von den SWR-Orchestern in früheren Silvesterkonzerten kannte.

Im sehr gut besuchten Haus bestand der erste Teil des Konzerts aus den populärsten Perlen von Georges Bizets Oper „Carmen“, die bis heute die Vorstellung von „typisch spanischer“ Musik prägen. Für die Titelrolle bringt die französische Mezzosopranistin Gaëlle Arquez alle Voraussetzungen mit, ihre große, warm timbrierte Stimme füllt das Haus mühelos. Als verschmähter Don José hofft und leidet an ihrer Seite der spanische Tenor Joel Prieto, der gelegentlich mit dieser Partie an seine Grenzen kommt. Seine helle, schöne, leichte Stimme wirkt schnell überanstrengt. Beide Künstler präsentieren die mitreißenden Nummern akkurat, doch hätte man sich mehr ausdrucksvolle Raffinesse und einen phantasiereichen Umgang mit Klangfärbungen vorstellen können.

Mit dem erst 26-jährigen Dirigenten Thomas Guggeis hat ein Assistent Daniel Barenboims die Chance erhalten, sich zu profilieren. Guggeis, derzeit Kapellmeister an der Stuttgarter Staatsoper, erweist sich als souveräner Begleiter der beiden Gesangssolisten und holt bei den Orchester-Zwischenspielen das Mögliche an musikalischer Spannung heraus.

Der zweite Konzertteil war überwiegend Werken spanischer Komponisten gewidmet, Manuel de Falla vor allem, aus dessen Ballett-Suiten „Der Dreispitz“ und „El amor brujo“ die bekannteren Melodien erklangen. Fast unbekannt dagegen ein Bolero aus Georges Bizets sinfonischer Dichtung „Vasco da Gama“, einem heute vergessenen Zwitter zwischen Oratorium und Chorsinfonie – ein interessanter Programmpunkt, den Gaëlle Arquez apart gestaltet. Mit feurigen Hits aus Zarzuelas – der spanischen Operettenform, die vor allem Placido Domingo außerhalb Spaniens bekannt gemacht hat – erobern sich die Sänger das gut aufgelegte Publikum, die Noten sicherheitshalber immer in der Hand.

Als Gruß aus Wien serviert das Orchester im Zugabenreigen auch einen „spanischen Marsch“ von Johann Strauß, bevor sich Dirigent Guggeis als Korrepetitor am Flügel wiederfindet, um Gaëlle Arquez und Joel Prieto beim Rausschmeißer „Granada“ zu begleiten. Liegt es an fehlendem Notenmaterial für das Orchester oder an fehlender Probezeit?

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Erstellt:
2. Januar 2020, 00:00 Uhr
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