Olympia-Boykott: Knosps silberne Genugtuung

Urloffen (ket) – Der Olympia-Boykott 1980 kostete dem Urloffener Martin Knosp die Goldmedaille, vier Jahre später folgte dann das Happy End, als er Zweiter wurde.

Galt im Olympia-Jahr 1980 als bester Weltergewichtler der Welt: Der Urloffener Martin Knosp (rechts). Foto: Archiv

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Galt im Olympia-Jahr 1980 als bester Weltergewichtler der Welt: Der Urloffener Martin Knosp (rechts). Foto: Archiv

Von Frank Ketterer

„Klar, es wäre möglich gewesen“, sagt Martin Knosp. Er galt damals, gerade mal 20 Jahre alt, schließlich als der beste Freistilringer der Welt, zumindest im Weltergewicht (bis 74 Kilo). Junioren-Europameister war er 1978 geworden, Vizeweltmeister nur ein Jahr später bei den Aktiven. In den beiden folgenden Jahren setzte Knosp noch einen drauf: 1980 sicherte sich der Mann aus Urloffen den EM-Titel, 1981 wurde er Weltmeister, gleich zwei Mal besiegte er zu jener Zeit den Bulgaren Walentin Raitschew, was besonders erwähnenswert erscheint.

Raitschew gewann bei den Olympischen Sommerspielen von Moskau schließlich die Goldmedaille. Knosp war noch nicht einmal dabei. Die Bundesrepublik Deutschland hatte sich schließlich dazu entschlossen, dem Aufruf der USA zum Olympia-Boykott wegen der Sowjetinvasion in Afghanistan vorangegangenen Dezember zu folgen. Wenn man so will, war es also Knosps Olympiasieg, den sich der Bulgare in Moskau unter den Nagel gerissen hat, auch wenn Knosp das so nie sagen würde.

Was der 60-Jährige heute wie damals sagt ist, dass die Abstimmung, ob Deutschland in Moskau teilnehmen sollte oder nicht, „unfair und nicht in Ordnung“ war. Zwar stimmte die deutsche Politik bereits am 23. April 1980 für einen Boykott, auch weil Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) den Bündnispartner USA nicht vor den Kopf stoßen wollte. Die endgültige Entscheidung aber sollte anschließend der Sport selbst treffen.

„Der Bundeskanzler hatte klar signalisiert: Wenn die Sportorganisationen sich für einen Start in Moskau entscheiden, lässt er alle fahren, sogar Soldaten und Polizisten“, erinnert sich Knosp an die Ausgangslage vor der maßgeblichen Abstimmung. Die Chancen, so dachten der Weltklasseringer und die meisten anderen potenziellen Olympiateilnehmer, nach Moskau fahren zu können, standen also gut.

Böses Erwachen am 15. Mai 1980

Dann kam das böse Erwachen: Am 15. Mai 1980 votierten bei der Entscheidung des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK) 59 Sportverbände gegen einen Olympiastart der BRD, nur 40 dafür. Was die Sache besonders perfide macht – oder mit Knosps Worten „unfair und nicht in Ordnung“ – ist die Tatsache, dass die Wintersportverbände, die mit Moskau gar nichts zu tun hatten, nahezu geschlossen für den Boykott stimmten. „Das war einfach nicht in Ordnung. Ich denke, der deutsche Wintersport wäre besser beraten gewesen, wenn er sich zumindest enthalten hätte. Die Mehrheit der deutschen Sommersportverbände war schließlich dafür“, erinnert sich Knosp.

Warum es so kam, kann er bis heute nur vermuten. „Sommer- und Winterspiele fanden damals ja noch in einem Jahr statt. Vielleicht dachten die Wintersportler, dass sie mehr Aufmerksamkeit bekommen, wenn es keine Sommerspiele samt Olympiasieger gibt“, sagt der ehemalige Weltmeister.

Er kann sich da immer noch in Rage reden. So wie es ihn lange auch geärgert hat, dass der Boykott letztendlich „auf dem Rücken der Kleinsten“ ausgetragen wurde, nämlich den Sportlern. „Die Funktionäre sind trotzdem nach Moskau gefahren – und auch die Wirtschaft hat weiterhin Geschäfte mit der Sowjetunion gemacht“, begründet er dies.

Die Frage, wie sich sein Leben wohl verändert hätte, wäre er damals Olympiasieger geworden, hat sich für den 60-Jährigen, der sich beim Landratsamt Offenburg um die Gewerbeaufsicht kümmert, nie so richtig gestellt. „Ringen war schon damals eine Randsportart. Da kann man auch eine Goldmedaille nicht zu richtig Geld machen“, wischt er sie auch heute noch beiseite.

Happy End in Los Angeles

Dabei stellt er nicht in Abrede, dass der Boykott für ihn, damals gerade 20 Jahre alt, weit weniger dramatisch war als für so manchen Sportler, der bereits im Herbst seiner Karriere stand. „Ich wusste ja, dass ich auch noch in vier Jahren die Chance haben würde, an Olympischen Spielen teilzunehmen. Das hat es einfacher gemacht“, erzählt Knosp.

Natürlich: In ein Loch ist auch er zunächst gefallen, aber es war eben nicht ganz so tief wie bei manch anderem. Selbst die Zeit nach dem Boykott konnte er sinnvoll nutzen, indem er sich den kaputten Meniskus richten ließ. Im Spätjahr fing er dann wieder ganz normal mit dem Training an.

Die Chance vier Jahre später hat Martin Knosp übrigens genutzt – und wie. Bei den Spielen von Los Angels, die als Revanche für Moskau von den Russen boykottiert wurden, gewann er Silber. Es war ihm Genugtuung und Versöhnung zugleich.

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Erstellt:
11. Mai 2020, 20:30 Uhr
Lesedauer:
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