Nils Petersen hat Joachim Löw als Rekordschütze abgelöst

Freiburg – Für den Fußball-Bundesligisten Sport-Club Freiburg hat er sich zum Glücksfall enwickelt: Nils Petersen ist nicht nur der zuverlässige Torschütze, er ist auch der perfekte Teamplayer, zudem Publikumsliebling. Die südbadischen Fans empfangen den 31-jährigen Stürmer schon bei der Stadionansage als „Fußball-Gott“. Für die Nationalmannschaft kommt der zweifache Nationalspieler eher nicht mehr in Frage,. doch Bundestrainer Joachim Löw hat er mit seinem 84. Tor für den SC beim Sieg in Mainz als ewiger SC-Rekordtorschütze abgelöst.

Nils Petersen (links) freut sich mit Vincenzo Grifo (r) über einen erfolgreichen Torabschluss. Vennenbernd/dpa

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Nils Petersen (links) freut sich mit Vincenzo Grifo (r) über einen erfolgreichen Torabschluss. Vennenbernd/dpa

Von Michael Ihringer

Freiburg – Ob Joachim Löw persönlich angerufen und gratuliert hat? Durchaus möglich, ist er doch auffällig oft auf der Tribüne bei Heimspielen des Sport-Club Freiburg als Beobachter zu sehen. Für seine Nationalmannschaft kommt Nils Petersen eher nicht mehr in Frage, doch einen besonderen Meilenstein hat der SC-Stürmer auch so gesetzt: Seit seinem 2:0 in Mainz ist er mit 84 Treffern nun alleiniger Rekordtorschütze des südbadischen Bundesligisten. Er ist an Löw, den alle nur „Jogi“ nennen, vorbeigezogen.
Mehr als drei Jahrzehnte lang hielt der Weltmeister-Trainer von 2014 den SC-Vereinsrekord, der freilich immer mit einem gewissen Makel behaftet war. Denn sämtliche 83 „Buden“ schoss der junge Löw in 252 Einsätzen im SC-Trikot in den 70ern und 80ern, als Freiburg noch in der zweiten Liga herumdümpelte. Vor 3000 bis 5000 Zuschauern.

Dieser Fakt wertet Nils Petersens Zahl doppelt auf, denn der zweifache Nationalspieler und Olympia-Silbermedaillengewinner von Rio de Janeiro absolvierte mit den Südbadenern gerade mal eine Zweitliga-Saison nach dem Abstieg 2015. „Ich weiß, wen ich abgelöst habe. Man hat bestimmte Ziele vor der Saison. Als ich gesehen habe, dass ich in Reichweite bin: Klar, dass ich das gerne mitnehme. Es freut mich sehr“, war seine erste Reaktion.

Für den Verein ist der 31-Jährige längst zum absoluten Glücksfall geworden. Torschütze vom Dienst, Publikumsliebling, Teamplayer vor dem Herrn und Lieblingsinterviewpartner der Medien. Petersen mag jeder, von der Sekretärin bis zum Platzwart.

Trainer Christian Streich spricht in den höchsten Tönen von seinem Vorzeigestürmer. Wohl auch deshalb, weil mittlerweile kaum ein anderer im Team den Inbegriff des Kollektivgedankens so sehr wie er verkörpert. Selbst als zuverlässiger Goalgetter setzt(e) sich Petersen ohne zu murren auf die Bank. Und dies war in den vergangenen drei Jahren des Öfteren der Fall, wenn Luca Waldschmidt oder die einstigen SC-Stürmer Florian Niederlechner und Maximilian Phi-
lipp einen Lauf hatten. Dann blieb Petersen zumeist 70 Minuten draußen, machte sich warm, lief ein – und traf wie auf Bestellung ins Schwarze, was ihn für die Fans schnell zum „Fußball-Gott“ machte.

Gleich in seinem allerersten Spiel für den SC im Februar 2015 erwies er sich als Topjoker: Drei Tore innerhalb von 25 Minuten gegen Eintracht Frankfurt. Als Leihgabe von Werder Bremen war er im Winter gekommen. Wie viele andere vor oder nach ihm brauchte auch der Blondschopf aus Wernigerode im Harz eine ziemliche Anlaufzeit, um mit dem auf großen läuferischen Einsatz und stetem Anlaufen des Gegners ausgerichteten System klarzukommen.

Charakterstärke als großes Plus

Topjoker klingt gut, befriedigt aber nicht unbedingt persönlich, denn jeder Profi will beim Anpfiff auf dem Rasen stehen. Als ehrliche Haut machte er auch Jahre danach aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Ich weiß, wie der Trainer tickt. Und er weiß, dass es wehtut, nicht von Anfang an spielen zu dürfen.“

Andere machen dann früher oder später Stunk. Und hier liegt wohl die ganz große Charakterstärke von Petersen, dass er gönnt statt neidet und zofft. Die Verantwortung für das große Ganze hatte er von Anfang an im Blick: „Wir können keine Unruhe brauchen. Ich könnte mir nie verzeihen, wenn wir nicht aufsteigen, und ich hätte miese Stimmung verbreitet“, sagte er damals im Stahlbad zweite Liga. Das klingt für Streich wie Musik in den Ohren: „Seine Haltung ist außergewöhnlich. Nils ist auf und neben dem Platz eine große Persönlichkeit.“

Erst kurz vor Weihnachten zeigte sich Petersen wieder als uneigennütziger Vollprofi, als er nach verwandeltem ersten Elfmeter auf Schalke den zweiten Vincenzo Grifo überließ. Das Rekordsiegel als glitzernde Weihnachtsbaum-Dekoration brauchte er nicht. „Wir funktionieren als Team gut und gönnen es uns gegenseitig. Wer sich gut fühlt, nimmt den Ball.“

Wie viele andere Begabte vor ihm erlag auch er 2011 dem Lockruf der Bayern. Glücklich wurde er in dem Jahr im Machtzentrum des deutschen Fußballs indes nicht. Im täglichen Ellbogenkampf um die Stammplätze blieb er eine Randfigur. Der bescheidene No-Name-Kicker aus dem Osten gegen die titelschwangeren Superstars aus aller Herren Länder: Das konnte nicht gut gehen. Was hätte er den obercoolen Bling-Bling-Connection-Anführer Jérôme Boateng fragen sollen: Hey Jérôme, bringst du mir mal einen Gold-Brilli von Deinen Reisen aus L.A. mit? Oder zumindest ein Autogramm von Deinen Gangsta-Rapper-Freunden?

Dann passte Nils Petersen schon eher zur geerdeten Werder-Familie in Bremen. Dort wäre er nach dem letzten SC-Abstieg 2015 auch fast wieder gelandet. Doch im Sommerurlaub geriet er plötzlich ins Grübeln, erbat sich Bedenkzeit – und machte einen karrieretechnischen Rückzieher. Er rief nach Wochen des Abwägens fast reumütig bei Christian Streich an, entschied sich für den Verbleib und löffelte den vermeidbaren Abstieg mit den Kollegen sogleich wieder aus. Seitdem ist Nils Petersen Kult an der Dreisam und Jahr für Jahr besser geworden.

Privatbesuche im Amtsgericht

Sein Profil hat er auch abseits des Platzes geschärft. So offenbarte er vor zwei Jahren im „Focus“ offen, was viele Fans von Profis schon immer dachten. „Salopp gesagt verblöde ich seit zehn Jahren und halte mich über Wasser, weil ich ganz gut kicken kann.“ Dass er als gestandener Bundesliga-Stürmer gehaltstechnisch in ganz anderen Dimensionen angesiedelt ist als diejenigen, die ihm zujubeln, oder auch im Vergleich mit seinen eigenen Familienmitgliedern, hat er erst kürzlich im Interview kritisch angemerkt: „Wenn ich sehe, was auch meine Mutter und Schwester abbuckeln, dann ist das nicht fair, was dabei rumkommt.“

Von daher ist es keine schlechte Idee, eine normal arbeitende Lebensgefährtin neben sich zu wissen und keine Promi-Tussi, die sich als Influencerin oder Bloggerin auf allen möglichen Social-Media-Kanälen wichtig macht. Nils Petersen fährt sogar oft ins Freiburger Amtsgericht, wo seine Carla als Justizfachangestellte arbeitet. „Ich finde es spannend, was meine Freundin über ihren Job zu erzählen hat, gehe auch gerne zu ihr ins Büro. Das ist ein anderes Leben, das wir so nicht kennen.“ Wenn ein Profi den Bezug zur Realität nicht verloren hat, dann ist es Nils Petersen.

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Erstellt:
23. Januar 2020, 15:40 Uhr
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