Nicht immer jugendfrei, dafür meist filmreif

Baden-Baden (moe) – In der BT-Sportkolumne widmet sich Moritz Hirn in dieser Woche dem „FC Hollywood“.

Im Hauptberuf Dressurreiterin, aber manchmal auch in einer Nebenrolle als wütende Spielerfrau aktiv: Lisa Müller adjutierte ihrem Mann Thomas einst via Instagram. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Im Hauptberuf Dressurreiterin, aber manchmal auch in einer Nebenrolle als wütende Spielerfrau aktiv: Lisa Müller adjutierte ihrem Mann Thomas einst via Instagram. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Von Moritz Hirn

Der Kollege konnte einfach nicht anders. Der Vergleich war einfach zu naheliegend, das, was man gerne mal als „Elfmeter ohne Torwart“ bezeichnet. „Den ,FC Hollywood‘ gibt es bald wohl wirklich.“ Mit diesen Worten begann Ende Juli eine Meldung des Sport-Informations-Diensts. Ein überaus prominent besetztes Konsortium hatte sich zuvor das Exklusivrecht gesichert, zur Saison 2022 einen Frauenfußball-Club in Los Angeles an den Start zu bringen.

Hinter der Franchise stehen unter anderem Oscar-Preisträgerin Natalie Portman, Tennis-Superstar Serena Williams, die Schauspielerinnen Jennifer Garner und Eva Longoria, das frühere US-Fußballidol Mia Hamm, Tennis-Legende Billie Jean King und Ski-Rentnerin Lindsey Vonn. Ganz großes Kino sozusagen für die US-Frauenliga NWSL.

Das Ganze hat allerdings einen Schönheitsfehler: Die (Film)Rechte an dem durchaus plakativen Begriff sind bereits seit langer Zeit vergeben, und zwar nicht an Investoren aus der Stadt der Engel und die dort ansässige Unterhaltungsbranche, sondern nach München, an das kickende Personal aus der Säbener Straße 51, wo kleinere und größere Skandale Heimspiel haben.

Die Geschichten über den „FC Hollywood“ habe er „früher auch gerne gelesen“, sprach Thomas Müller jüngst nach dem Sieg in der Champions League ins Sky-Mikrofon und frohlockte geradezu angesichts des öffentlichen Schauspiels rund um die Vertragsposse seines Teamkollegen David Alaba: „Wir wollen doch, dass sich ein bisschen was rührt bei uns und wenn es ein bisschen knistert.“

Wenn der bajuwarische Raumdeuter, der vor TV-Kameras gerne mal in die Rolle des Comedians schlüpft und dabei stets zwischen Oscar und Goldener Himbeere wandelt, ehrlich ist, muss man gar nicht lange in den prall gefüllten Schubladen mit den Outtakes wühlen, um festzustellen, dass die Protagonisten des FCB auch in jüngster Vergangenheit immer mal wieder für einen Stammplatz im Ensemble des FC Hollywood vorgesprochen haben.

Einzigartige Blockbuster

Zugegeben, Blockbuster wie in den 90er und Nullerjahren, in denen die bayerischen Branchengrößen beinahe täglich auf der Besetzungscouch Platz nahmen – der in die Tonne tretende Jürgen Klinsmann, Giovanni Trapattoni und sein „Ich habe fertig“-Ausbruch, Stefan Effenberg als „Joe Exotic“ des Fußballs mit seiner „Freunde der Sonne“-Rede, die Pizzeria-Prügler Mario Basler und Sven Scheuer, Bixente Lizarazu und Lothar Matthäus als Ohrfeigen-Duo und der fremdschnackselnde Präsident Franz Beckenbauer, um nur die prominentesten Fälle zu nennen –, sind passé. Hoch her ging es nicht nur auf dem Platz dennoch – nicht erst, seitdem Uli Hoeneß mit seinem verbalen Angriff auf Alaba-Berater Pini Zahavi („Ein geldgieriger Piranha“) jüngst den Vorhang öffnete.

Wirklich viele glänzende Auftritte legte stets Franck Ribéry aufs Parkett abseits des Rasens, zum Beispiel mit dem angeblich 1.200 Euro teuren, weil mit Blattgold überzogenen Steak in der Nebenrolle. Den Konter des durchaus erwartbaren medialen Shitstorms startete der Filou ein halbes Jahr vor seinem Abgang aus München wie folgt: „Beginnen wir mit den Neidern und Hatern, die durch ein löchriges Kondom entstanden sein müssen...“ Weiter ging es mit einer nicht jugendfreien Beischlaf-Empfehlung mit deren Müttern, Großmüttern, ja dem gesamten Stammbaum.

Aber auch die Führungsriege der ruhmreichen Roten bekleckerte sich nicht immer mit Selbigem, schon gar nicht Uli Hoeneß, zugegebenermaßen der Vater des sportlichen Erfolgs. Auf der legendären Presse-Beschimpfungskonferenz im Herbst 2018 hielt zunächst Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ein Plädoyer auf die Würde des Menschen, ein paar Sätze später bescheinigte Hoeneß im Klaus-Kinsky-Stil dem abgewanderten Juan Bernat „einen Scheißdreck“ gespielt zu haben. Ein Jahr zuvor kanzelte er Ex-Spieler Douglas Costa öffentlich ab: „Costa hat nicht funktioniert, weil er ein ziemlicher Söldner war.“ Pikanterweise haben die Bayern den Brasilianer jüngst bekanntlich wieder zurückgeholt.

Seifenoper-Charakter hatten obendrein Hoeneß’ Ratschlag an Jérôme Boateng („Ich würde ihm als Freund empfehlen, den Verein zu verlassen. Er wirkt wie ein Fremdkörper.“) oder seinen Äußerungen nach der Demission von Carlo Ancelotti 2017, als der jetzige Ehrenpräsident Filmtitel-Anleihen bei Regisseur Joseph Ruben nahm: „Der Feind in deinem Bett ist der gefährlichste.“

Eine echte Spielerfrau

Vor genau zwei Jahren indes sattelte Lisa Müller um: Die Dressurreiterin stieg vom hohen Ross und wurde ihrer Zweitrolle als Spielerfrau gerecht: „Mehr als 70 Minuten bis der mal nen Geistesblitz hat“, ätzte sie, weil der damalige Bayern-Coach Nico Kovac ihren lieben Thomas derart lange auf der Bank schmoren ließ. Der Club verlieh der eigentlichen Petitesse übrigens zusätzlichen Gewicht, weil er tatsächlich eine offizielle Pressemitteilung zu besagter Causa versenden ließ.

Mittlerweile läuft es für Thomas Müller bekanntlich wieder deutlich besser. Ohnehin sind die Bayern nach der Titel-Orgie der vergangenen Jahre auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft, was unweigerlich in zwei zugegebenermaßen nicht ganz so kühne Thesen mündet: So amüsant Eskapaden und Skandale jenseits des Felds sein mögen, entscheidend ist immer noch auf dem Platz. Und läuft es dort gut, ist der Empörungsgrad bei Fehltritten der Hauptdarsteller nicht ganz so hoch.

In Kalifornien hat man angesichts des filmreifen Stoffs aus den Studios in Bavaria erkannt, dass die Marke FC Hollywood anderweitig besser vergeben ist. Die Fußball-Ladys aus LA gehen ab 2022 mit einem anderen Namen an den Start: Angel City FC.

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Erstellt:
11. November 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

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