Musicalhäuser geschlossen: Branche in Finanznot

Stuttgart (red) – Corona bringt Musicalbranche an die Grenze der wirtschaftlichen Kräfte: „Für die Branche geht es derzeit nur ums Überleben“, sagt der Chef eines Branchenriesen. Die Theater sind zu.

Gut 42 Millionen Euro hat Mehr-BB Entertainment nach eigenen Angaben noch kurz vor dem Lockdown in die Hamburger „Harry Potter“-Premiere gesteckt. Nun soll das Musical im April 2021 starten.  Foto: Manuel Harlan/Mehr-BB Entertainment

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Gut 42 Millionen Euro hat Mehr-BB Entertainment nach eigenen Angaben noch kurz vor dem Lockdown in die Hamburger „Harry Potter“-Premiere gesteckt. Nun soll das Musical im April 2021 starten. Foto: Manuel Harlan/Mehr-BB Entertainment

Von netzwerk Redaktionsbüro Christoph Forsthoff

„Irgendwann sind die Ressourcen erschöpft“, stellt Stephan Jaekel, Unternehmenssprecher der Stage Entertainment, nüchtern fest. „Ein weiteres völlig totes Veranstaltungsjahr 2021, das würden auch wir nicht überleben.“ Das Coronavirus bringt selbst Deutschlands Musical-Marktführer an die Grenzen seiner wirtschaftlichen Kräfte: Im vorletzten Geschäftsjahr erzielte der Konzern noch einen Umsatz von mehr als 300 Millionen Euro auf seinen 13 Bühnen hierzulande, kamen 3,3 Millionen Besucher in die Aufführungen von „Mamma Mia!“, „König der Löwen“ oder „Ich war noch niemals in New York“ – doch seit Mitte März sind die zehn großen Stage-Theater in Hamburg, Berlin und Stuttgart geschlossen. Kein Vorhang, kein Applaus, keine Einnahmen.
Eine Totenstille, die bezeichnend ist für den Live-Entertainment-Sektor. „Für die Branche geht es derzeit nur ums Überleben“, sagt Ralf Kokemüller. Der Vorstandschef der Mehr-BB Entertainment produziert seit mehr als zwei Jahrzehnten erfolgreich Großmusicals wie „Thriller“ oder „Bodyguard“ und schickt selbige auf Touren durch Deutschland und Europa. Schickte, denn angesichts der geltenden Abstandsregeln und Obergrenzen für Besucherzahlen rechnen sich all diese Produktionen nicht mehr. Mögen öffentlich subventionierte Theater und die Staatsopern in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder München inzwischen auch wieder mit erlaubten Platzauslastungen zwischen 15 und 30 Prozent spielen, für die privaten Musical-Häuser sind ohne Zuschüsse die Kosten schlicht zu hoch: „Erst wenn unser Saal zur Hälfte verkauft ist, ergibt sich eine schwarze Null“, rechnet Ulrike Propach, Pressesprecherin des Festspielhauses Neuschwanstein, vor. Mit der Folge, dass auch in dem Füssener Haus derzeit das Musiktheater um den Märchenkönig „Ludwig²“ nicht zu erleben ist.

Düstere Prognosen auch fürs nächste Jahr


Ähnlich sieht die Rechnung für die Musicals der Stage Entertainment aus – allerdings lediglich für die bereits seit Jahren laufenden und amortisierten Produktionen. Sämtliche für 2020 geplanten Premieren sind indes erst einmal ins kommende Jahr verschoben worden, denn hier gilt: Nur mit einem voll ausgelasteten Haus geht die Rechnung auch auf. Schließlich sind solche Neu-Inszenierungen schon vorab mit gewaltigen Kosten verbunden: 42 Millionen Euro hatte Mehr-BB Entertainment in die geplante deutsche Erstaufführung von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ samt Hogwart-gerechtem Umbau einer Halle am Hamburger Großmarkt gesteckt, Geschäftsführer Maik Klokow für fünf Millionen Euro eine gewaltige Marketing-Maschinerie anlaufen lassen und mehr als 300 000 Eintrittskarten verkauft – bis dann einen Tag vor der Premiere der Lockdown kam. Nun ist als neuer Start für das Zauberspektakel der 11. April 2021 geplant: Doch kann der Termin gehalten werden?
Nach den jüngsten Verschärfungen der Pandemie-Maßnahmen scheint es schwer vorstellbar, dass die geltenden Abstandsregeln und die vielerorts gültige Obergrenze von maximal 1.000 Besuchern in geschlossenen Räumen mit Beginn des neuen Jahres gelockert oder gar aufgehoben werden – was Harry Potters Zauberstab ebenso zur Untätigkeit verdammen würde wie die Stage-Musical-Abenteuer von Disneys „Eiskönigin“ und der Hexen von Oz in „Wicked“ oder die Uraufführung von Ralph Siegels „Zeppelin“-Traum in Neuschwanstein.

Veranstalter fordern Perspektive von der Politik

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