Museum Tinguely in Basel feiert 25-Jähriges

Basel (cl) – Der kreativ tönende Maschinenpark des Museums Tinguely in Basel wird 25. Die Neupräsentation öffnet wieder am 2. März mit vielen Großplastiken, der „Bühnenmensch“ Tinguely steht im Fokus.

Der Aufbau der Tinguely-Objekte im Basler Museum läuft auf Hochtouren: Bis Dienstag, 2. März, sollen alle Rädchen für die Neupräsentation installiert sein.  Foto: Daniel Spehr/Museum Tinguely

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Der Aufbau der Tinguely-Objekte im Basler Museum läuft auf Hochtouren: Bis Dienstag, 2. März, sollen alle Rädchen für die Neupräsentation installiert sein. Foto: Daniel Spehr/Museum Tinguely

Von Christiane Lenhardt

Das Museum Tinguely in Basel mit seinem kreativ klappernden, prächtigen Maschinenpark aus dem gut 40-jährigen plastischen Schaffen des bedeutenden Schweizer Künstlers wird 25 Jahre alt. Mit seinen kinetischen Kunstwerken zählt Jean Tinguely zu den wichtigen Wegbereitern der Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum seines Schaffens stand die Beschäftigung mit der Maschine, ihrer Funktion und ihrer Poesie.
Zum Jubiläum wird die Sammlungspräsentation in dem markanten, von Mario Botta geplanten Museum direkt am Basler Rheinufer neu gestaltet. Die Restaurierungswerkstatt nutzte die Corona-Pause, um einige der vielteiligen, harmonisch wie wummernd tönenden und mitunter rauchenden Zahnrad-Konstruktionen neu zu überholen. Die Deckenarbeit „Ballet des pauvres“, das Armenballett von 1961, mit dem hängenden, über eine Nockenwelle und einen Motor rotierenden Trödel aus Nachthemd, Beinprothese, Kessel wie Serviertablett soll demnächst im neuen Schaudepot des Museums hinter Glas und vor Besucheraugen restauriert werden – auf dass sich die Ansammlung Konsummülls bald wieder in heftigen Bewegungen schütteln lässt. Tinguely hat der Überproduktion der Industriegesellschaft und ihrem Auswurf an sinnvollen und sinnlosen Produkten, dem ganzen Konsumwahnsinn eben, schon früh anschauliche Objekte geschaffen.
Der vorgezogene Start der Schweizer Museen, die kommende Woche öffnen dürfen, hat nun das Team des Museums Tinguely bei der Neueinrichtung etwas in Stress versetzt – eigentlich war die Neueröffnung eine Woche später geplant. „Das kam jetzt überraschend, aber wir werden bis Dienstag fertig“, sagt Hannah Schelly vom Museum Tinguely.

Tinguelys farbensprühende Grafiken und Collagen seit Langem wieder zu sehen


Insgesamt präsentiert das Museum nahezu alle Schaffensphasen des Künstlers, in gut 150 Werken. Die permanente Sammlung entstammt aus einer umfangreichen Spende der Witwe Jean Tinguelys, der mit ihren voluminösen Nanas bekannt gewordenen Künstlerin Niki de Saint Phalle. Die Sammlung umfasst große wie kleine Skulpturen, natürlich die berühmten kinetischen Maschinen und Installationen, aber auch Briefe wie Dokumente. Neu in den Fokus der Dauerausstellung rücken Jean Tinguelys medienwirksamen Auftritte mit kinetischen Skulpturen und Aktionen. In einer Dokumentation werden seine ersten Bühnenprojekte und Auftritte als Schauspieler dargestellt. Ein Schwerpunkt sind laut Hannah Schelly selten gezeigte Papierarbeiten Tinguelys: farbensprühende Grafiken und Collagen. Ihnen hat die Großplastik „Pit-Stop“ (1984) aus Rennwagen-Fragmenten Raum gegeben; sie muss eingelagert und wieder instand gesetzt werden – da sie zu fragil geworden ist.
Die Kunstwelt Jean Tinguelys ist, trotz der auch nostalgisch anmutenden Maschinen aus Eisenblech, Zahnrädern, E-Motörchen und vielen Alltagsgegenständen, eine faszinierende voller spielerischer Möglichkeiten. Der bedienbaren Objektkunst Tinguelys mit den Antriebsrädern, die von Zufälligkeit und Aktion bestimmt sind, wohnt der interaktive Gedanke – die Besucher intensiv in die Kunst einzubeziehen – der aktuellen Medienkunstwerke bereits inne.
Tinguely, 1925 in Freiburg im Kanton Bern geboren, wuchs in Basel auf. Als junger Mann ließ er sich zum Dekorateur ausbilden, in der Kunstgewerbeschule Basel lernte er seine spätere erste Frau Eva Aeppli kennen. Erste Plastiken aus Draht entstanden. 1952 zogen Tinguely und Aeppli nach Paris, wo ihre Tochter geboren wurde. In Paris entwickelte er, zusammen mit der Künstlergruppe um Yves Klein, Daniel Spoerri und seiner späteren zweiten Frau Niki de Saint Phalle, mit denen er ein Atelier bezog, den Nouveau Réalisme (den Neuen Realismus): In ihren Werken wollten die Künstler nicht nur die gängige abbildende Kunst sprengen, sondern auch gesellschaftliche wie wirtschaftliche Grundsätze ihrer Zeit hinterfragen.

Flaschenzertrümmerer „Rotozaza No. 2“ zweimal wöchentlich in Aktion


Tinguely wurde mit seinen Maschinen im Wortsinne zur Antriebsfeder einer neuen Objektkunst. Die Bewegungen und Materialien, mit denen er arbeitete, wurden expressiver, wilder und chaotischer. In den 1970er Jahren wurde der Künstler von Museen und Städten in Europa und den USA eingeladen, um Kunstwerke zu schaffen. Zu den markanten Außenskulpturen Tinguelys gehört auch der „Fasnachts-Brunnen“ am Basler Theaterplatz.
Hauptwerke wie der Flaschenzertrümmerer „Rotozaza No. 2“ soll nun zweimal wöchentlich im Museum Tinguely in Aktion sein. Die farbenfrohen „Méta-Harmonien“, entwickelt in den 50er Jahren als Lautreliefs und in den 80ern zur begehbaren Musikskulptur ausgebaut, sind zu sehen. Die Schwimmwasserplastik „Fontaine“ von 1980 ist eine Art Wahrzeichen des Museums im Außenbereich. In der „Großen Méta Maxi-Maxi Utopia“ (1987) baute Tinguely seine Vision einer begehbaren utopischen Traumwelt aus alltäglichen Materialien. Er schuf Flügelaltäre und 1986 den „Mengele-Totentanz“ mit den ächzend-gierenden Geräuschen: eine Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Tod. 1991 starb Jean Tinguely mit 66 Jahren im Schaffensprozess.
Das Museums-Jubiläum soll im Herbst gefeiert werden: Vom 24. bis 26. September ist ein Fest im Museumspark geplant mit Performances.

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Erstellt:
26. Februar 2021, 22:00 Uhr
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