Literarisch-satirische Annäherung an den angriffslustigen Star

Geglückter Jürgens-AbendKarlsruhe (red) – „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“, die anspruchsvolle, witzige Annäherung an den 2014 gestorbenen Sänger ist am Badischen Staatstheater geglückt: Erzähler Gunnar Schmidt und Johannes Mittl am Klavier bringen auch die Evergreens überzeugend.

Literarisch-satirische Annäherung an den angriffslustigen Star

Erzähler Gunnar Schmidt und Pianist Johannes Mittl im „Zugaben-Bademantel“ von Udo Jürgens.Staatstheater

Von Thomas WeissUdo Jürgens nur als erfolgreichen Schlagersänger abzutun würde dem Phänomen kaum gerecht, war er doch ein begnadeter Songschreiber und Entertainer, der die Massen quer durch alle Altersschichten in seinen Bann zu ziehen wusste. Von „Merci Chérie“ über „17 Jahr, blondes Haar“, „Griechischer Wein“ oder „Ich war noch niemals in New York“ sind seine Lieder Allgemeingut geworden. „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“, ein musikalischer Abend mit Texten von Andreas Maier in der Bühnenbearbeitung von Patrick Wengenroth, der nun Premiere am Schauspiel des Badischen Staatstheaters hat, gehört indes nicht zu der Gattung der augenblicklich so populären Liederabenden, die sich auf eine Zusammenstellung altbekannter Hits nebst einiger biografischer Anekdoten beschränken.

Denn Maiers ursprünglich als Kolumnentexte entstandenes, bei Suhrkamp als Buch erschienenes „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“ nähert sich dem Phänomen des Chansonniers aus einer sehr persönlich-literarischen Sicht, verbindet die Biografie des in Frankfurt und seinen Appelwoi-Kneipen sozialisierten Autors mit der Auseinandersetzung mit dem Sänger, den er trotz aller Anstrengungen nie ganz zu fassen bekommt. Gelegentlich fühlt man sich in ein literaturwissenschaftliches oder soziologisches Hauptseminar versetzt, was die Verständlichkeit vieler Bezüge der Texte nicht erleichtert. Deren spezielle Ironie befasst sich eher selbstreflexiv mit den Befindlichkeiten Maiers, der sich an Jürgens und seiner Musik abarbeitet.

Bei der Uraufführung von „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“ ist Gunnar Schmidt der Erzähler, der sich immer wieder in einen Sänger alias Udo Jürgens verwandelt, der sehr überzeugend dessen Lieder interpretiert, auch wenn nicht nur die unangemessene Lautstärke, sondern auch die Grenzwertigkeit der Aussteuerung im Kleinen Haus des Staatstheaters das Vergnügen etwas begrenzt. Wobei ihm Johannes Mittl am Flügel, in den berühmten „Zugaben-Bademantel“ von Udo Jürgens gehüllt, ein mehr als zuverlässiger Begleiter ist und gelegentlich auch ironisches Korrektiv bildet.

Schmidt umkreist das Phänomen Jürgens mit nachdrücklicher Körpersprache, setzt die Klischees des Bühnenstars, der sich in die Publikumsreihen begibt, souverän ein, um zugleich wieder Distanz aufzubauen und aus den mehrschichtigen Texten von Andreas Maier eine Annäherung an Jürgens zu schaffen, die nie zur Identifikation werden soll. Patrick Wengenroth, der an diesem über weite Strecken sehr unterhaltsamen Abend Regie führt, hat auch die Bühne eingerichtet. Vor einem leuchtend roten Vorhang agiert Schmidt alias Jürgens oder Maier, der Kampf mit dem sich immer mal wieder zur Unzeit öffnenden oder schließenden Vorhang, der den Blick auf eine überdimensionale Disko-Kugel nebst Nebelmaschine freigibt, wird zu einem unterhaltsamen Running Gag. Ebenso wie die Einwürfe der Souffleuse, die die Behauptung des Darstellers, er sei 35 Jahre alt, unerschütterlich zu „53“ korrigiert.

Das Wild-Assoziative der Texte Maiers, ihre Selbstreflexion, mit der er sich dem Phänomen Jürgens zu nähern trachtet, ist nicht leicht auf die Bühne zubringen. Wobei bei Schmidt die Begeisterung des Autors für den Sänger, auch wenn sie immer wieder hinterfragt wird und die Widersprüchlichkeit des Massenphänomens lebendig werden. Wenn Udo Jürgen der „gläserne Mensch, Prototyp einer offensiv und emotional gelebten Gegenwärtigkeit“, also das Gegenteil von Schlager-Spießigkeit war, dann füllt Schmidt dies emphatisch aus. Beeindruckend wie er auch durch seine Interpretation von Liedern wie „Ich weiß, was ich will“, „ein Narr sagt Dankeschön“, „Ich war noch niemals in New York“ oder „Frauen“ den Entertainer wiederauferstehen lässt. Einer der Höhepunkte ist die im Stile einer musikwissenschaftlich-literarischen Analyse gehaltene Interpretation von „Merci Cherie“, bei der die Parodie mitgeliefert wird – die von Mittl einerseits durch seine Sicht auf „Griechischer Wein“ unterbrochen, anderseits von Schmidt durch eine letzte Wendung ins Gegenteil verkehrt wird. Vom Liebeslied über den gefeierten sexuellen Höhepunkt zum frauenfeindlichen Macho-Song windet sich die Interpretationskurve.