Kunstmuseum Stuttgart mit schräger Wand-Kunst

Stuttgart (red) – Wofür Gemäuer gut sein können, zeigt die Schau „Wände/Walls“ bis Ende Januar in Stuttgart: Im Kunstmuseum sprengt sie Wände, die „Graffiti-Galerie“ am Hauptbahnhof gehört auch dazu.

In Felix Schramms Installation wird die potenziell schützende Wand des Kunstmuseums Stuttgart spektakulär durchbrochen.  Gerald Ulmann/Kunstmuseum

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In Felix Schramms Installation wird die potenziell schützende Wand des Kunstmuseums Stuttgart spektakulär durchbrochen. Gerald Ulmann/Kunstmuseum

Von Hans-Dieter Fronz

Der eine rastet aus und geht die Wände hoch. Eine andere malt in kräftigen Farben den Teufel an die Wand. Die deutsche Sprache ist erfinderisch, wenn es darum geht, sich Begegnungen mit der vertikalen Raumbegrenzung, der Wand, auszumalen. Selten sind es Fantasien der angenehmen Art. Da läuft einer kopflos gegen die Wand – oder fährt etwas Wichtiges an selbige. Manche wollen buchstäblich mit dem Kopf durch die Wand. Wieder andere stecken ihn ängstlich in die – falsch! Nicht in die Wand, sondern in den Sand. Maurizio Cattelans Rappen muss sich wohl in der Redewendung geirrt haben. Jetzt steckt er – hoch oben – mit dem Kopf in einer Wand des Kunstmuseums Stuttgart fest.
Cattelan, der schelmische Surrealist aus Italien, ist einer von 30 Künstlerinnen und Künstlern in der meist erhellenden und manchmal erheiternden, auf alle drei Stockwerke des Kunstkubus am Schlossplatz sich ausdehnenden Ausstellung „Wände/ Walls“. Die Schau hat noch zwei Außenstellen. Über 70 Graffitikünstler haben den Bonatzbau am Stuttgarter Hauptbahnhof in eine temporäre „Graffitigalerie“ verwandelt. Das Stadt-Palais lädt den Besucher zum Crashkurs zur Geschichte dieser – seien wir ehrlich – nicht ganz satisfaktionsfähigen Variante der Gegenwartskunst in Stuttgart ein.

Über 70 Künstler haben den Bonatzbau am Stuttgarter Hauptbahnhof in eine temporäre „Graffitigalerie“ verwandelt.  Gerald Ulmann/Kunstmuseum

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Über 70 Künstler haben den Bonatzbau am Stuttgarter Hauptbahnhof in eine temporäre „Graffitigalerie“ verwandelt. Gerald Ulmann/Kunstmuseum


Wände – im zeitgenössischen Kunstkontext sind es im Zweifel die Gemäuer eines White Cube. Auch die gilt es in Stuttgart künstlerisch zu untersuchen. Wenn das skandinavische Künstlerduo Elmgreen & Dragset anstelle gerahmter Bilder leere Bilderrahmen, durch die die Wand scheint, an eben diese hängt, macht es den White Cube selbst zum Exponat.
Wände haben aber auch ein sinnbildliches und soziales Potenzial. Indem sie ein Innen gegen ein Außen abgrenzen, schaffen sie einen geschützten Raum oder Rahmen: Privatsphäre. Gleichzeitig können Wände jemanden einschließen oder einsperren. In Felix Schramms Installation wird die potenziell schützende Wand spektakulär durchbrochen; in Yoko Onos hintersinniger Versuchsanordnung sieht sich der Besucher einem verspiegelten Labyrinth aus Acrylglas mit einem Telefon mitten drin gegenüber: Sinn-Bild der Ambivalenz des Privaten, das schon von innen heraus auf Öffentlichkeit angelegt ist. (Wer Glück hat, hört ein Klingeln und kann ein Gespräch mit der Künstlerin führen).
Keine harmlose Kunst: John von Bergens Vitrine saugt die Wand mit dem rüsselartigen Organ auf.  Gerald Ulmann/Kunstmuseum

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Keine harmlose Kunst: John von Bergens Vitrine saugt die Wand mit dem rüsselartigen Organ auf. Gerald Ulmann/Kunstmuseum


Wände mussten in der Kunst schon für vieles her- und gleichzeitig einiges aushalten. Marina Abramovic und Ulay traktierten in einer Performance Wände durch stundenlanges Anrennen gegen sie. Bei Michael Sailstorfer erzeugt eine Wand durch Reibungswiderstand Abrieb an einem durch einen Motor bewegten Autoreifen: eine Art Memento mori. Und in Klaus Rinkes fotografischem ABC von Körperstellungen ermöglicht die Wand als Widerlager erstaunliche Posituren. Charlotte Posenenskes „Großen Raumteiler“ darf der Besucher als Raumplaner partizipativ selber schwenken.
Einige Künstler interessieren sich für die Materialität der Wand. William Anastasi legte durch Abtragen eines 11,4 Zentimeter breiten Streifens das Innenleben einer Museumswand frei. Doch Vorsicht: Wen es danach verlangt, in die Wand hinein oder hinter sie zu schauen, sollte sich auf Überraschungen gefasst machen – im Zweifel solche der unerquicklichen Art. Denn nicht nur bringt uns Robert Gober in „Drain“ – der Attrappe eines Abflusses in der Wand – die Raumgrenze als klinisch reine Außenhülle für alles Eklig-Unrein(lich)e, Abstoßende und Verdrängte des Alltags zu Bewusstsein.

Moderne Architektur wird angeknabbert


Vielmehr muss, wer an die falsche Wand gerät, mit unangenehmen Konsequenzen rechnen. Die Wand schießt zurück: Lässt Cattelan ein Pferd imperial mit dem Kopf voraus in das Museumsgemäuer einbrechen, so wächst bei John von Bergen der Wand im Gegenzug zur Vergeltung ein rüsselartiges Organ, durch welches sie den Inhalt einer nahen Vitrine aufsaugt. Selbst die harmlos anmutende florale Ornamentik in Parastou Forouhars Tapete ist Camouflage: Schaut man genauer hin, ist sie mit verstörenden SM-Szenen durchsetzt.
Wer sich an einer zweifelhaften Wand stößt und stört, sollte also lieber gleich zur Abrissbirne greifen. Freilich lässt sich eine Mauer auch – allerdings setzt diese Alternative langen Atem und einen robusten Magen vor – über einen längeren Zeitraum buchstäblich verspeisen. Emily Katrencik, die die Ideologie modernistischer Architektur buchstäblich gefressen hat, knabberte in Harvard gegen einen Le-Corbusier-Bau erfolgreich zumindest an. Wohl bekomm’s! Die Ausstellung läuft bis 31. Januar 2021.

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Erstellt:
24. Oktober 2020, 07:00 Uhr
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