Kunstbesuch in Tübingen bei Karin Sander

Tübingen (cl) – Die Kunsthalle Tübingen eröffnet am 27. März eine Schau von Karin Sander. Im Mittelpunkt stehen ihre gut 1.200 Papierarbeiten „Office Works“ – Selbstporträts der Befindlichkeiten.

Die Schönheit des Gemüses: Die Lust, die Materialität wieder zu spüren, war für die Künstlerin Karin Sander jetzt besonders wichtig bei ihrer neuen Ausstellung in Tübingen; oben rechts eine Rasenecke.  Foto: Kunsthalle Tübingen

© pr

Die Schönheit des Gemüses: Die Lust, die Materialität wieder zu spüren, war für die Künstlerin Karin Sander jetzt besonders wichtig bei ihrer neuen Ausstellung in Tübingen; oben rechts eine Rasenecke. Foto: Kunsthalle Tübingen

Von BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Ein dicker Glastropfen in Eigelbfarbe klebt am Tresen der Tübinger Kunsthalle. Während man sich ein Ticket für die neue Ausstellung von Karin Sander kauft, gibt es schon den Erstkontakt mit ihrem Werk. Der vorösterliche Schalk passt zu den Werk-Serien der renommierten, aus Baden-Württemberg stammenden Künstlerin, die mit aus dem Alltag entlehnten Materialien spielt und sie in neue Kontexte stellt, ihnen auch humorvoll neue Bedeutung gibt, wie bei den „Kitchen Pieces“, den exakt nebeneinander an die Wand genagelten Gemüse-Stücken.
„Die Lust, die Materialität wieder zu spüren, war für mich in der Kunsthalle wichtig“, sagt sie im BT-Interview. Videoarbeiten hätten wir jetzt genug gesehen. Fünf Monate habe sie am Konzept der analogen Schau gearbeitet. Wichtig sei, sich vom Detail bis zur architektonischen Größe und der großzügigen Leere in den Räumen zu verhalten. Vor allem ist genügend Platz für ihre erstmals in aller Fülle ausgestellte Werkserie „Office Works/Büroarbeiten“ mit über 1.200 Papierarbeiten (1990-2020), die das Highlight der Schau sind.
Aber in diesen Tagen ist allein schon die Eröffnung selbst ein Ereignis: Das Modellprojekt mit Testungen in Tübingen macht es möglich, dass die Kunsthalle ihre Ausstellung ab Samstag öffnen kann. „Es war unerträglich, fünf Monate geschlossen zu haben, was derzeit in Tübingen ausprobiert wird, ist eine Öffnungsperspektive“, sagt Kunsthallen-Direktorin Nicole Fritz. „Wir dürfen offenbleiben, auch wenn die Inzidenz über 100 steigt.“ Zunächst terminiert bis Ostersonntag, 4. April. Die Ausstellung könnte den Zeitgeist mit Corona nicht besser spiegeln, weil sie Mut mache, kreativ zu sein, so Fritz. Karin Sander arbeite mit dem, was da sei. „Die Kreativität, die wir jetzt auch bei den Politikern vermissen, ist hier unmittelbar spürbar.“

Viel Platz für gut 1.200 „Office Works“ in der Kunsthalle Tübingen: Karin Sander hat die Schau selbst konzipiert.  Foto: Kunsthalle Tübingen

© pr

Viel Platz für gut 1.200 „Office Works“ in der Kunsthalle Tübingen: Karin Sander hat die Schau selbst konzipiert. Foto: Kunsthalle Tübingen


Das Faszinierende an den „Office Works“ ist der künstlerische Prozess, die Einfachheit genauso ihre Unmittelbarkeit, in der der Betrachter viel von Karin Sander entdecken kann. Selbstporträts der Befindlichkeiten nennt sie die Künstlerin selbst. Die Strichzeichnungen, tanzende Locherpunkte und Linien, die auf blütenweißen Blättern arrangierten Schreibtischutensilien, („am Anfang war die Heftklammer“), bunte Schreibtisch-Gummis, auch Blütenstengel sind streng komponiert und zugleich poetisch – und inspirierend. Es gibt Verweise auf Sanders Lieblingsort, die Nordseeinsel Sylt, in welligen Linien ist Dünenlandschaft ablesbar. Mittels eines QR-Codes im Hauptraum der Kunsthalle können die Besucher einem amüsanten Text des US-Filmemachers John Waters lauschen, dem ersten Sammler der „Office Works“.
„Ihr Werk hat etwas Assoziatives, wie die Objektsammlungen, die früher in den Kunst- und Wunderkammern zusammengestellt wurden, so Nicole Fritz. Aus Alltag wird Kunst bei Karin Sander. Man nimmt etwas aus einem Kontext und füllt es in den musealen Kontext und dadurch entsteht eine andere Sichtweise.
Die im schwäbischen Metzingen aufgewachsene Künstlerin, ausgebildet an der Kunstakademie Stuttgart erhielt 2011 den Hans-Thoma-Preis, den Großen Landespreis für Bildende Kunst Baden-Württembergs. 2015 kam der Preis der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom dazu. Sanders Werk ist bis in die USA hoch geschätzt, seit sie 1994 ihre Kunstrasenhalbkreise im Eingangsbereich des Museum of Modern Art in New York auslegte, die zum Ruhepunkt für die Besucher wurden. In Tübingen kommt der Kunstrasen als Bildfolge an der Wand vor und in Form gespiegelter, verteilter Fußballplatz-Ecken. Das Vergängliche ist ihrer Kunst immanent und wird akzeptiert: Die verwelkten Gemüseblätter der „Kitchen Pieces“ dürfen die Sammler getrost selbst austauschen und neu an den Nagel hängen.
Der Zufall und die Einwirkungen von außen spielen auf den „Gebrauchsbildern“ die entscheidende Rolle. Die als reinweiße Leinwände ein halbes Jahr auf Baustellen ausgesetzten, monumentalen Bildtafeln tragen jetzt heftige Abnutzungsspuren, wurden bekritzelt, Tiertatzen sind ablesbar.

„Die Zeit, der Raum, das Geld, die Susanne“: Sanders Lieblings-Statement eines Kunststipendiaten in Rom


In den letzten 30 Jahren hat Karin Sander eines der vielseitigsten Œuvre vorgelegt – und eine ganz eigene konzeptuelle Weiterentwicklung der Minimal Art geschaffen, sprühend vor kreativer Ideen. Als eine der Ersten nutzt die Professorin an der ETH Zürich die 3-D-Technik für ihre verkleinerten Ganzfigurporträts. Seit Mitte der 90er Jahre scannt sie Körperumrisse der Ausstellungsbesucher und druckt daraus kleine Skulpturen. In Zeiten des Kontaktverbots hat sie für Tübingen einen Bodyscan in Lebensgröße von sich selbst gemacht: einmal in Frontansicht, einmal in Rückenansicht. Ausgestellt sind die beiden Sander-Figuren in dem Raum, wo normalerweise ihre Biografie gezeigt würde. „Ich stelle mich quasi selbst vor, real. Das ist gespiegelt, weil man sich sehr viel in letzter Zeit mit sich selbst beschäftigt hat“, erklärt sie – „wie ich mich sehe und wie der Betrachter mich sieht.“ Die Scanner-Objekte sieht Karin Sander als Entwicklung der Fotografie ins Dreidimensionale. Ihre Figuren werden zu Typen, aber bleiben immer noch an ihrer Haltung erkennbar.
„Bei mir geht es immer um Referenzen, ein an die Wand genagelter Apfel, ist in seiner Vergänglichkeit ein Vanitas-Stillleben, er repräsentiert sich aber auch selbst, er ist er selbst.“ Besonders am Herzen liegen Sander die in Bildformat gezeigten Statements von Stipendiaten der Villa Massimo, die sie während eines Aufenthalts einholte. „Die Zeit, der Raum, das Geld, die Susanne“ schrieb ihr ein junger Künstler auf. Das bringe die Sache auf den Punkt. „Wenn man ein Stipendium hat, hat man Zeit, einen Raum zur Verfügung, Geld, und die Freundin darf auch mit.“ Alles wird Teil des künstlerischen Prozesses. In Tübingen ist bis 4. Juli viel Raum für Assoziationen.

Um diesen Artikel weiterzulesen, müssen Sie ein Login für BT Digital haben.
Sie sind bereits registriert? Dann melden Sie sich bitte hier an.
Sie interessieren sich für einen BT Digital Zugang? Dann finden Sie hier unsere Angebote.

Zum Artikel

Erstellt:
25. März 2021, 08:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 44sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte