„Kultur ist kein Luxus“: Tenor Jonas Kaufmann im BT-Interview

München (red) – „Kein Luxusartikel, sondern das tägliche Brot“: Startenor Jonas Kaufmann sorgt sich im BT-Interview um die Relevanz der Kultur. Die Kreativen habe man in der Corona-Krise im Regen stehen lassen. Er selbst habe die Pause für ein CD-Projekt genutzt, und seine neue „Otello“-Aufnahme ist neu herausgekommen.

Vor leeren Rängen singen, findet er skurril: Tenor Jonas Kaufmann tritt im Juli wieder in Genf und Neapel auf.  Foto: Warmuth/dpa

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Vor leeren Rängen singen, findet er skurril: Tenor Jonas Kaufmann tritt im Juli wieder in Genf und Neapel auf. Foto: Warmuth/dpa

Von Georg Rudiger

Wie seine Sängerkollegen durfte Jonas Kaufmann im Lockdown der Corona-Pandemie seinen Beruf von heute auf morgen nicht mehr ausüben. Georg Rudiger hat den international gefeierten Tenor gefragt, wie er die Zeit in dieser Zwangspause für sich genützt hat, wie systemrelevant die Musik ist und was er über seine gerade erschienene „Otello“-Aufnahme denkt.

BT: Herr Kaufmann, Sie mussten schon einmal im Jahr 2016 mehrere Monate pausieren, als Sie wegen einer Erkrankung Ihrer Stimmbänder nicht singen konnten. Nun hatten Sie eine Zwangspause, obwohl Sie gesund waren. Wie fühlten sich die letzten Wochen an? Tut es auch gut, wenn man in dieser radikalen Weise ausgebremst wird?
Jonas Kaufmann: Wenn es etwas Gutes an dieser Krise gibt, dann ist es vielleicht die viel zitierte „Entschleunigung“, das Zur-Ruhe-Kommen. Das habe ich in den ersten Wochen als wohltuenden Nebeneffekt empfunden. Aber natürlich ist es für niemanden einfach, von einem arbeitsreichen, ausgefüllten Alltag auf Null herunterzufahren. Dann kam der erste Auftritt vor einem leeren Haus, da sang ich in einem der Montagskonzerte der Bayerischen Staatsoper mit Helmut Deutsch Schumanns „Dichterliebe“ – vor den leeren Reihen des Nationaltheaters. Viele haben mir nach der Übertragung im Internet gesagt, das sei eine besonders intensive Wiedergabe gewesen; doch ganz ohne Publikum, ohne jede Reaktion ins Leere zu singen, finde ich eher skurril.

BT: Wann und wo haben Sie das letzte Mal vor Live-Publikum gesungen?
Kaufmann: Das war Anfang März in London, Florestan in der Neuinszenierung des „Fidelio“ mit Lise Davidsen und Tony Pappano am Pult.

BT: Was haben Sie in den letzten Wochen gemacht seit dem durch die Corona-Pandemie bedingten Lockdown?
Kaufmann: Die Zeit genützt für Lied-Aufnahmen. Die waren nämlich in meinem Kalender immer wieder hinten runter gefallen. Also habe ich Helmut Deutsch angerufen: Das ist jetzt die Gelegenheit! Inzwischen ist das erste Album schon auf dem Weg in die CD-Presse.

Interview



BT: Freiberufliche Sängerinnen und Sänger sind besonders von der Corona-Krise betroffen. Sie haben sich selbst für einen Hilfsfonds engagiert. Wie beurteilen Sie die Nothilfemaßnahmen der Regierung für Ihren Berufsstand?
Kaufmann: Gelinde gesagt lückenhaft. Anfangs war es überhaupt kein Thema, da schien es kaum jemanden zu interessieren, dass Künstler im Regen stehen gelassen wurden, obwohl ja die Zahl der Beschäftigten im Kulturbetrieb fast so hoch ist wie in der Automobilindustrie. Seitdem einige Hilferufe und Petitionen bei den Politikern eingegangen sind, wurde die Schieflage zumindest mal zur Kenntnis genommen, man versprach, sich der Sache anzunehmen. Wäre schön, wenn den Worten auch Taten folgen würden. Aber große Hoffnung habe ich nicht.

BT: Es wurde in der Krise viel über die Systemrelevanz von Branchen gesprochen. Wie systemrelevant ist die Musik?
Kaufmann: Ich fürchte, klassische Musik hat längst nicht mehr den Status, den „Sitz im Leben“, den sie mal hatte – auch in Deutschland nicht, wo man doch Kunst und Kultur gern als tragende Säulen der Gesellschaft bezeichnet hat. Und ich glaube nicht, dass es nach der Krise noch all die Möglichkeiten und Angebote geben wird, die wir vorher als selbstverständlich betrachtet haben.

BT: Nun wurde gerade Ihre Otello-Aufnahme veröffentlicht. Sie haben sich vorsichtig an diese schwierige Partie vorgetastet und sie auch schon in zwei szenischen Produktionen in London 2017 und München 2018 gesungen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?
Kaufmann: Es ist ja so: auch wenn man sein Bestes gegeben hat – hinterher findet man immer wieder etwas, wo man sagt: Na, das würde ich heute besser machen. Oder anders. Doch bis jetzt bin ich mit dem Resultat zufrieden. Wie wir alle wissen, ist es heutzutage eine absolute Seltenheit, eine Repertoire-Oper im Studio aufzunehmen, und ich bin der Sony sehr dankbar, dass sie uns die Möglichkeit gab, „unseren“ Otello mit den wunderbaren Musikern der Accademia di Santa Cecilia unter Studio-Bedingungen aufzunehmen.

BT: Mit Antonio Pappano haben Sie schon etliche Aufführungen und Aufnahmen gemacht. Was schätzen Sie besonders an ihm?
Kaufmann: Dass er ein echter Theater-Dirigent ist, dem es niemals nur um den orchestralen Effekt geht, sondern immer um das große Ganze; dass er mit uns Sängern atmet und uns immer wieder inspiriert; und dass er in kürzester Zeit im Studio dieselbe Spannung schaffen kann wie in einer Aufführung.

„Otellos Eifersucht aus Unerfahrenheit“

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Erstellt:
22. Juni 2020, 23:00 Uhr
Lesedauer:
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