Karlsruher SPD gegen „Generalintendantentum“ am Staatstheater

Karlsruhe (red) – „Ein Sonnenkönigmodell wie in Karlsruhe ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Elke Ernemann von der Karlsruher SPD. Ziel sei die Strukturreform am Badischen Staatstheater wie in Stuttgart.

Großbaustelle Badisches Staatstheater, außen wie innen: Den 2019 angebrachten Schriftzug zum „Menschenrecht“ am Gebäude haben Unbekannte verändert – das „un“ wurde symbolträchtig rot durchgestrichen.  Foto: Stefan Jehle

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Großbaustelle Badisches Staatstheater, außen wie innen: Den 2019 angebrachten Schriftzug zum „Menschenrecht“ am Gebäude haben Unbekannte verändert – das „un“ wurde symbolträchtig rot durchgestrichen. Foto: Stefan Jehle

Von Stefan Jehle

Seit Wochen beschäftigt der Aufruhr unter der mehr als 800-köpfigen Belegschaft des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe die Öffentlichkeit – und lähmt das Haus selbst. Trotz vehementer Kritik am Führungsstil des seit 2011 amtierenden Generalintendanten Peter Spuhler will der Verwaltungsrat an ihm festhalten, so wurde im Juli entschieden. Die SPD, in dem Gremium mit zwei Sitzen vertreten, fordert nun „eine überfällige Strukturreform“. Der Antrag soll zunächst in Karlsruhes Gemeinderat.
„Ein Sonnenkönigmodell wie in Karlsruhe ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt jetzt Elke Ernemann, die kulturpolitische Sprecherin der Karlsruher SPD-Gemeinderatsfraktion, auf Anfrage des BT. Sie zielt dabei vor allem auf eine Änderung der Leitungsstruktur, die auch im Staatsvertrag zwischen der Stadt Karlsruhe und dem Land Baden-Württemberg schriftlich verankert werden müsse. Ernemann, die auch ehrenamtliche Ortsvorsteherin eines Karlsruher Teilortes ist, ist sich bei dem Vorstoß einig mit dem Ulmer SPD-Landtagsabgeordneten Martin Rivoir – dem zweiten Vertreter der SPD in dem von Stadt und Land paritätisch besetzten Verwaltungsrat.
Aufgrund aktueller, und auch weiter zurückreichender Vorfälle innerhalb des Badischen Staatstheaters steht das „Generalintendantentum“ im Fokus der Kritik. Dieses hierarchische Modell stamme aus dem 19. Jahrhundert und sei mit dem Anspruch des Staatstheaters, ein modernes, offenes Haus zu sein, nicht vereinbar, betont SPD-Stadträtin Ernemann. Es werde mittlerweile bundesweit diskutiert, wie problematisch „die längst überholten autokratischen Strukturen“ seien. Zum heutigen Theaterbetrieb passe es nicht mehr, dass eine einzelne Person an der Spitze, „fast ohne Regularien und mit sehr weitreichenden Kompetenzen durchregieren könne“. An vergleichbaren Häusern bestünde zumindest „eine effektive Doppelspitze“. Es gebe genügend funktionierende Beispiele aus anderen Häusern. „Auch in Stuttgart funktioniert das ja bekanntlich sehr gut“, meint die SPD-Stadträtin. Dabei hänge es natürlich auch von den jeweiligen Personen ab, die dann verantwortlich sind. Aus ihrer Sicht, so sagt Ernemann, sei es „immer besser, wenn die Verantwortung verteilt wird“. Der angegriffene Peter Spuhler äußert sich derzeit öffentlich nicht zu den Vorwürfen.

Kritisiert vehement das „hierarchische Modell aus dem 19. Jahrhundert“ am Staatstheater: Elke Ernemann, die kulturpolitische Sprecherin der Karlsruher SPD-Fraktion.  Foto: Fränkle/Stadt Karlsruhe

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Kritisiert vehement das „hierarchische Modell aus dem 19. Jahrhundert“ am Staatstheater: Elke Ernemann, die kulturpolitische Sprecherin der Karlsruher SPD-Fraktion. Foto: Fränkle/Stadt Karlsruhe


Die Schauspieldirektorin am Badischen Staatstheater, Anna Bergmann, hatte sich im Juli in mehreren Interviews mit ganz ähnlichem Tenor geäußert – und entsprechende Forderungen formuliert, wie jetzt die Karlsruher SPD: „Bisher mussten wir jede Entscheidung mit Peter Spuhler absprechen, von künstlerischer Freiheit konnte da oft keine Rede sein. Erstens muss also die Führungsspitze Macht abgeben. Zweitens haben wir als Schauspiel von Anfang an gemeinsam mit unserem Ensemble über Möglichkeiten der Teilhabe nachgedacht. Einzelne, vom Ensemble gewählte Vertreter könnten sich an Leitungsaufgaben wie Spielplangestaltung, Disposition, der Besetzung vakanter Stellen und der Auswahl von Regie-Teams beteiligen“, sagte die seit 2018 in Karlsruhe tätige Bergmann in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und fügte noch hinzu: „Das muss natürlich alles vertraglich genau festgelegt werden.“
Wäre Stuttgart ein Vorbild für Karlsruhe? Die Staatstheater in der Landeshauptstadt – die auch ganz bewusst den Plural im Namen führen, was auf die Unabhängigkeit der einzelnen Sparten verweisen soll – haben sich als ein überregional anerkanntes Drei-Sparten-Haus bereits 1992 auf das so genannte „Stuttgarter Modell“ verständigt. Seitdem gibt es keinen Generalintendanten mehr, sondern drei gleichberechtigte künstlerische Intendanten von Oper, Schauspiel und Ballett. Die Gesamtleitung hat ein geschäftsführender Intendant. Seit 2009 ist das Marc-Oliver Hendriks, von Haus aus Jurist, der zuvor Positionen als Verwaltungsdirektor und Geschäftsführender Direktor an anderen Theatern innehatte.

Seit 2018 Geschäftsführender Direktor installiert


„Von einem neuen Führungsmodell erwarten wir flachere Hierarchien und mehr künstlerische Ausgewogenheit. Gleichzeitig verlangen wir grundlegende Veränderungen bei den Arbeitsbedingungen und den Abbau von prekären Arbeitsverhältnissen am Badischen Staatstheater“, beschreibt die Karlsruher Stadträtin Elke Ernemann das Forderungspaket der Sozialdemokraten.
Zuletzt hatte es 2018 eine Änderung des Staatsvertrags für das Badische Staatstheater gegeben: Nach langwierigen Auseinandersetzungen zwischen dem Generalintendanten Spuhler und dem im Karlsruher Theater zwischen 2007 und 2015 amtierenden Verwaltungsdirektor Michael Obermeier. Spuhler drängte damals ganz offen auf die Versetzung von Obermeier, der sich das aber nicht gefallen lassen wollte. Der Vorgang um Kompetenz-Streitigkeiten beschäftigte zuletzt, formal als ein Arbeitsrechtsverfahren, im Juni 2018 auch noch den Verwaltungsgerichtshof in Mannheim. Zuvor, 2015, war auch eine Mediation eingeleitet worden. Die Effekte aber werden bis heute angezweifelt.
Mit der letzten Änderung im Verwaltungsstatut 2018 erfolgte die Einführung eines Geschäftsführenden Direktors, welcher seitdem ergänzend zum Generalintendanten die Geschicke des Hauses lenken sollte. Schon damals wurde mit einem effizienteren und zeitgemäßen Leitungsmodell argumentiert. Der Generalintendant blieb jedoch weiter gesamtverantwortlich. Aus heutiger Sicht kann man sagen: Auch dieser Versuch, den Kompetenz-Streit mit Aufgabe der früheren Arbeitsplatzbeschreibung „Verwaltungsdirektor“, zu regeln, ist wohl gescheitert. Wie sehr da bis heute offenbar Emotionen nachwirken, zeigt ein Blick auf eine der Karlsruher Kundgebungen zur Kritik am Führungsstil des jetzigen Generalintendanten: Ende Juli wurde vor dem Personaleingang des Staatstheaters auch der längst pensionierte Michael Obermeier als Teilnehmer gesichtet.

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