Jedes Leben bildet seine Ausnahme

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch alle zwei Wochen philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um Humanismus und Versachlichung.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Vernünftig ist nicht immer richtig. Richtig ist nicht immer wahr. Wahr ist nicht immer menschlich. Menschlich ist das, was aus einem Defizit heraus lebt, also was sich angreifbar machen wird, weil eine Entscheidung im Namen der Menschlichkeit immer für oder gegen jemanden oder etwas wirken wird.

Angenommen, es ist menschlich, jemanden aus Seenot zu retten. So gilt es nicht nur eine gewagte Rettungsaktion durchzuführen, die gefährlich oder tödlich verlaufen kann. Es gilt auch, sich für etwas zu entscheiden, was keinen materiellen Mehrwert, keinen Nutzen im Sinne eines monetären Vorteils bringen wird. Am Ende steht meist der Dank oder ein gutes Gewissen. Ist man dafür bereit, sein Leben zu riskieren?

Vernünftig wäre eine Risikoabwägung die, basierend auf statistischen Daten, Wahrscheinlichkeiten oder Hypothesen eine Vermutung darüber anstellen ließe, was gewagt und was nicht gewagt werden kann. Auf Algorithmen basierte Datenverarbeitungen zeigen uns, was wahrscheinlich sein kann und was nicht. So gesehen wäre es sinnvoll, bedenkt man die Ressourcen, die verbraucht werden, einem alten Menschen eben keine künstliche Hüfte mehr einzusetzen, sondern ihn sich selbst und seinen Schmerzen zu überlassen.

Es muss abgewogen werden

Der rationale Kosten-Nutzen-Maximierer, ein Begriff aus der Wirtschaft, besagt, dass die Kosten und der Nutzen in einem nachvollziehbaren, rationalen Verhältnis stehen müssen, dass also ein Nutzen sich daraus ergeben muss, wenn etwas investiert oder ausgegeben wird. Deshalb ist es rational gesehen vernünftig, jemanden seinem Schicksal zu überlasen, als sich in Gefahr zu begeben. Oder wie Spock in „Star-Treck“ sinngemäß sagt, sind die Bedürfnisse vieler über die eigenen zu stellen. Später werden seine Freunde ihm das Gegenteil beweisen, nämlich dass es auch auf den Einzelnen ankommt. Wägen sie rational ab? Eher nicht. Es wird eine gefühlsmäßige Entscheidung getroffen, die erhebliche Risiken birgt, nur um ihren Freund zu retten.

Viele haben sich von dieser Entwicklung anrühren lassen. Es wurde darüber diskutiert, dass der Einzelne etwas wert ist, vor allem dann, wenn es um scheinbare Bedürfnisse des Gemeinwohls gehe. Andererseits kann das Gemeinwohl durchaus fordern, dass ein gewisses Gebiet zum Baugebiet ernannt wird, selbst dann, wenn es dort seltene Vogelarten gibt, die vom Aussterben bedroht sind. Es muss abgewogen werden. Was wiegt mehr, eine Vogelart oder Menschen, die eine Wohnung suchen? Selbst in den USA, der Heimat der rationalen Wirtschaft, gibt es erstaunliche Tabus. Der Central Park in New York wird eben nicht zugebaut, sondern als Oase inmitten einer Hochhaus-City bewahrt, und dies, obwohl Geld keine Rolle spielen würde, um sich einen Bauplatz zu sichern.

Je nachdem können Entscheidungen so oder so ausfallen. Dennoch kann es keine allgemeine Regel geben, sondern nur einen Aushandlungsprozess der Abwägung und des Kompromisses. So absurd es uns im Alltag vorkommen mag, jemand anderen zu verletzten oder ihm Schlimmeres anzutun, im Kriegsfall würde dies anders gesehen werden.

Der Mensch darf nicht außer Acht bleiben

Bei all der Algorithmisierung darf der Mensch nicht außer Acht gelassen werden oder besser gesagt: das Leben und das Lebendige. Sieht man lediglich die nackten Zahlen, so mag es in der Tat unwirtschaftlich, einschränkend und irrational sein, wenn viele sich zugunsten weniger zurücknehmen müssen, wie in der Krisenzeit, die wir gerade erleben. Hier kann Unmut gerechtfertigt und durchaus nachvollziehbar sein. Aber ist dieser Unmut auch verständlich aus einer humanistischen Perspektive? Ist nicht jedes Leben etwas Besonderes und nicht nur eine Zahl in einer Statistik? Die Mathematisierung und Versachlichung des Lebendigen, so sinnvoll sie sein kann, so sinnlos ist sie auch, denn letztlich bildet jedes Leben seine Ausnahme.

Literaturempfehlung: Erich Fromm: Humanismus als reale Utopie: Der Glaube an den Menschen. Berlin 2005.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über Zeitgeist.

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Erstellt:
19. Juli 2020, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 55sec

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