Im Chemieunterricht ist Nazar aufgeblüht

Karlsruhe (ser) – Die Schulen in der Region nehmen die ersten geflüchteten Kinder aus der Ukraine auf. Die Arbeit dürfte aber noch viel herausfordernder werden.

Gut angekommen: Nazar stammt aus dem ukrainischen Mykolajiw und ist Gastschüler am Karlsruher Helmholtz-Gymnasium.Foto: Jörg Donecker

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Gut angekommen: Nazar stammt aus dem ukrainischen Mykolajiw und ist Gastschüler am Karlsruher Helmholtz-Gymnasium.Foto: Jörg Donecker

Von Sebastian Raviol

Nazar sitzt auf einem kleinen Betonklotz im sonnigen Innenhof der Schule. Es ist warm, er behält seinen dunkelgrauen Wollpullover aber an. Der 15-Jährige kommt gerade vom Sportunterricht. Turnen. „Ich mag alle Fächer“, sagt er zurückhaltend. Nazar ist der erste Ukrainer, der am Helmholtz-Gymnasium in Karlsruhe unterrichtet wird.

Er floh vor zwei Wochen mit seinem Bruder, 21, aus dem Land. Seine Mutter blieb bei den Großeltern in der Ukraine, sein Vater kämpft gegen die Russen. Alle paar Tage bekommt Nazar eine Nachricht von ihm: Ich lebe.

Für den Jungen geht es in Karlsruhe vor allem darum, einen Tagesablauf zu haben. Wie lange er in Deutschland bleiben wird, kann niemand beantworten. Unklar ist daher auch, wie Kinder und Jugendliche aus der Ukraine hier unterrichtet werden sollen. Erst mal nur Deutsch lernen? Möglichst schnell in die Schulklassen? Oder, wie auch immer, nach ukrainischen Lehrplänen unterrichten, wie es die ukrainische Generalkonsulin fordert?

Nazar lebt mit seinem Bruder bei einer Lehrerin in Karlsruhe. Sie nahm ihn einfach mit ins Helmholtz-Gymnasium. Der Junge sitzt ruhig auf dem Betonwürfel, legt die Hände ineinander. Vor seinen Antworten blicken seine tiefblauen Augen nachdenklich gen Boden. „Solange waren wir noch nie auseinander“, sagt er über seine Eltern. Bei anderen Themen sprudeln die Antworten aus ihm heraus – etwa, wenn er den Unterricht vergleicht: „In der Ukraine ist er sachlicher, langweiliger. In Deutschland gibt es auch mal einen Spaß, da fällt mir das Lernen leichter.“

Die Fächer Religion und Wirtschaft habe es gar nicht gegeben, sagt Nazar. Und in Mathe verzichte man auf einen Taschenrechner. Der Deutschunterricht sei leider schlecht gewesen. „Ich spreche Deutsch so schlecht“, sagt Nazar und wechselt dann wieder in die englische Sprache. Das wird sich schnell ändern. „Ich gehe morgens in die Schule, dann komme ich heim und lerne Deutsch.“ Viel Zeit, um die neuen Freunde aus seiner Klasse zu treffen, habe er nicht.

Mehr Lehrer und mehr Räume benötigt

„Es geht darum, dass er einfach mal vergessen kann“, sagt Eva Rudolph. Die Lehrerin kümmert sich darum, dass Nazar einen vollen Schultag und abends bei ihr daheim seine Ruhe hat. Fragen stellt sie ihm nicht, um ihn nicht zu belasten.

In seiner Heimatstadt Mykolajiw gab es nach einem Raketenangriff mehrere Tote. Die Stadt liegt im Süden des Landes und gilt im Krieg als strategisch wichtig. Von hier ist es nicht weit bis zur Hafenstadt Odessa, dem großen Zugang zum Schwarzen Meer. Wo sein Vater gerade kämpft, weiß Nazar nicht. Er kann nur auf die nächste Nachricht hoffen. „Er muss das alles ausblenden, um hier existieren zu können“, sagt Eva Rudolph.

Besser als mit Nazar könnte die Integration gar nicht laufen, heißt es am Helmholtz-Gymnasium. Er versteht viel im Unterricht, und wenn er Fragen hat, übersetzen Sitznachbarn. Der Physikunterricht wurde auch mal auf Englisch gehalten. Als der Lehrer einen Fachbegriff nicht übersetzen konnte, halfen Schüler mit dem Tablet nach.

Sarah Lumpp hat im Chemieunterricht erlebt, wie Nazar aufblühte. Ihre Schüler sollten mit Kunststoffteilen die Moleküle von Wasser oder Methan nachbauen. Recht simpel, aber es ging auch um Erfolgserlebnisse. „Es braucht gerade gar nicht so sehr die Sprache“, sagt Lumpp. Sie ist die Schulleiterin. Nach Nazar kamen weitere ukrainische Jugendliche, berichtet sie. Denen habe ihr Musikinstrument gefehlt, also kamen sie zur Schule.
Was ihr aber Sorgen bereitet, ist die weitere Entwicklung. Es dürfte viele ukrainische Geflüchtete geben, die sich noch gar nicht gemeldet haben und viele, die erst noch in der Region ankommen werden. Es ist davon auszugehen, dass auch Kinder ankommen, die das Kriegsgeschehen länger und intensiver miterleben mussten und daher stärker traumatisiert sind. „Die Arbeit wird dann nochmals viel herausfordernder“, sagt Lumpp. Gibt es eine Lösung? „Wir brauchen sehr viel mehr Lehrkräfte und Räumlichkeiten.“

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