Ich bin immer der, der ich nicht bin

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch alle zwei Wochen philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um den stetig erweiternden Erkenntnisprozess.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Sobald ich jemanden die Uhrzeit sage, täusche ich ihn und mich. Nicht deswegen, weil ich schwindle oder die Unwahrheit spreche, sondern weil in dem Moment, wenn ich 12.30 Uhr sage, es bereits einen Augenblick später ist. Das Ablesen und das Mitteilen der Uhrzeit nimmt Zeit in Anspruch. Damit habe ich eine Differenz zwischen dem, was sich sagen möchte und dem, was ich sage. Diese Differenz können wir zwar vernachlässigen, dennoch kann sie eine Rolle spielen.

Nehmen wir als Beispiel die Unschärferelation von Werner Heisenberg. Sie besagt, dass wir entweder den Ort eines subatomaren Teilchens bestimmen können oder seine Geschwindigkeit, aber nicht beides zugleich. Wir können nicht genau sagen, dass das Teilchen noch dort weilt, wo wir es mit einem Messgerät erfasst haben, denn es kann durch die Messung seine Bahn verändert haben. Was wir daraus erkennen, ist, dass der Beobachter im Akt der Beobachtung das verändert, was er beobachtet. Was besagt das für mein Leben?

Jedes Urteil ist ein Vorurteil

Philosophisch gesprochen: dass ich immer der bin, der ich nicht bin. Immer dann, wenn ich meine, etwas über mich verstanden zu haben, habe ich das Verstandene bereits hinter mir gelassen. Ich habe sozusagen ein Mehr an Bewusstsein, und das unterscheidet mich von der Person, die ish erkannt habe, denn diese hatte jenes Mehr noch nicht. Ich kann mich nie darauf verlassen, dass eine Aussage, eine Beachtung, ein Urteil richtig und zeitlos gültig ist. Jedes Urteil ist ein Vorurteil; jedes Vorurteil eine vertane Chance, das Leben zu leben.

Setze ich zudem meinen Standpunkt absolut, muss ich mich immer selber relativieren, wenn ich eine neue Erkenntnis gewonnen habe, denn dann würde ich den neuen Zustand mit meinem alten vergleichen und feststellen, dass meine Absolutheit keine war. Anders gesagt: Gerade, wenn ich mich in dem Besitz der Wahrheit befinde und zu einer neuen Erkenntnis gelange, zeige ich, dass ich mich zuvor eben nicht im Besitz der Wahrheit befunden hatte.

Das Leben ist immer anders

Absolutheit und Wahrheit unterliegen der Zeit und damit dem Gesetz des Werdens. Niemand kann von sich behaupten, dass das, was er sagt, verkündigt oder lehrt, Ewigkeitscharakter habe. Alles ist standpunktbezogen zu denken. Jeder Grund ist ein vorläufiger. Sobald eine Meisterschaft anerkannt ist, ist sie bereits hinfällig, weil eine Differenz zwischen dem besteht, was man ist und dem, was man sein will. Absolutheit muss aber alle Momente einschließen, das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige.

Dies kann in unserer Wirklichkeit nie der Fall sein, weil sich das Leben ständig erneuert. Der Anspruch auf Führerschaft oder Meisterschaft basiert auf einem Anspruch auf Absolutheit und damit Zeitlosigkeit. Das kann aber immer nur relativ sein, was die eigene Position relativierbar macht und den selbsterhobenen Anspruch untergräbt. Das bedeutet, dass Zwang aufgrund einer als absolut gesetzten und nicht hinterfragbaren Meinung, Ansicht oder Ideologie rein logisch gesehen nie legitim begründet werden kann, weil alles dem Wandel unterliegt. Die Folgerung daraus lautet, dass Zwang und Absolutheit ihren Schrecken verlieren. Philosophisch gesehen leben wir in einem Prozess des Werdens und damit in einer stetig sich erweiternden Erkenntnis. Folglich haben Absolutheit oder Ideologie weder einen Platz noch eine Daseinsberechtigung, denn: Leben ist immer anders.

Literaturempfehlung: Rüdiger Safranski: Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Frankfurt 2020.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über Humanismus und Versachlichung.

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Erstellt:
2. August 2020, 10:00 Uhr
Lesedauer:
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