Hoffen auf die Zeit danach

Baden-Baden (kli) – Die Eberhard-Schöck-Siftung in Baden-Baden fördert(e) Projekte in Russland und der Ukraine. Der Krieg hat alles verändert. Für die Beteiligten ist das ein emotionaler Balanceakt.

Praktische Hilfe: Berufsschullehrer in der ukrainischen Großstadt Winnyzja fertigen Holzbänke für Luftschutzräume.     Foto: Eberhard-Schöck-Stiftung

© Eberhrad-Schöck-Stiftung

Praktische Hilfe: Berufsschullehrer in der ukrainischen Großstadt Winnyzja fertigen Holzbänke für Luftschutzräume. Foto: Eberhard-Schöck-Stiftung

Von BT-Redakteur Dieter Klink

„Miteinander im Gespräch bleiben“ titelte das BT vor einem Jahr. Der Bericht handelte von der Baden-Badener Eberhard-Schöck-Stiftung, die Bildungsprojekte in Russland und Osteuropa fördert. Wie sieht das ein Jahr später aus? Alles ist zurückgeworfen, zum Teil eingefroren, und menschlich für viele Beteiligte ein großes Drama.

„Die Entwicklung mit dem Krieg ist eine Katastrophe. Mir geht es schlecht damit. Ich arbeite seit 1993 für die Schöck-Stiftung und sehe es ein Stück weit als mein Lebenswerk. Wenn ich sehe, dass durch solche Ereignisse vieles von dem, was wir erreicht haben, zurückgeworfen wird, tut das sehr weh“, sagt Peter Möller, Geschäftsführender Vorstand, im BT-Gespräch.

Die Stiftung fördert beruflichen Austausch und Berufsbildung in Russland, der Ukraine, Georgien und Moldau. Was Russland angeht, muss man sagen: Förderte. Denn seit Kriegsbeginn am 24. Februar hat man die Unterstützung der Projekte in Russland eingestellt. Noch im Herbst 2021 wurde etwa in Krasnodar ein neuer Ausbildungsgang für Sanitärinstallateure eröffnet, der deutsche Generalkonsul war eigens zugegen. Jetzt muss die Ausbildung ohne Hilfe aus Deutschland weiterlaufen.

Grundvertrauen in die Partner

In den Jahrzehnten der Zusammenarbeit sind auch Freundschaften entstanden. „Das Grundvertrauen ist noch da, aber die Gespräche sind natürlich schwieriger geworden. Sie können nicht so offen reden, wie sie möchten“, berichtet Möller. Es gebe aber auch ermutigende Reaktionen aus Russland. Die Partner würden signalisieren, „dass nicht umsonst war, was alles geleistet worden ist“. Man werde die Kontakte auf jeden Fall aufrechterhalten – für die Zeit nach dem Krieg. Ob die Projektarbeit dann aber wieder anlaufen kann, hänge von äußeren Umständen ab, die nicht vorherzusehen seien.

An Austausch mit Berufsschülern aus Russland sei momentan leider gar nicht zu denken, ergänzt Marcel Blessing-Shumilin, Mitarbeiter der Stiftung. „Solange Krieg herrscht, können wir das nicht machen. Dafür haben unsere russischen Partner Verständnis. Sie hoffen auf die Zeit danach.“

Man wolle in der zweiten Jahreshälfte die Strategie der Stiftung überarbeiten, sagt Möller, und überlegen, was man ändern müsse. Möglicherweise suche man neue Regionen, in denen man tätig werden will. Armenien steht etwa im Fokus.

Mittel für humanitäre Zwecke

Gleichzeitig fördere man die inzwischen leidgeplagten Partner in der Ukraine. Sofort nach Kriegsausbruch hat man die Projektmittel für humanitäre Zwecke freigegeben. In Winnyzja in der Ukraine zum Beispiel wurden die Berufsschule und das dazugehörende Wohnheim Anlaufstelle für Flüchtlinge aus der ganzen Ukraine. Schüler und Lehrer packen mit an. Berufsschullehrer etwa bauen nun Holzbänke für Luftschutzräume. Und Winnyzja stehe symbolisch für alle sechs Schöck-Projekte in der Ukraine, die alle von Anfang an Flüchtlinge aus dem ganzen Land aufgenommen hätten.

Darüber hinaus hilft die Stiftung auch in Mittelbaden. Sie stellt dafür Mitarbeiter frei. Blessing-Shumilin zum Beispiel ist an zwei Tagen die Woche bei der Koordinierungsstelle der Stadt Rastatt im Einsatz, hilft bei der Wohnungsvermittlung und beim Beantragen von Leistungen. „Da sind meine russischen Sprachkenntnisse wichtig“, sagt er. Eine Stiftungskollegin bietet in Baden-Baden Deutsch-Sprachkurse an. Man habe auch Freiburg unterstützt, ein Notstromaggregat für das Krankenhaus in der Partnerstadt Lemberg (Lwiw) zu beschaffen.

Auch die Republik Moldau ist ein Thema. Möller war vor ein paar Wochen dort und hat die Berufsschulen, mit denen man kooperiere, besucht. „Ich bin beeindruckt von der Hilfsbereitschaft in Moldau“, erzählt er mit Blick auf Flüchtlinge aus der Ukraine. Die russische Aggression bereite dort viele Sorgen. „Die haben alle Angst und fragen sich, ob sie die nächsten sind.“

„Abgrenzung keine Alternative“

„Wandel durch Ausbildung“ gibt die Stiftung als ihr Motto aus. Ist die Idee im Grundsatz weiter richtig? „Ich denke schon“, findet Möller. Man müsse natürlich fragen, ob es funktioniert hat. „Aber bei denjenigen, die an unseren Projekten teilnehmen, entfaltet es Wirkung“, sagt er. „Was wäre denn die Alternative? Eine weitere Abgrenzung? Das hätte schlimme Folgen“, befürchtet Möller.

„Die Enttäuschung über die russische Politik ist riesengroß. Aber, auch wenn es schwerfällt, darf man nicht die Bevölkerung aus dem Blick verlieren, die auf beiden Seiten leiden“, ergänzt Blessing-Shumilin. Die Berufsschüler hätten den Krieg ja nicht angefangen. Wenn man sehe, was und wie in Russland berichtet wird, „dann ist Völkerverständigung aktueller denn je, auch wenn das im Moment nicht möglich ist.“

Möller reflektiert seine eigene Haltung auch selbstkritisch. „Man muss seine eigene Einschätzung hinterfragen.“ Er selbst habe viele Entwicklungen in Russland kommen sehen, aber die Konsequenzen daraus nicht bedacht. „Ich habe zum Beispiel die Militarisierung in Russland gesehen. Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg spielt eine immer wichtigere Rolle. Ich habe das verstanden, aber nicht daran gedacht, welche Folgen diese Militarisierung haben kann.“

Nun liege zwangsläufig alles auf Eis. Möller ist sehr nachdenklich. „Es wird eine lange Zeit dauern, bis so ein Austausch mit Russland wieder möglich sein wird.“


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