„Frühgeborene brauchen Nähe“

Baden-Baden (fh) – Die Medizin macht bei der Versorgung von Frühchen große Fortschritte. Gar nicht so alt ist die Idee, Familien einzubeziehen, sagt Dr. Markus Kratz bereits 2016 im Interview.

Dr. Markus Kratz, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendmedizin am Klinikum Mittelbaden Baden-Baden Bühl. Foto: Klinikum Mittelbaden

© pr

Dr. Markus Kratz, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendmedizin am Klinikum Mittelbaden Baden-Baden Bühl. Foto: Klinikum Mittelbaden

Der Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ hat mit dem Welt-Frühgeborenen-Tag am vergangenen Dienstag wieder auf die größte Gruppe unter den Kinderpatienten aufmerksam gemacht. Die Medizin macht bei der Versorgung von Frühgeborenen große Fortschritte. Gar nicht so alt ist dabei die Idee, die Familien stärker einzubeziehen, sagt Dr. Markus Kratz, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendmedizin am Klinikum Mittelbaden Baden-Baden Bühl, 2016 im Interview mit Fiona Herdrich.

BT: Herr Kratz, wenn man sich die Ursachen für Frühgeburten – Übergewicht, Bluthochdruck, psychische Belastung, späte Mutterschaft – anschaut, würden Sie sagen, dass es sich dabei auch um ein gesellschaftliches Problem handelt?

Dr. Markus Kratz: Es gibt noch andere Gründe für Frühgeburtlichkeit: künstliche Befruchtung, Mehrlingsschwangerschaften. Die Zahl der Frühgeborenen ist in Deutschland konstant. Etwa zehn Prozent der lebendgeborenen Kinder sind Frühgeborene. Man kann also nicht sagen, dass es ein wachsendes gesellschaftliches Problem ist. Dass unsere Frühgeborenen-Rate höher als in anderen Ländern ist, liegt vielleicht daran, dass sich unsere gesellschaftliche Struktur verändert. Wir haben mehr adipöse Frauen und mehr ältere Mütter, die erst ab dem 30. Lebensjahr und später entbinden.

BT: Was zeichnet eine gute Frühchenstation aus?

Kratz: In der Neonatologie, der Medizin der Neugeborenen, werden in Deutschland die gleichen Therapien angewandt. Wie die Kinder gepflegt werden, das kann von Klinik zu Klinik unterschiedlich sein. Es geht darum, eine Umgebung für das Kind zu schaffen, in der es sich entwickeln kann. Dazu gehört eine Pflege durch qualifiziertes Personal, aber auch Geborgenheit. Was wir hier etabliert haben und weiter ausbauen wollen, ist eine Familienzentrierung. Das Ziel muss sein, dass das Kind und die Mutter zusammenbleiben. Wir planen, ein Mutter-Kind-Zentrum zu bauen, das diese Möglichkeit Frühgeborenen und ihren Müttern bietet.

Känguruhen bringt große Vorteile

BT: Inwieweit haben sich die Behandlung und die Betreuung von Frühchen verändert?

Kratz: Die Familienzentrierung hat gezeigt, dass Frühgeborene sich dadurch neurologisch besser entwickeln. Die Studien dazu sind tatsächlich noch nicht so alt. Aber ich denke, dass darin die Zukunft liegt. Zum Beispiel das sogenannte Känguruhen, bei dem die Babys bei ihren Eltern auf der Brust liegen, bringt große Vorteile. Die Kinder brauchen weniger Medikamente und Sauerstoff. Sie sind insgesamt stabiler. Das ist förderungswürdig, aber auch extrem personalintensiv. Wir sind froh, dass es jetzt einen einheitlichen Pflegeschlüssel gibt, der den Personalaufwand künftig festlegt.

BT: Wie soll die Betreuung demnach aussehen?

Kratz: Sehr kleine Frühgeborene erfordern nach diesem Schlüssel eine Eins-zu-eins-Betreuung.

BT: Worauf sollten Eltern von Frühchen achten, wenn sie sich für ein Krankenhaus entscheiden?

Kratz: Das Problem ist, dass natürlich keiner plant, ein Frühgeborenes zu bekommen. Wenn es dann so weit ist, ist für diese Entscheidung oft keine Zeit da. Da achten dann die Rettungsdienste und die Frauenärzte darauf, dass die Kinder in ein Perinatalzentrum mit einer entsprechenden Versorgungsstufe gebracht werden.

BT: Wie sind diese Versorgungsstufen eingeteilt?

Kratz: Ein Perinatalzentrum der Stufe eins kann Frühgeborene versorgen, die an der Grenze zur Lebensfähigkeit sind. Wir haben ein Zentrum der Stufe zwei, wir können Frühgeborene ab der 29. Schwangerschaftswoche aufnehmen. Bei Level drei gilt das ab der 32. Woche. Viele Eltern haben das Gefühl, die Level-eins-Krankenhäuser können alles. Ich glaube aber, dass sie besser beraten sind, sich wohnortnah ein Zentrum zu suchen, das der Versorgungsstufe ihres Kindes entspricht.

Weniger kann mehr sein

BT: 1991 ist die Grenze der Lebensfähigkeit von Frühchen auf die 24. Woche festgelegt worden. Würden Sie es befürworten, die Grenze zu senken?

Kratz: Wir haben in Baden-Württemberg im Vergleich mit ganz Deutschland eine höhere Überlebensrate und weniger Folgeerkrankungen – auch bei sehr kleinen Kindern in der 23. oder sogar in der 22. Woche. Die Medizin macht beachtliche Fortschritte. Man sieht das an dieser Grenze, die sukzessiv heruntergesetzt wird.

BT: Zwischen 2008 und 2012 hat kein Kind Ihrer Klinik eine schwere Behinderung von einer Frühgeburt davongetragen. Womit müssen Eltern gegebenenfalls rechnen?

Kratz: Das Risiko, dass Kinder blind werden, Lungenprobleme oder Hirnblutungen haben, verringert sich mit der Zeit, die das Kind noch im Mutterleib ist. Noch in den 80er Jahren war es keine Selbstverständlichkeit, dass ein Frühchen ab der 29. Schwangerschaftswoche überhaupt überlebt. Wir haben inzwischen gelernt, weniger kann mehr sein. Man muss Kinder nicht immer maschinell beatmen. Sie können das sehr gut alleine mit einer Atemhilfe.

BT: Welche Beratung und Betreuung bekommen Eltern von Frühchen?

Kratz: Für eine Mutter ist das erst mal schrecklich, dass ihr Baby so früh zur Welt kommt. Diese Unruhe kann sie auf das Kind übertragen. Da ist es wichtig das die Familien, auch die Geschwister, die ihre Mama nicht mehr so häufig sehen, psychologisch betreut werden. Geburtsvorbereitungskurse beginnen meistens erst am Ende der Schwangerschaft, weswegen die Schwestern auf der Station den Eltern Anleitung beim Umgang mit ihrem Kind geben. Dann gibt es noch Sozialarbeiter, die mit den Eltern reden und sie an solche Dinge wie Mutterschutz und Elterngeld erinnern.

Eltern einbeziehen, ohne Druck auszuüben

BT: Wie ist das für die Eltern, gerade ganz am Anfang ein Stück weit die Verantwortung an die Ärzte und Pfleger abgeben zu müssen?

Kratz: Wir wollen den Eltern Sicherheit geben. Wir wollen sie aber auch einbeziehen, ohne Druck auszuüben. Das ist ein Herantasten und braucht viel Zeit. Unsere Aufgabe als Ärzte ist es da nicht nur, das Kind gesund zu halten, sondern die Familie mitzunehmen und der Mutter zu zeigen, dass sie diese Entwicklung, die eigentlich im Bauch stattfindet, jetzt verfolgen und daran teilhaben kann.

BT: Gab es einen Fall, der Sie besonders berührt hat?

Kratz: Nicht nur einen. Es sind oft Kinder, denen es am Anfang nicht so gut ging, in die man viel Zeit und Gedanken investiert hat – auch zu Hause –, wenn man nicht wusste, in welche Richtung es geht. Wenn die alles gut überstehen, dann sind das Kinder, die einem lange im Gedächtnis bleiben. Wenn nach zwei oder drei Jahren, die Familien wiederkommen und man sieht, dass dieses Mädchen, das mal so krank war, sich so toll entwickelt hat, freuen wir uns und empfinden große Dankbarkeit.

BT: Was geben Sie den Eltern von Frühchen mit auf den Weg, wenn ihr Kind entlassen wird?

Kratz: Ganz viel Zuversicht, Vertrauen in ihr Kind und – so weit das in der Situation möglich ist – die Gewissheit, dass sie jetzt ein Kind haben, das fit ist.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.