Fernsehfilm-Festival fast ohne Abstriche digital

Baden-Baden (cl) – „Starke Filme mit aktuellen Themen“: So sieht die Leiterin des Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden das Wettbewerbsprogramm. Das Festival läuft ab 21. November auf 3sat und im Netz.

Festivalleiterin Cathrin Ehrlich will den TV-Branchentreff in Richtung Serie und Pay-TV öffnen.  Foto: Martin Ohnesorge/Fernsehfilm-Festival

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Festivalleiterin Cathrin Ehrlich will den TV-Branchentreff in Richtung Serie und Pay-TV öffnen. Foto: Martin Ohnesorge/Fernsehfilm-Festival

Von Christiane Lenhardt

„Ein Fernsehjahrgang mit sehr starken Filmen zu heterogenen Themen“, beurteilt Cathrin Ehrlich, die Leiterin des Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden, die Beiträge zum bevorstehenden Wettbewerb um den Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. Komödien, Krimis, ein „Tatort“, Vater-Sohn-Geschichten und Filme zu aktuellen politischen Ereignissen sind für den Fernsehfilmpreis nominiert worden.
„Die Getriebenen“ von RBB/NDR, ein dokumentarisch-fiktionaler Film über die Flüchtlingswelle 2015 mit der Kanzlerin im Mittelpunkt des Geschehens, ist für Festivalchefin Ehrlich ein gutes Beispiel im Sinne eines von der Akademie befürworteten Aktualitätsanspruchs des Fernsehfilms – „den müsste man in jeder Schule zeigen“. Auch die leichte Komödie „Herren“ (BR) sei hervorzuheben, der Pro-Sieben-Beitrag „9 Tage wach“ über Party-People im Crystal-Meth-Rausch besteche durch den großartigen Schnitt – und der „Tatort: Lass den Mond am Himmel stehn“, obwohl es ihrer Meinung nach zu viele Krimis im Fernsehen gebe, gehöre zu den Highlights.

Migrations- und Männerproblematik in lustig: In der BR-Komödie „Herren“ nehmen sich die drei Protagonisten gegenseitig gehörig auf die Schippe. Der Film nimmt am Wettbewerb um den Fernsehfilmpreis teil.  Foto: BR

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Migrations- und Männerproblematik in lustig: In der BR-Komödie „Herren“ nehmen sich die drei Protagonisten gegenseitig gehörig auf die Schippe. Der Film nimmt am Wettbewerb um den Fernsehfilmpreis teil. Foto: BR


Corona konnte diesem Jahrgang nichts anhaben. „Doch im nächsten Jahr wird es Produktionen geben, die eindeutig eine Corona-Handschrift tragen, dieses Jahr hat man das nicht bemerkt“, so Ehrlich. Viele Fernsehfilme hätten gut ein Jahr Vorlauf vor ihrem Ausstrahlungstermin. Wenn ein Film zum Wettbewerb zugelassen werden soll, muss er im Zeitraum zwischen zwei Festivals seine Fernsehpremiere gehabt haben – Stichtag ist der letzte Tag vor Beginn des jeweils aktuellen Festivals.
Das 32. Fernsehfilm-Festival Baden-Baden (23.-27.11.) wird nun ausschließlich in digitaler Form stattfinden: im Netz und wieder auf 3sat: Bereits ab Samstag, 21. November, laufen die Wettbewerbsfilme abends im Fernsehen. Für die 3sat-Ausstrahlung – auch für die Mediathek, wo die Filme während der Festivalwoche verfügbar sind – haben die öffentlich-rechtlichen Sender von ARD, ZDF, Arte, ProSieben, der ORF und das Schweizer Fernsehen ihre Erlaubnis gegeben. Die Auswahl der zwölf besten Filme des zurückliegenden Fernsehjahrs haben die Sender sowie die Akademie getroffen.
Also fast alles wie gehabt – nur, dass die persönliche Begegnung, die alljährlich beim größten deutschen TV-Branchentreff im Kurhaus Baden-Baden im Mittelpunkt steht, wegen der Pandemie nicht machbar ist. Noch im frühen Herbst plante die Festivalleitung mit einer Hybrid-Ausgabe. Den Abschlusstag am 27. November im Kurhaus, wo die Filme für den Nachwuchspreis MFG-Star (der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg) laufen sollten und die Preisgala geplant war, verhindert der erneute Lockdown. „Wir waren ganz optimistisch, haben aber vorgebeugt“, sagt Ehrlich. „Das Merkmal des Festivals sind die öffentlichen Jurydiskussionen, sie kann man nun im Netz anhören.“

Jurydiskussion online: „Macht keiner wie wir“


Sie wurden bereits im Oktober im Baden-Badener E-Werk von einem Kamerateam des SWR aufgezeichnet: Die Bewertung der fünf Juroren unter der Leitung der Medienmanagerin Christiane von Wahlert – auch Schauspielerin Gesine Cukrowski und die ehemalige hr-Fernsehfilmchefin Liane Jessen sind im Gremium – wird jeweils nach der 3sat-Ausstrahlung der Filme online gestellt. „Zwar fehlt bei den Gesprächen das Publikum, wie sonst im Kurhaus, aber es ist schon einzigartig, dass wir ein solches Format anbieten können, das hat kein anderes Festival derzeit“, so Festivalleiterin Ehrlich.
Diese coronabedingte Neuerung könnte auch eine zusätzliche Option fürs nächste Jahr sein, die allerdings Geld kostet, mit dem die Akademie nicht üppig ausgestattet ist. Dafür sind die angestammten Partner auch im Corona-Jahr an der Seite des Festivals: Neben 3sat, auch der SWR und die Stadt Baden-Baden, sie hätte das Festival, auch wenn es nicht vor Ort stattfinden könne, finanziell mit unterstützt.
Einschränkungen in der Ausstrahlung gibt es bei den MFG-Star-Filmen. Sie dürfen nicht ins Netz gestellt werden, weil ihre Kinopremiere im nächsten Jahr geplant ist. Die Nachwuchsfilme werden in Trailern vorgestellt – auch die Beurteilung des alleinigen Jurors, Filmregisseur Christian Schwochow, wird im Internet verfügbar sein. Alle Preise sollen online vergeben werden: neben dem Fernsehfilmpreis, diverse Sonderpreise, der 3sat-Zuschauerpreis und der Preis der Studentenjury.
Der Hans-Abich-Ehrenpreis geht an die Serien-Produzentin Anke Greifeneder, die für den Serien-Boom bei Pay-TV-Sendern steht – und beim Fernsehfilm-Festival als „Frau der Stunde in der deutschen Fernsehlandschaft“ ausgezeichnet wird. Mit der Vergabe des Abich-Preises an Greifeneder will das Festival auch ein Signal senden, wohin es sich künftig weiter öffnen will: Die Serien sollen eine größere Rolle spielen in Baden-Baden, wo das Fernsehfilm-Festival im nächsten Jahr auf jeden Fall laut Cathrin Ehrlich wieder wie gehabt stattfinden wird.

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Erstellt:
10. November 2020, 23:00 Uhr
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