„Faust digital“: Live-Performance des Theaters Baden-Baden

Baden-Baden (cl) – Spielerisches Theaterseminar über Goethes Kosmos: Die unterhaltsame „Faust Werkstatt digital“ des Theaters Baden-Baden mit Zuschauergesprächen wird am 8. und 9. April wiederholt.

Goethes Mensch verliert sich in seiner Hybris im World Wide Web: Der Baden-Badener Schauspieler Sebastian Mirow im „Faust digital“.  Foto: Sebastian Brummer/Theater Baden-Baden

Goethes Mensch verliert sich in seiner Hybris im World Wide Web: Der Baden-Badener Schauspieler Sebastian Mirow im „Faust digital“. Foto: Sebastian Brummer/Theater Baden-Baden

Von BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Mal wieder Lust auf Live-Theater? Das geht natürlich nur am Computer, wir sind ja schließlich nicht beim Testversuch des Berliner Ensembles. Am Goetheplatz bleiben die Lichter aus – das Theater Baden-Baden sendet seine „Faust Werkstatt digital“ am frühen Abend von der Probebühne II aus, wo der Werkzeugkasten neben Gretchens Schmuckkästchen abgestellt ist, Mephistos Glimmstängel neben der Hexenmaske liegt, nur das Mädchenzimmer fertig aufgebaut in der Kulisse steht.
Sebastian Mirow in der Rolle des Faust und Mattes Herre als Mephisto agieren zwischen all den Utensilien der Theaterhexenküche in dieser interaktiven Theaterperformance wie moderne Influencer – mit der tragbaren Digitalkamera schreiten sie den Goethe’schen Kosmos mit schnell geschnittenen Monolog-Schnipseln ab. Meistens wird vor schwarzem Vorhang aufgezeichnet – alles dreht sich um das ewige Ringen des Menschen mit dem Dasein, um die Lust auf Erleben, Liebestaumel, Freiheit und die Frage nach Verantwortung fürs eigene Handeln und der Schuld des Einzelnen.
Im Kern dieser „Faust“-Paraphrasierung online steht dann nicht der Pudel, sondern der Zuschauer: „Faust digital“ hat den Stil einer Videokonferenz, bei der eine Handvoll Zuschauer zugeschaltet ist, und am Plaudermeeting aktiv teilnehmen kann. Das Ganze hat den Charme eines spielerischen Theaterseminars und ist ja fürs Schultheaterprojekt „Fit fürs Abi“ Anfang März konzipiert worden. Es funktioniert aber auch als spannendes Abendangebot für Theater-Fans.
Was ist also Faust für ein Mensch? Das Theater Baden-Baden bietet ein dramatisiertes Quellenstudium: Die berühmten Verse werden zitiert, der Osterspaziergang schnell mit den „Bächen vom Eise befreit“, des Teufels Lästerei vor Gott über die ewig sich regende Wiederkehr menschlichen Strebens kommt vor, der Faustische Pakt über den glücklichen „Augenblicke“ und das Seelenpfand auch, das aus Fausts Einsicht in seine Unfähigkeit zum Genuss resultiert, genauso wie das vollkommene Glück unerreichbar bleibt.

Lilli Lorenz plaudert über ihre Gretchen-Rolle als Kindsmörderin und ihr eigenes Mutterglück


Goethes fast episodenhaft aneinander gereihte Handlungsabfolge wird digital nachgestellt, meistens verbal. Die Walpurgisnacht, in der Werkstatt nicht darstellbar, wird als Rocknummer (Mirow an der Gitarre) angespielt: Hexenküche ist gleich Drogenküche, die Verjüngung wird zum Drogencocktail. Faust ist ein Prototyp des modernen Menschen, ganz schwarz gekleidet. Mattes Herre erscheint als teuflischer Doppelgänger wie Fausts antreibendes Alter Ego.
Der zeitlose „Faust“ hat als Digitalversion natürlich einen Computer. Er hat noch unendlich mehr Möglichkeiten als nur das Studierzimmer für den Erkenntnisgewinn zur Verfügung. Dabei stehen ihm jetzt schon die Haare zu Berge, während er suchend ins Metaphysische blickt und in seinem Wissensdrang schier in den Zuschauer hineinkriecht. Wenn der vor der Kamera agierende Sebastian Mirow nicht nur im Zuschauer-PC, sondern auch auf einem hinter ihm stehenden Fernseher – von Bildschirm zu Bildschirm zu Bildschirm – immer blasser werdend sich unendlich vervielfältigt, ist vielleicht der eindrücklichste Kniff dieses Online-Theaterabends erreicht. Die Ichbezogenheit des Faust in dieser Werkstatt verliert sich dann im World Wide Web. Wie sehr geht doch der Einzelne parallel zu seiner Selbstüberschätzung in dieser modernen Unendlichkeit unter? Goethe hat wohl schon vorausgesehen, dass sein „Faust“ für immer ein offenes Rätsel bleibt.
Stellt sich noch die Frage der Schuld im Gretchen-Drama des „Faust“? Verliebt in Gretchen geht schnell, Faust zerwühlt dabei die Kissen. Es folgt ein Spiel im Spiel im aufgebauten Mädchenzimmer. Lilli Lorenz wird dazu per Video eingespielt. Seit vier Jahren besetzt in der analogen „Faust“-Inszenierung des Theaters, fügt die Schauspielerin dem Gretchen-Spiel als sanfte, schwärmerisch Naive, die verführt zur Kindsmörderin wird, persönliches Mutterglück – sozusagen als verbales Selfie – hinzu. So wie es im Internet halt üblich ist.
In dieser Werkstatt, die ständig zwischen Spiel und Publikumsgespräch, zwischen Literatur und Erklärungsversuchen changiert, gelingt es Lilli Lorenz, das gute alte Gretchen für den modernen Zuschauer eindringlicher zu machen. „Heinrich mir graut’s vor dir“ kommt noch, bevor die Abschlussbesprechung folgt. Die Goethe’sche lebensphilosophische Betrachtung hat uns wieder.
Die weiteren Termine der „Faust Werkstatt“ sind Freitag, 8. April, und Samstag, 9. April, jeweils um 18 Uhr, digital.

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Erstellt:
28. März 2021, 22:00 Uhr
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