„Ergebnis einer sehr sorgfältigen Zukunftsplanung“

Baden-Baden/Karlsruhe (BT) – Die Badische Neueste Nachrichten (BNN/Karlsruhe) übernehmen das Badische Tagblatt. Das BT soll weiterhin mit eigenständigem Profil erscheinen.

„Ergebnis einer sehr sorgfältigen Zukunftsplanung“

Fusion vollzogen (von links): Der scheidende BT-Geschäftsführer Wolfgang Hoffarth, BNN-Verleger Klaus Michael Baur und BT-Mitverlegerin Xenia Richters. Foto: BNN

Das Badische Tagblatt (BT) und die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) ordnen die Zukunft der mittelbadischen Presselandschaft neu: Am Dienstag haben beide Häuser ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verkündet, dass die Badische Neueste Nachrichten Badendruck GmbH 24 Prozent der Anteile der Badisches Tagblatt GmbH erworben hat. Angestrebt ist der hundertprozentige Erwerb der Traditionstageszeitung aus Baden-Baden, darüber herrscht auf beiden Verlegerseiten Einigkeit. Es stehen noch die eventuellen Prüfungen des Kartellamts aus.

Was für einige Leser, Mitarbeiter, die lokale Politik und Wirtschaft überraschend kommen mag, ist das Ergebnis einer sehr sorgfältigen Zukunftsplanung auf beiden Seiten. Die BNN mit ihrem Verleger Klaus Michael Baur sind „der beste Partner, den sich die Baden-Badener Gesellschafter vorstellen konnten“, so BT-Mitverlegerin Xenia Richters – ein Traditionsunternehmen, besitzergeführt und in der Region fest verankert, mit großer Kompetenz, einem Verbreitungsgebiet von der Ortenau bis Bruchsal, von Karlsruhe bis Pforzheim, mit einem starken wirtschaftlichen Potenzial. Der Verkauf der Anteile verspreche dem BT Kontinuität und Sicherheit für die gewachsenen Strukturen.

Die Besitzerinnen des Badischen Tagblatts, die beiden Seniorchefinnen Eva Ertl (91), Yvonne Hambruch-Piesker (83) sowie Xenia Richters (57), sehen die Zukunft ihrer Unternehmensgruppe bei Baur in verantwortungsvollen Händen. „Wir reden nicht von Konkurrenz, wir reden von einem sehr verbindlichen Miteinander“, beurteilt Richters den Verkauf. „Wir sind hier weit entfernt einer feindlichen Übernahme“ – sondern „diese ist eine der freundlichsten Übernahmen, die man sich im Geschäftsleben denken kann.“ Sie sichere die Zukunft des BT in einer Zeit, die für alle von Unsicherheiten beschattet ist.

Für BNN-Verleger Klaus Michael Baur zählt das neue Bündnis zu den „konsequentesten Formen eines Zeitungs-Brückenschlages“ der vergangenen Jahre. Er nennt es einen „Glücksfall“, dass just zum 75-jährigen Bestehen der BNN die Partnerschaft perfekt werde. Schlussendlich sei es bei hundertprozentigem Transfer der Anteile zwar ein Erwerb beziehungsweise eine Übernahme. Er sehe es jedoch viel mehr als „Entente cordiale“. In der Verlagswelt werde viel gesprochen über Kooperationen und gegenseitige Hilfe in schwierigen Zeiten – doch Handlungen hinkten den Betrachtungen hinterher. „Wir jedoch setzen ein klares Zeichen, dass wir verstanden haben“, so Baur, der auch im Vorstand des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger (VSZV) agiert.

„Eigenmerkmale aufrechterhalten“

Durch den Einstieg der BNN beziehungsweise den kompletten Verkauf des BT bleibt die Zeitung mit ihren vier Lokalausgaben ihrer Linie treu, dem Leser lokal und regional eng verbunden zu sein. Keine anonyme Aktien- oder Mediengesellschaft übernimmt das Ruder, sondern der „Nachbar“ (Richters), der weiß, welches Lese- und Informationsverhalten die Menschen in Mittelbaden an den Tag legen. BNN-Verleger Baur hat versichert, der mehr als 200-jährigen Tradition und der Geschichte der Gründer des BT verpflichtet zu sein. „Dazu gehört, dass wir bewusst Parallelen, aber auch Eigenmerkmale in einer gut bemessenen Zeitspanne aufrechterhalten und die Koexistenz beider Blätter pflegen“, präzisiert er.

Ende 2017 hatte die Verlegerinnen-Familie um die Damen Ertl, Hambruch-Piesker und Richters als Minderheitengesellschafter die Anteile von der Rastatter Familie Greiser übernommen. Ein durchaus überraschendes Ereignis, doch mit diesem Entschluss trugen sie maßgeblich zur Weiterentwicklung und Modernisierung der GmbH (zu der auch das Badische Druckhaus sowie der Vertrieb TOP Presse-Service gehören) bei: In der Flugstraße im Baden-Badener Industriegebiet „Oos-West“ gegenüber dem Hauptbahnhof entstand ein neues Verlagsgebäude. Moderne Arbeitsplätze und die Zusammenlegung verschiedener Standorte, eine neu aufgestellte IT sowie kurze Kommunikationswege sorgen dafür, dass hier ein schlankes, modernes Unternehmen für die Zukunft gerüstet ist.

Beide Häuser, Karlsruhe wie Baden-Baden, arbeiten somit auf Augenhöhe, was den Print- und Digitalmarkt betrifft. Dennoch standen und stehen Herausforderungen vor der Tür: Auflageneinbußen im Tageszeitungsbereich lassen sich seit Jahren nicht aufhalten, Logistik und Vertrieb verteuern sich stetig, und Anzeigen- beziehungsweise Beilagenerlöse sind, vor allem in Corona-Zeiten, stark reduziert. Die Zukunft liegt in der Zusammenarbeit mit anderen Mitstreitern auf diesem Markt. So kam es zum Kontakt und den „sehr konstruktiven Gesprächen“ mit den BNN, erläutert Richters das Zustandekommen der Verbindung.

Die Verlegerinnen (zwei in hohem Alter und die dritte ohne Nachkommen) hätten in BNN-Herausgeber Baur einen Partner erkannt, der „offen und dennoch verbindlich auftritt und zudem ein traditionsverbundener Unternehmer aus der Region ist“. Hier sehen sie ihren Nachlass richtig aufgehoben. Auch, da hinter den BNN die Wilhelm-Baur-Stiftung steht.

Wolfgang Hoffarth geht in Ruhestand

Der Anfang Mai vollzogene Transfer der Geschäftsanteile fällt zusammen mit dem Ausscheiden des bisherigen Geschäftsführers Wolfgang Hoffarth. Nach 41 Jahren beim Badischen Tagblatt verabschiedet er sich zum 30. Juni 2021 aus dem operativen Geschäft und geht zum Jahresende in den Ruhestand. Er ist mit der Zeitung aufs Tiefste verbunden. Verlegerin Richters betont, dass ohne ihn weder die Herausforderungen der letzten Jahrzehnte, noch die Modernisierung, noch das ehrgeizige Projekt Verlagsneubau zu stemmen gewesen wären. Die Verlegerinnen seien daher erleichtert, die Nachfolge für einen „Geschäftsführer, den man hätte klonen müssen, um eine adäquate Besetzung zu finden“, nun in die Hände von Klaus Michael Baur zu legen.

Hoffarth selbst sieht in der Übernahme durch die BNN die bestmögliche Lösung für die Zukunftsfähigkeit der Marke Badisches Tagblatt: „Baur ist ein Verleger mit hoher journalistischer und sozialer Kompetenz, zudem regional verwurzelt und mit den Gegebenheiten beider Häuser bestens vertraut. Die Zusammenführung der Verlage ist unter den gegebenen Umständen überzeugend.“

Auch der Sprecher der BT-Gesellschafter, Rechtsanwalt Rolf Metzmaier, der seit Jahrzehnten das Unternehmen mitsteuert und berät, sieht in dem Moment des Verkaufs den Zeitpunkt gekommen, um sich zurückzuziehen. Er empfinde die Zukunftsregelung als „höchst zufriedenstellend“. In seiner beruflichen Laufbahn habe er keine Übernahme erlebt, die „derart problemlos und auf Augenhöhe verlief“. Die BNN sind laut Metzmaier „ideal“, um die Zukunft der Heimatzeitung Badisches Tagblatt zu sichern.