„Eine Weltneuheit“: Philharmonie nimmt Gabler-Werke für CD auf

Baden-Baden (cl) – „Wir produzieren mit Raumeffekten wie im Kino“, schwärmt der Orchestermanager. Die Philharmonie Baden-Baden nimmt zurzeit im Kurhaus ihre neue CD mit Musik von Egon Gabler auf.

Der Konzertbetrieb ist zwar ausgesetzt, aber unter der Leitung von Pavel Baleff produziert die Philharmonie Baden-Baden derzeit eine neue CD.  Foto: Jörg Bongartz

© red

Der Konzertbetrieb ist zwar ausgesetzt, aber unter der Leitung von Pavel Baleff produziert die Philharmonie Baden-Baden derzeit eine neue CD. Foto: Jörg Bongartz

Von BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Während der Konzertbetrieb weiter ruht, hat die Philharmonie Baden-Baden ein besonderes Projekt angesetzt. Unter der Leitung des Chefdirigenten Pavel Baleff feilt das Orchester derzeit in seinem historischen Konzertsaal an Spieltechnik, Klangkultur und Expressivität für eine neue CD-Produktion mit den gut 100 Jahre alten Werken von Egon Gabler, die höchste Hörgenüsse erfüllen will. „Dahinter steht die ambitionierte Idee, eine Aufnahme zu machen, die bisher noch keiner gemacht hat, drei Jahre haben wir daran gearbeitet“, sagt Chefdirigent Pavel Baleff im BT-Gespräch zum groß angelegten CD-Projekt.
„Gleichzeitig ist es für uns die einzige Chance, uns auf dem Musikmarkt mit Aufnahmen zu präsentieren, wenn wir etwas Besonderes anbieten“, so Baleff: ein vergessener deutscher Romantiker, weltweit präsentiert von einem deutschen Orchester, das einen typisch deutschen Klang durch die Interpretation in die Welt hinausträgt, das sei der Reiz. Nach gut einer Woche proben, ist eine gute Stunde Aufnahme schon im Kasten, bis Samstagmittag ist alles geschafft.
Die Bühne im Weinbrennersaal ist voll besetzt mit der Philharmonie, rund 50 Musikerinnen und Musiker; überall im Saal sind Dutzende Mikrofone verteilt. Partner bei der technischen Umsetzung ist die Musikproduktionsfirma Dabringhaus und Grimm aus Detmold, Tonmeister Friedrich Wilhelm Rödding steuert die Produktion vom Kabäuschen über dem Konzertsaal aus.

Hochkarätig besetzt mit Solohornist Robert Langbein


„Wir produzieren eine 3-D-Aufnahme, fünf plus eins“, sagt der Tonmeister. „Es ist eine Möglichkeit, dreidimensionale Klangbilder zu erzeugen, gerade für die romantischen Klänge ist das wunderbar. Man kann tief in das Orchester hineinhören.“ Deutliche Raumeffekte seien vernehmbar wie im Kino. „In diesem Standard haben wir noch nie aufgenommen, so etwas gibt es eher im Filmmusikbereich, wo man gewohnt ist, auch dreidimensional zu hören“, ergänzt Orchestermanager Arndt Joosten.
Entsprechend hochkarätig wird die CD besetzt sein: Der Solohornist der Sächsischen Staatskapelle, Robert Langbein, spielt Gablers Konzert für Waldhorn und Orchester zusammen mit der Philharmonie ein; der Dresdner Musikprofessor gehört zu den profiliertesten Hornsolisten der heutigen Generation – und mit ihm haben sie bereits 2012 das Hornkonzert von Johann Christoph Schuncke auf CD aufgenommen, das dank der Aufnahme in den letzten Jahren ins zentrale Horn-Repertoire der Orchesterlandschaft gerutscht ist. Wäre nicht schlecht, wenn das auch mit der neuen Gabler-CD gelänge.
Egon Gabler, ein aus Dresden stammender Musiker und Komponist war ab 1901 Soloklarinettist des Hoforchesters in Hannover. Gablers für seine Zeit ziemlich moderner Musikstil erinnert in Melodik und Struktur an Richard Strauss. Das Oboenkonzert ist im Februar 2020 vor dem Lockdown im Weinbrennersaal in gleicher Besetzung aufgeführt worden.
Gabler-Entdeckerin Friederike Roth war 2020 auch die Solistin der Uraufführung des Klarinettenkonzerts; für die CD spielt sie jetzt noch zusätzlich einen Konzertsatz ein. Die profilierte Musikerin hat den in Vergessenheit geratenen Komponisten wieder aus den Archiven geholt. „Ohne diese Initiative von Friederike Roth wären wir auch nicht auf Egon Gabler gekommen“, sagt Chefdirigent Baleff – „wir erleben jetzt tatsächlich eine Weltpremiere“. Die Noten wurden damals nicht verlegt. „Die Musik bietet uns unglaublich viel an, man lässt sich durch sie inspirieren, sie ist sehr natürlich komponiert, da gibt es nicht irgendwelche Ambitionen, etwas neu zu machen, sondern bekannte, natürliche Musik, die die Menschen mitnehmen kann“, beschreibt der Chefdirigent.
Die Philharmonie will mit ihrer Entdeckung bei den Klassikfans Aufmerksamkeit erregen, aber auch den eigenen Leistungsstand angesichts derzeit mangelnden Spielpraxis erhöhen. „Eine Aufnahme ist die beste Fortbildung für die Orchestermusiker und die Ensemblespielfähigkeiten des Orchesters sind durch die lange Paralyse in der Corona-Zeit angegriffen“, sagt Joosten. Eine CD-Aufnahme ist eine teure Angelegenheit, die die Philharmonie nicht mehr oft unternimmt. Der Markt für Klassik-Alben ist eingebrochen, vieles im Internet frei verfügbar. Die Patronatsgesellschaft finanziere erheblich mit, so Joosten.
Bis zum Herbst soll die CD auf den Markt kommen, begleitet von einem Konzert im Weinbrennersaal.

Zum Thema: Gespräch mit Gabler-Entdeckerin Friederike Roth

Um diesen Artikel weiterzulesen, müssen Sie ein Login für BT Digital haben.
Sie sind bereits registriert? Dann melden Sie sich bitte hier an.
Sie interessieren sich für einen BT Digital Zugang? Dann finden Sie hier unsere Angebote.

Zum Artikel

Erstellt:
18. März 2021, 20:29 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 57sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen