Doppeltes Glück statt schnöde Likes

Bühl (red) – Es sind die kleinen Momentaufnahmen des Lebens: Kurioses, Schönes, Ärgerliches. „Lebensnah“ schreibt Kathrin Maurer über ihren Komplimente-Tag.

Momentaufnahmen aus dem Alltag der BT-Redakteure sind unter der Rubrik „Lebensnah“ zu finden. Grafik: stock-adobe.com/Badisches Tagblatt

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Momentaufnahmen aus dem Alltag der BT-Redakteure sind unter der Rubrik „Lebensnah“ zu finden. Grafik: stock-adobe.com/Badisches Tagblatt

Von Kathrin Maurer

Den Briefkasten zu leeren, ist – abgesehen von der Freude über die Tageszeitung – in der Regel so spektakulär wie Pflanzen zu gießen oder Müll zu entsorgen. Meist beinhaltet der kleine Kasten in der heutigen Zeit nichts als Rechnungen und Werbung – oder aber, wie kürzlich, eine rechteckige gelbe Karte der Deutschen Post. Anstelle der Benachrichtigung, dass ein Paket in der Zentrale abzuholen sei, war darauf ein handgeschriebenes Kompliment zu lesen. Noch heute bin ich verblüfft über den Mut des anonymen Verfassers. Jenen Morgen, an dem ich mich mal wieder morgenmuffelig aus dem Bett quälte, hat er mir eindeutig versüßt.

Eine handgeschriebene Botschaft – wie lange habe ich so etwas schon nicht mehr bekommen? Wann verirrte sich eigentlich das letzte Mal eine Postkarte zu mir? Ich kann mich nicht erinnern. Schon seit einigen Jahren heißt die Postbox Smartphone. Dort hagelt es Urlaubsgrüße auf WhatsApp, Nettigkeiten oder Glückwünsche via Facebook oder Instagram. Aber das ersetzt weder ein ausgesprochenes nettes Wort oder eine handgeschriebene Notiz! Also will auch ich es von nun an besser machen.

Freudig funkelnde Augen

Als meine Augen später beim Metzger die Auslage scannten, begrüßte mich die Fleischereifachverkäuferin mit einem solch bezaubernden Lächeln, sodass ich kurz vergaß, ob ich nun Salami oder Schinken brauchte – und ich beschloss, diesen wunderbaren Komplimente-Tag hier und jetzt fortzuführen. Zwischen 80 Gramm Putenbrustaufschnitt und einem Paar Wienerle warf ich ein absolut ernst gemeintes „Sie haben eine ganz wunderbare Ausstrahlung“ über die Theke. Wäre ich noch ein Kind, hätte ich nun bestimmt in jede Hand zwei Scheiben Lyoner bekommen, aber mir genügte dieses freudige Funkeln in ihren Augen und ihr überraschtes „Dankeschön“. Nicht nur sie schien glücklich zu sein, ich war es auch. Denn ein ehrliches Kompliment wirkt sich doppelt positiv aus – auf Absender und Empfänger. Das alleine sollte doch schon Grund genug sein, häufiger Komplimente zu machen. Bis dahin hängt die gelbe Karte an meinem Kühlschrank – als Reserve für miese Tage.

Vor zwei Wochen schrieb Hicran Songur von einem gemeinen Schneiderlein.

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Erstellt:
31. Oktober 2020, 21:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 05sec

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