Der große Fürstenmaler aus Menzenschwand

Menzenschwand (cl) – Europas großer Fürstenmaler Franz Xaver Winterhalter aus dem Schwarzwald ist kaum noch präsent. Ein Privatmuseum am Geburtsort Menzenschwand hält seinen Ruf hoch und plant Neues.

Franz Xaver Winterhalters Selbstbildnis mit seinem Bruder Hermann (rechtes Bild, sitzend) in einer Kopie im „Petit Salon“ in Menzenschwand; über der Tür eine Original-Grafik des Pariser Siegerbilds „Decamerone“.  Foto: Thomas Viering

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Franz Xaver Winterhalters Selbstbildnis mit seinem Bruder Hermann (rechtes Bild, sitzend) in einer Kopie im „Petit Salon“ in Menzenschwand; über der Tür eine Original-Grafik des Pariser Siegerbilds „Decamerone“. Foto: Thomas Viering

Von Christiane Lenhardt

Tief im Schwarzwald in einem Nebental zu Füßen des Feldbergmassivs liegt das Museum des Fürstenmalers Franz Xaver Winterhalter. Der „Grand Salon“ von Paris, der wichtigsten Kunstmesse im 19. Jahrhundert, findet im kleinen Winterhalter-Museum namens „Le Petit Salon“ in Menzenschwand seine Entsprechung. 1837 gelang dem Shootingstar aus dem Schwarzwald mit dem ersten Preis im französischen „Salon“ neben renommierter Konkurrenz der künstlerische Durchbruch. Und keiner der berühmten Vorgänger – von Tizian, Rubens bis Anton van Dyck, die er selbst verehrte – stand je in Diensten so vieler Herrscher wie der Badener.
Franz Xaver Winterhalter, 1805 in Menzenschwand geboren, als es dort noch nicht einmal eine Schule gab, wurde der wohl bekannteste und bedeutendste Porträtmaler im 19. Jahrhundert. An allen Höfen Europas war er präsent und malte über 30 Jahre lang fast alle gekrönten Häupter. Winterhalter fing die charakterlichen Züge seiner Modelle ein, idealisierte und rückte sie in bestes Licht – vermittelte eine Vorstellung von makelloser Haut, der luxuriösen Stoffe ihrer Roben und der edlen Szenerien.
Winterhalters wohl berühmtestes und großartigstes Porträt von 1865 zeigt Kaiserin Elisabeth von Österreich: Die hochgewachsene Sisi, eine der größten Schönheiten Europas, malte Franz Xaver Winterhalter überlebensgroß. Auf dem Ganzfigurenporträt in Öl auf Leinwand dreht die Kaiserin in ihrem weißen Tüllkleid dem Betrachter eine makellose Schulteransicht zu, silbern leuchtet Sternenschmuck in ihrer geflochtenen Haarpracht.
Eine kleinere Reproduktion des Bilds erblickt der Besucher beim Eintritt in den „Petit Salon“; zu ihrer linken ein Selbstporträt Franz Xaver Winterhalters mit seinem Bruder Hermann, hochbegabter Compagnon, der den Stil des Bruders perfekt beherrschte. Das Bild der Maler-Brüder ist eine Kopie des Originals in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Der weltoffene Franz Xaver ist der strahlenden Star, hat symbolisch das Heft in der Hand, verhandelt mit den Auftraggebern, sein Bruder Hermann mit gesenktem Blick stützt sich auf Franz Xaver, der sagt, was zu tun ist. Trotzdem herrscht Eintracht zwischen ihnen.

Viele Original-Grafiken im Museum aus Familienbesitz


Im „Petit Salon“ sind sie umgeben von ihren fürstlichen Gönnern in Original-Lithografien der großen Gemälde, zwei Säle voller Bilder: der französische König Louis-Philippe ließ seine Staatsporträts von Franz Xaver Winterhalter malen, der russische Zarenhof beauftragte ihn mehrfach, ebenso Kaiserin Augusta und die erste große Förderin Sophie von Baden.
„Er war der beliebteste, bekannteste und bestbezahlte Porträtist“, sagt Elisabeth Kaiser vom Förderverein des Museums in Menzenschwand; der Verein initiierte das Museum 2008 und betreibt es. Das Pariser Siegerbild „Decamerone“ hängt in einer Original-Grafik als Supraporte im Museum; das siegreiche Gemälde selbst nach der berühmten Pest-Erzählung von Boccacio hängt im Palais Liechtenstein, eine kleinere Version gehört der Kunsthalle Karlsruhe.
Einige Original-Grafiken und Gemälde hat der Förderverein fürs Museum angekauft, der Großteil sind Leihgaben aus dem Familienbesitz: keine direkten Nachkommen der Maler-Brüder – sie blieben unverheiratet –, aber von rund 30 in alle Welt verstreuten Erben der beiden Winterhalter-Schwestern. „Sie haben uns auch Originalbriefe zur Verfügung gestellt“, so Kaiser. In der Vitrine liegt ein Brief mit Siegel des Fürsten Metternich, in dem er Winterhalter um einen Termin fürs Porträt-Sitzen bittet.
Der „Grand Salon“ in Paris, einst die wichtigste Kunstmesse der Welt, findet seine Entsprechung im „Petit Salon“ der Winterhalter-Brüder in der Ortsmitte von Menzenschwand.  Foto: Thomas Viering

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Der „Grand Salon“ in Paris, einst die wichtigste Kunstmesse der Welt, findet seine Entsprechung im „Petit Salon“ der Winterhalter-Brüder in der Ortsmitte von Menzenschwand. Foto: Thomas Viering


Früh zeigte sich das außergewöhnliche Talent beider Maler-Brüder: Zeichnungen des elfjährigen Hermann und des 15-jährigen Franz Xaver hängen in der Salon-Ecke, da hatten sie noch keinerlei Ausbildung. 1818 verließ der 13-jährige Franz Xaver das enge Tal in Richtung Freiburg, machte bei Karl-Ludwig Schuler eine Lehre als Kupferstecher und Lithograf; zwei Jahre später folgte, zusammen mit Hermann, die Ausbildung in dem neuen Herderschen Kunstinstitut bei Schuler. Franz Xaver Winterhalter studierte an der Münchner Akademie, begab sich auf Studienreise durch Deutschland. 1828 siedelte er nach Karlsruhe über, gab der jungen Markgräfin Sophie Zeichenunterricht. Die spätere Großherzogin war auch daran beteiligt, dass ihm der badische Hof 1832 eine Studienreise nach Italien bezahlte: Ansichten von Rom und Neapel entstanden. Als „Großherzoglicher Hofmaler“ machte sich Winterhalter 1834 auf in die Kunststadt Paris. Dass der junge Schwarzwälder dort überhaupt zum „Grand Salon“ zugelassen wurde, war eine Ehre, der Sieg glich einer Sensation.

15 Sommer lang für Queen Victoria gemalt


Von da an wollten alle gekrönten Häupter Europas von Winterhalter gemalt werden. „Er hat eine Warteliste gehabt mit bis zu 400 Aufträgen – auch die höchsten Fürsten mussten warten, bis sie drankamen“, sagt Elisabeth Kaiser. 1840 ließ er seinen Bruder Hermann nach Paris nachkommen, und noch drei Hilfsmaler wurden in der Winterhalter-Werkstatt beschäftigt.
Der englische Hof rief Franz Xaver Winterhalter 1841 zum ersten Mal. 15 weitere Sommer lang reiste „Winterchen“, wie ihn Königin Victoria nannte, nach England, um immer neue Porträts des Herrscherpaars anzufertigen, 1846 malte er die „Königliche Familie“ monumental; Albert und Victoria beschenkten sich gegenseitig mit Winterhalters, über 120 Auftragswerke entstanden. Selbst die Revolutionsjahre 1848/49 beeinträchtigen Winterhalters Stellung an Europas Höfen nicht. Napoléon III. hielt an dem Künstler fest, schenkte ihm eine Uniform der französischen Ehrenlegion, ein Highlight in Menzenschwand. Auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere schuf Winterhalter 1855 „Kaiserin Eugénie mit ihren Hofdamen“ für Frankreichs Monarchin – das Adelsporträt schlechthin.
So hochherrschaftlich seine Karriere verlief, so heimatverbunden blieb er. Jedes Jahr besuchte Winterhalter die Familie in Menzenschwand, unterstützte sie und die Gemeinde auch. Neben dem Museum steht das Elternhaus, ein schindelbedecktes Schwarzwälder Bauernhaus. Auch ihr heutiges Museumsgebäude haben die Maler-Brüder selbst bauen lassen und es der Gemeinde als Schul- und Rathaus geschenkt. Ihre Stiftung finanzierte den Kindern des Ortes den Schulbesuch und die Ausbildung.

In Baden-Baden ließ er sich die Villa Trianon bauen


In Baden-Baden richtete Winterhalter „seine Filiale“ ein, wenn der Hochadel zur Sommerfrische eintraf. Hier ließ er sich 1859 die Villa Trianon (in der heutigen Winterhalter-Straße) nach eigenen Plänen bauen, wohnte aber nie dort und verkaufte sie bald. Sie war ihm zu prunkvoll. Lieber mietete er sich in der gleichen Straße ein spartanisches Atelier.
1870 ging Winterhalters Glanzzeit als unübertroffener Hofmaler mit dem Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs zu Ende. Er kehrte mit seinem Bruder nach Karlsruhe zurück und starb am 8. Juli 1873 in Frankfurt an Typhus, während einer Auftragsarbeit für seinen Freund, den Bankier Metzler. In Frankfurt ist Franz Xaver Winterhalters Grabmal. Bruder Hermann hinterließ er zweieinhalb Millionen Gulden (ca. 30 bis 40 Millionen Euro). Der Bruder malte noch 18 Jahre weiter. 1891 starb Hermann Winterhalter (83) in Karlsruhe an einer Lungenentzündung. Sechs Neffen und Nichten erbten zu gleichen Teilen.
Franz Xaver Winterhalters großer Name geriet nach dem Ersten Weltkrieg, als viele europäische Adelshäuser auch in Trümmer fielen, in Vergessenheit. Mit seinen Porträts schuf er ein bleibendes Bild einstiger fürstlicher Pracht. Viele seiner Werke befinden sich in großen Sammlungen: von Wien, London, Paris, Karlsruhe bis Freiburg; dort im Augustinermuseum fand 2015 eine große Winterhalter-Ausstellung statt.

Neues Winterhalter-Museum in alter Kirche geplant


„Wir wollen Winterhalter wieder zum Durchbruch verhelfen, denn in Deutschland ist er nicht so bekannt wie in Frankreich und England“, sagt Elisabeth Kaiser vom Förderverein des Winterhalter-Museums in Menzenschwand. Der Verein hat Pläne für ein neues Museumsprojekt, denn das Alte Rathaus ist zu eng für den ereignisreichen Lebensweg der Winterhalters. In der entweihten, vormals evangelischen Kirche soll das neue Winterhalter-Museum entstehen.
Vor vier Jahren hat der Förderverein die Immobilie gekauft, außen wird sie gerade instandgesetzt. Geschätzte Umbaukosten als Museum, inklusive neuem Eingangsfoyer, Zwischenetage und Veranstaltungsraum: gut vier Millionen Euro. Eine Förderung ist möglich, muss aber zur Hälfte gegenfinanziert werden. „Die erforderlichen eineinhalb bis zwei Millionen Euro hat der Verein nicht“, so Elisabeth Kaiser – große Sponsoren lassen auf sich warten. Der Kreis Breisgau Hochschwarzwald und das Land Baden-Württemberg sind gefragt.
Elisabeth Kaiser verweist auf den Landsmann Hans Thoma. Obwohl eine gute Generation jünger habe er seit 70 Jahren in seinem Heimatdorf Bernau ganz in der Nähe „ein Super-Museum“. „Der Winterhalter hat gerade mal seit zwölf Jahren ein kleines Museum, aber nur weil es privat initiiert wurde.“ Immerhin hat die Prominenz das Winterhalter-Museum nicht aus den Augen verloren: der frühere Ministerpräsident des Landes, Erwin Teufel, „Sisi“-Urenkel Markus von Habsburg-Lothringen, Bernhard Prinz von Baden, Skisprung-Legende Georg Thoma, auch Verleger Hubert Burda und erst jüngst Papst-Sekretär Georg Gänswein kamen zu Besuch.

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