„Cybermobbing frisst sich durch die Gesellschaft“

Baden-Baden/Karlsruhe (hös) – Cybermobbing betrifft längst nicht mehr nur Jugendliche. Das Problem wandert mit den Heranwachsenden verstärkt in die Arbeitswelt. Das BT hat dazu einen Experten befragt.

Uwe Leest und das Bündnis fordern eine konsequentere Bestrafung von Cybermobbing. Foto: pr/Bündnis gegen Cybermobbing

Uwe Leest und das Bündnis fordern eine konsequentere Bestrafung von Cybermobbing. Foto: pr/Bündnis gegen Cybermobbing

Uwe Leest ist Vorsitzender des Bündnisses gegen Cybermobbing e.V. mit Sitz in Karlsruhe. Die Organisation besteht seit 2011 und versucht vor allem durch Präventionsarbeit dem Problem zu begegnen. BT-Redakteurin Stephanie Hölzle wirft im Rahmen der Reihe „Vier Fragen an“ gemeinsam mit Leest einen Blick auf das Thema:

BT: Herr Leest, gegen welche Probleme hat Ihr Bündnis am häufigsten zu kämpfen?

Leest: Wir müssen in zwei große Tätigkeitsbereiche unterteilen. Zum einen gibt es die Jugendlichen, die von Cybermobbing betroffen sind. Das Mobbing-Problem ist mit der Generation Smartphone aus der realen in die digitale Welt gewandert. Inzwischen wandert es von dort auch wieder in die reale Welt zurück. Zunehmend werden die Beschimpfungen, Belastungen und Bedrohungen, die Jugendliche im Netz erleiden, durch physische Bedrohungen im Alltagsleben erweitert, die sie dann persönlich im Leben erfahren. Der zweite Bereich, der uns zunehmend beschäftigt und Sorge bereitet, sind die Unternehmen. Mit den jungen Erwachsenen, die mit dem Smartphone großgeworden sind, wandert die Cybermobbing-Problematik zusätzlich in die Arbeitswelt. Das beobachten wir verstärkt seit zwei drei Jahren. Und die Unternehmen sind auf dieses Problem überhaupt nicht vorbereitet.

BT: Ihr Bündnis ist sehr engagiert in der Präventionsarbeit. Wo und wie setzen Sie hier an?

Leest: Zunächst setzen wir vor allem auf die Zusammenarbeit mit Schulen. Dies gelingt auch ganz gut - auch wenn diese natürlich mit einer Vielzahl an Problemen kämpfen. Wir nehmen jedes Jahr rund fünf Mal mit 2.000 Schulen in Baden-Württemberg Kontakt auf. Hier bieten wir Schulungen - in der Regel für fünfte und sechste Klassen - an. Zudem können Eltern und Lehrer Seminare bei uns belegen. Ergänzt wird das durch Webinare. Gerade in Baden-Württemberg sind diese Angebote auch in der Regel kostenfrei, da wir mit einer Stiftung zusammenarbeiten. Aus unserer Sicht ist es besonders wichtig, vor allem das Lebensumfeld der möglichen Opfer - also Eltern und Lehrer von betroffenen Schülern - zu sensibilisieren. Unsere Erfahrungen zeigen nämlich, dass vor allem Eltern sehr schlecht auf alle diese Dinge vorbereitet sind. Man muss aber sagen, dass Prävention eigentlich noch viel früher ansetzen sollte. Daher liegt ein Fokus auch auf den Grundschulen. Eigentlich muss die Vorbeugung gegen Cybermobbing in der dritten oder vierten Klasse beginnen. Auch hier bieten wir Kurse an. Aktuell führen wir eine Studie „Cyberlife III“ an Schulen in Deutschland durch. Die Ergebnisse werden wir am 2. Dezember im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin veröffentlichen.

Das ist kein Spaß und kein Kavaliersdelikt

BT: Warum treiben Sie einen so großen Aufwand?

Leest: Cybermobbing frisst sich immer mehr durch die Gesellschaft. Ich vergleiche es gerne mit einem Virus, das sich mit den infizierten Menschen ausbreitet. Die heute jungen Erwachsenen sind mit dem Smartphone und auch mit Cybermobbing großgeworden. Sie tragen das Problem als Auszubildende in die Arbeits- und damit Erwachsenenwelt hinein. Das wird noch dadurch befördert, dass die Jugendliche gelernt haben, dass sie bei Cybermobbing zumeist ungeschoren davonkommen. Daher ist hier die Gesellschaft gefragt. Polizei und Staatsanwaltschaft müssen bei Cybermobbing durchgreifen. Es sind Straftaten, die auch als solche sanktioniert werden müssen. Eine Studie zeigt, dass 20 bis 25 Prozent der Befragten schon einmal Opfer geworden sind. Gleichzeitig sagt die Polizei, dass Cybermobbing nur rund zwei Prozent der Anzeigen ausmacht. Das passt nicht zusammen. Hier muss sich etwas ändern. Dabei Hilfestellungen zu geben und Veränderungen zu bewirken, dafür setzen wir uns ein. Denn Cybermobbing hat weitreichende Folgen für das Opfer. Das kann bis hin zu Suizidgedanken und zu Todesfällen führen. Die Gesellschaft und mit ihr die Strafverfolgungsbehörden müssen verstehen: Das ist kein Spaß und kein Kavaliersdelikt.

BT: Wie können sich Jugendliche bzw. Eltern ihre Kinder denn schützen?

Leest: Vorneweg: Es geht nicht nur um junge Menschen. Jeder, der sich im Internet bewegt, ist ein potenzielles Opfer. Das Risiko steigt ganz klar mit dem Grad der Aktivität im Internet, vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und Snapchat. Je mehr ich von mir in solchen Netzwerken preisgebe, umso größer wird die potenzielle Angriffsfläche für einen Mobber - und es gibt immer irgendetwas, das irgendjemandem nicht passt. Hier ist zu raten, den Kreis der Menschen, die Informationen von mir bekommen, möglichst klein zu halten. Das kann man über die Einstellungen steuern. Es reicht, 30 bis 40 Freunde zu haben, die nähere Infos aus meinem Leben sehen können. Dann ist auch der Kreis potenzieller Täter kleiner. Weiter gilt, auf Angriffe am besten überhaupt nicht zu reagieren. Zudem sollte alles dokumentiert werden, beispielsweise über Screenshots. So können Täter konfrontiert werden. Zudem sollte unbedingt - vor allem bei anonymen Mobbern - Anzeige erstattet werden.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


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