Biblisches Bodybuilding

Tübingen (red) – In Zeiten des politischen Umbruchs konzentriert sich die Kunsthalle Tübingen auf ältere Werke und deren Wiederkehr im modernen Kontext: „Comeback“ heißt die Ausstellung, in der dieser schöne Apoll von Belvedere als „Hipster“ heutiger Zeit erscheint (Foto: Léo Caillard).

Marmorstatue mit Freude am Selfie: Der französische Fotokünstler Léo Caillard katapultiert den Apoll von Belvedere ins Hier und Jetzt. Caillard/Kunsthalle Tübingen

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Marmorstatue mit Freude am Selfie: Der französische Fotokünstler Léo Caillard katapultiert den Apoll von Belvedere ins Hier und Jetzt. Caillard/Kunsthalle Tübingen

Von Hans-Dieter Fronz

Der Gott trägt T-Shirt und Sonnenbrille. In Selfie-Pose hat er den Kopf zur Seite gelegt: Der Blick geht zum silbernen Smartphone in der ausgestreckten Linken. Mithilfe von Fotoshop verwandelt der junge französische Fotokünstler und Bildhauer Léo Caillard den Apoll von Belvedere in einen „Hipster“ – so der Titel seiner Bildmontage, die jetzt den Einband des Katalogs zur neuen Schau der Kunsthalle Tübingen schmückt. Es geht in „Comeback. Kunsthistorische Renaissancen“ um die Wiederkehr vergangener Kunst im Heute. In der Tat illustriert der freche Bildwitz des Franzosen, der die antike Marmorstatue der Vatikanischen Museen in die Gegenwart katapultiert, schlagend das Thema der Ausstellung.

Seit je finden Bildzitate aus der Kunstgeschichte in Mode und Film, Popkultur und zumal in der Werbung Verwendung. Im Zeitalter des Internets und der sozialen Medien aber sind kunstgeschichtliche Zitate regelrecht zum Massenphänomen geworden – eine Entwicklung, die heute exotische Blüten treibt. So stellen nicht wenige Zeitgenossen in lebenden Bildern – Tableaux vivants, wie man sie aus dem 18. und 19. Jahrhundert kennt – Gemälde Alter Meister nach. Falls sie sie in „Mal¬Partys“ und „Art¬Night¬Events“ unter Anleitung nicht gleich selbst malen. Die Resultate solch spielerischer Aneignung der Hochkultur: lebende wie selbst gemalte Bilder, werden häufig auch ins Netz gestellt.

Das tut auch Irene Fernandes Ramos. Von der spanischen Künstlerin ist bekannt, dass sie ihre Flugangst dadurch bewältigt, dass sie sich während des Flugs in der Toilette einschließt und berühmte Gemälde nachstellt. Die dabei entstehenden künstlerisch anspruchsvollen Selfies postet sie anschließend auf Instagram.

Staatstragende Mimik wird unterlaufen

Klassische Malerei als Sedativ – den rund 100 Kunstwerken von mehr als dreißig Künstlern am Neckar liegen freilich noch ganz andere Motivationen zugrunde.

So ist bei der Schweizer Künstlerin Chantal Michel die Lust am Rollen- und Geschlechtertausch unverkennbar, wenn sie in einer Fotoserie bäuerliche Szenen aus Gemälden Albert Ankers, eines Schweizer Malers des 19. Jahrhunderts nachstellt. Michel schlüpft beispielsweise ins Kostüm des züchtigen „Mädchens mit Krug“ – oder des „Jungen mit Huhn“. In „Die Töchter vom Aeschenried“ ist sie sogar doppelt präsent. Der Österreicher Markus Schinwald entlarvt die Repräsentationspose in Porträts des 19. Jahrhunderts. Durch hinzugefügte prothesenartige Gebilde macht er die Künstlichkeit der staatstragenden Mimik und Attitüde sichtbar. Der deutsche Konzeptkünstler Hans-Peter Feldmann gibt durch Clownsnasen seine Porträtierten geradezu der Lächerlichkeit preis.

Ganz anderes hat Slawomir Elsner im Sinn. Mit seinen unscharfen zeichnerischen Nachbildern berühmter Gemälde wie Leonardo da Vincis „Dame mit Hermelin“ möchte er durch Verfremdung gleichsam die Patina des sattsam Bekannten von den Originalen entfernen. Wieder andere Künstler ergreifen von vergangener Kunst respektlos in der Absicht Besitz, ihr subversives Potenzial freizulegen. All diese Motivationen unterscheiden sich von den Intentionen einer älteren Kunstströmung. Schon in den 1970er- und 1980er-Jahren kopierten Künstler Kunstwerke der Moderne – nicht zuletzt in kritischer Absicht.

Antoine Rogiers Video-Triptychon nach Hieronymus Boschs Gemälde „Die Versuchung des hl. Antonius“ erweckt in bewegten Bildern die surreale Phantasie des Niederländers zum Leben. Vergleichbares geschieht in Pia Maria Martins 16-mm-Filmen „vivace I-III“. Lange verweilt der Kamerablick auf alten Stillleben – bis die Nature mortes unversehens von Leben erfüllt werden. Etwa wenn sich ein Hummer zu regen beginnt und sich an den Früchten des Tischs gütlich tut. Die konventionelle Botschaft der Vanitas-Bilder – die Vergänglichkeit alles Irdischen – erfährt in der Gefräßigkeit der Tiere gewissermaßen ihre Selffulfilling Prophecy.

Einen bösen Seitenblick wirft Liza Lou auf den Körperkult unserer Zeit. Die für ihre ausladenden, mit Glasperlen und –kügelchen überzogenen Skulpturen bekannte New Yorkerin entführt die Gestalten Adams und Evas in Masaccios „Vertreibung aus dem Paradies“ aus dem Renaissancegemälde in den dreidimensionalen Raum. Als überlebensgroße Plastiken in Gestalt perfekter Bodybuilder-Leiber stellt sie das biblische Paar vor uns hin. In der Fixierung auf Äußerliches ist der Körperkult für Lou offenbar eine Art Sündenfall. Die künstliche, von einer glitzernden Schicht aus winzigen Glasperlen überzogene Haut der wehklagenden Vertriebenen passt zu dieser Deutung. Im Netz kursierende Aufnahmen zeitgenössischer Tableaux vivants ließ der Konzeptkünstler Christian Jankowski von Malern in China malen. Und schmuggelte sich auf einer Leinwand mit einem Augenzwinkern selbst ins Bild. Bis 10. November.

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Erstellt:
30. Juli 2019, 16:38 Uhr
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