Bewegung ist Zeitgeist

Von Wolfram Frietsch

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch alle zwei Wochen philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um die Jagd nach dem Neuen, das Gefühl des Ausgebranntseins und die bewusste Entscheidung für Entschleunigung.

Bewegung ist Zeitgeist

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Der Raumfahrer Ijon Tichy, Protagonist des Romans „Der futurologische Kongress“ des Science-Fiction-Autors Stanislaw Lem (1921–2006), muss erleben, wie Psychopharmaka die Menschen täuschen und ihnen eine Welt vorgaukeln, die es nicht gibt. Statt wahrgenommener Designerwohnungen sind es in Wahrheit zerfallene Häuser, verdorbene Lebensmittel statt Dreisterne-Küche, heruntergekommene Stadtviertel statt funktionaler Wohngebiete. Trösten wir uns: Es ist nur eine Geschichte – doch mit einer Wahrheit, über die wir uns Gedanken machen können.

Auch unsere Welt schwankt zwischen Wirklichkeit und Illusion. Auf der einen Seite Designerobjekte, Rationalisierung und Effizienz, auf der anderen Seite Burn-out, Überforderung und eine Zunahme an psychosomatischen Erkrankungen. Viele fühlen sich in Beruf und Alltag über- oder unterfordert, was im Grunde das Gleiche ist. Dass wir in einem „nervösen“ Zeitalter leben, wissen wir spätestens seit der Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert.

Die Welt erscheint widersprüchlich und schnelllebig

Man sprach um 1900 von Nervosität als Nervenkrankheit und meinte ein diagnostiziertes Leiden als übermäßige Beachtung der eigenen Befindlichkeit mit einem Hang zum Weltschmerz. Dagegen standen Verelendung, Armut und Tod als Ausdruck einer Alltagskultur in den Städten. All das existierte nebeneinander und gleichzeitig. Euphorie und Hoffnungslosigkeit, Langeweile und Überforderung, Rationalität und blinder Gehorsam: Sie verkörperten den damaligen Zeitgeist. In Abstufungen wirken diese Gegensatzpaare bis heute nach. Uns erscheint die Welt widersprüchlich und schnelllebig. Ein allgemein verbindliches Ziel scheint ebenso zu fehlen wie ein Moment kontemplativer Ruhe. Erholung wird zum Event umgestaltet, Urlaub meint Erlebnisurlaub, der mehr Stress als Ruhe bringt. Überhaupt ist Stress eines der Modeworte, das in all seinen Schattierungen kaum Hoffnung macht, je ein normales Leben leben zu können.

Alles ist verwirrend

Man sehnt sich nach Normalität und nach Ausnahme. Alles ist verwirrend. Jede Ordnung bedingt zugleich Unordnung. Jeder Einwand kann entkräftet werden. Ewige Gesetze werden infrage gestellt ebenso wie Wahrheiten. Verbindlich ist nur der Augenblick und der ist immer schon vorbei, eher er überhaupt begonnen hat. Unsere Update-Gesellschaft gewöhnt sich daran, dass alles sich wandelt, ohne dabei zu bemerken, dass nicht wir den Wandel bestimmen, sondern er uns. Selbst ein eigenes Haus, jahrhundertelang als etwas Festes und Zeiten Überdauerndes, angesehen, wird unterwandert durch eine Wohnkultur, die Nomadentum salonfähig macht. Umzug ist wie das immer neue Handy, ein Synonym für Beweglichkeit.

Und Bewegung ist Zeitgeist. Die Frage, wohin uns das führt, wird ebenso wenig gestellt, wie die Frage nach der Bedeutung des Alters als Ausdruck des Beharrens. Ein alter Fernseher ist nichts wert, genauso wie ein altes Bett. Dennoch ist Vintage angesagt. Man ist auf der Suche nach dem gebrauchten, betagten und individuellen Möbelstück, das in eine postmoderne Wohnumgebung passt. Vielleicht wacht man eines Morgens auf und erkennt, dass die Jagd nach dem Neuen eine Droge ist, wie das Mittel, das in der Geschichte von Lem ins Trinkwasser gegeben wurde. Möglicherweise ist es angebracht, den Spruch: „Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen“ einmal kritisch zu reflektieren. Möglicherweise ist Veränderung nicht mehr das Gebot der Stunde, sondern es zählt wieder der Mensch, der verweilen kann. Die Veränderung ist für den Menschen da, ihm obliegt es, das Tempo der Veränderung zu bestimmen. Lassen wir uns das Heft nicht aus der Hand nehmen. Ein wenig Entschleunigung kann gut tun, gerade dann, wenn man der Ansicht ist, dass man dafür so gar keine Zeit habe.

Literaturempfehlung: Stanislaw Lem: Der futurologische Kongress. Aus Ijon Tichys Erinnerungen. Frankfurt 1979.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über Integration und Autonomie.