Aufbruch aus der Ausweglosigkeit

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um Rilkes Orpheus und Hape Kerkeling.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Steine liegen auf dem Weg. Je mehr wir uns bemühen, ihnen auszuweichen, um so größer werden die Hindernisse. Sie zu ignorieren, ist unmöglich. Umkehren? Dem Leben eine völlig neue Richtung geben?

Als der Komiker, Schauspieler und Autor Hape Kerkeling über seine Reise auf dem Jakobsweg schrieb („Ich bin dann mal weg“), erzählte er nicht nur von einer mehrwöchigen Wanderung, sondern auch davon, dass es für ihn zu einem Moment in seinem Leben kam, umzudenken. Er durchlebte, wie viele, eine Krise. Es drängte ihn, echte Erlebnisse zu suchen, die ihn betreffen und bei denen nicht das Gefühl vorherrscht, fremdbestimmt zu sein. Ausweglosigkeit ist ein anderes Wort für Aufbruch.

Das Lesen von Büchern bietet die Möglichkeit, sich neu zu orientieren. Dabei kann der Entschluss reifen, sich seinem Schicksal zu stellen und sich wieder dem Fluss des Lebens anzuvertrauen. Der Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) schreibt in seinen „Sonetten an Orpheus“: „... Geh in der Verwandlung aus und ein. Was ist deine leidendste Erfahrung? Ist dir Trinken bitter, werde Wein.“ Er stellt die Frage nach der „leidendsten Erfahrung“, wobei es nicht um eine Erfahrung geht, an der gelitten wurde, sondern um eine, die außergewöhnlich ist. An sie soll ich mich erinnern. Dadurch, dass ich mich erinnere, vergegenwärtige ich sie und kann sie erneut mit Abstand betrachten. Doch Rilke fordert nicht nur den Wandel, sondern auch, dass man sich in der Verwandlung frei bewegen kann, sie annehmen und sie nutzen. Erst dann wird das leidende Leben wieder lebendig: „Und wenn dich das Irdische vergaß, zu der stillen Erde sag: Ich rinne. Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.“Es bedarf nicht der Furcht, Leiden zuzulassen. Leid gehört zum Leben. Doch die mit ihr verbundene Schwere, das Gefühl der Ohnmacht und der Ausweglosigkeit soll, bildlich gesprochen, der Erde zurückgegeben werden. Die Erde ist an sich fest und unbeweglich. Sie zum Fließen zu bringen meint, das Feste zu verflüssigen, das Verfahrene und Ausweglose neu zu beleben. Das Leiden an der Ausweglosigkeit kann nicht genommen werden, wohl aber dessen Ausweglosigkeit. Doch dazu bedarf es des Mutes, aufzubrechen.

Begegnungen mit Menschen regen zum Nachdenken an

Eben das macht Kerkeling in seiner Reise auf dem Jakobsweg. Gleich zu Beginn sind es Kleinigkeiten, die ihn gemahnen, sein Leben zu verändern. Die Frage drängt sich in ihm auf, ober er denn wisse, wer er wirklich sei, was er verneinen muss. Oder ein lapidarer Slogan wie: „Willkommen in der Wirklichkeit“, lässt ihn aufhorchen und wirft ihn auf sich selbst zurück: „Obwohl ich den Gipfel durch den Nebel nicht sehen kann, ist er doch da!“

Der Erzähler schreibt über eine Wanderung, die ihn an den Rand der Erschöpfung bringt. Er beschreibt Erlebnisse mit Menschen, nervigen, lustigen, freundlichen, griesgrämigen, verzweifelten oder fröhlichen und seine Begegnungen mit ihnen, die allesamt (ihm) etwas mitzuteilen haben, allein dadurch, dass sie ihm begegnen. Sie beeindrucken und führen ihn zu sich selbst. Anders gesagt: „Manchmal meinen es auch die nervigsten Menschen gut mit uns!“ Kerkeling entwickelt seinen Weg, indem er wandert, Menschen begegnet und über sie und sich nachdenkt. So erfährt er sich selbst als jenes „Ich bin“, das Ausgangspunkt für das Wollen der Wandlung ist.

Sowohl Rilkes Orpheus als auch Kerkelings Ich-Erzähler entwickeln in sich eine Widerstandskraft gegen Krise und Leid und für das Leben, gepaart mit Optimismus und Zuversicht, eine Entscheidung zu treffen und das Unmögliche zu wagen. Dazu gehört Vertrauen in sich und die Welt zu haben, um sich dem Lebendigen des Lebens neu zuzuwenden. Das kann Literatur leisten. Oder wie es Hape Kerkeling ausdrückt: „Der Schöpfer wirft uns in die Luft, um uns am Ende überraschenderweise wieder aufzufangen.“

Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg. München 2009.

Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien. Die Sonette an Orpheus. Frankfurt 1974.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über Friede und Überlebenskampf.

Auf den Jakobsweg hat sich 2019 übrigens auch BT-Redakteurin Fiona Herdrich begeben: Teil I und Teil II ihrer Pilgerreise.


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