Alstom will Zugwerk im elsässischen Reichshoffen verkaufen

Straßburg/Reichshoffen (lori) – Der französische Konzern Alstom plant die Übernahme der Transportsparte des kanadischen Konkurrenten Bombardier. Das hat Konsequenzen für das elsässische Alstom-Werk.

Produktion in der Alstom-Fabrik in Reichshoffen: Nach Gewerkschaftsangaben ist der Standort leichter zu verkaufen als andere Werke des Konzerns. Foto: Patrick Hertzog/AFP

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Produktion in der Alstom-Fabrik in Reichshoffen: Nach Gewerkschaftsangaben ist der Standort leichter zu verkaufen als andere Werke des Konzerns. Foto: Patrick Hertzog/AFP

Von Jürgen Lorey

Für die 780 Mitarbeiter am Alstom-Standort im nordelsässischen Reichshoffen war es ein Riesenschock: Vergangenen Donnerstag kündigte der französische Bahnhersteller an, sein Zugwerk in Reichshoffen nordwestlich von Haguenau verkaufen zu wollen. Der Konzern will damit Zugeständnisse an die EU-Kommission in Brüssel machen, um die Transportsparte des kanadischen Zugherstellers Bombardier kaufen zu können.

Den EU-Kartellwächtern ist vor allem die dann entstehende Marktmacht von Alstom und Bombardier in der Signaltechnik, bei Hochgeschwindigkeits-, Intercity- und Regionalzügen ein Dorn im Auge. Alstom und Bombardier würden durch die Fusion zum weltweit zweitgrößten Zughersteller hinter dem chinesischen Riesenkonzern CRRC werden.

Derzeit untersuchen EU-Wettbewerbshüter, ob sie die rund 6,2 Milliarden Euro schwere Übernahme genehmigen können. Es gibt Bedenken, dass Alstom durch die Fusion eine Monopolstellung in Europa bekommt.

Bis Ende Juli soll eine Entscheidung fallen. Die Wettbewerbshüter können dann auch noch eine vertiefte Prüfung anordnen. Eines der Zugeständnisse könnte ein Ende der Partnerschaft von Bombardier mit Hitachi bei Hochgeschwindigkeitszügen sein. Alstom und Bombardier sind dazu ferner bereit, Unternehmensteile zu verkaufen – neben dem Werk Reichshoffen auch den Regionaltriebzug Talent 3 von Bombardier samt Produktionslinie in Hennigsdorf nördlich von Berlin. Werden die Pläne durchgewunken, soll das Geschäft im ersten Halbjahr 2021 zum Abschluss kommen. Alstom war allerdings im Februar 2019 mit der geplanten Fusion der Zugsparte von Siemens am Veto von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager gescheitert.

Die überraschenden Verkaufspläne bezüglich des elsässischen Werks schlugen in der Region wie eine Bombe ein und lösten bei Gewerkschaften sowie Regionalpolitikern großes Unverständnis und Sorge aus. Die Mitarbeiter im Werk in Reichshoffen machen sich keine Illusion über ihre Zukunft, wenn es zu einem Verkauf kommen sollte: „Das ist kein gutes Zeichen. Jeder weiß, das es bei einem Verkauf oder einer Fusion zu Jobverlusten kommt, weil es Stellen und Strukturen doppelt gibt“, sagte ein Alstom-Arbeiter im elsässischen Regionalfernsehen France 3 Alsace.

„Übereinkünfte sind schon unterzeichnet“

Nach Gewerkschaftsangaben ist der Standort Reichshoffen leichter als andere Alstom-Werke zu verkaufen, weil im Elsass nur ein Produkt hergestellt wird, und zwar der für den französischen Markt bestimmte Regionalzug Regiolis. „Alle anderen Stätten zeichnen sich durch Produktdifferenzierung aus“, sagt Betriebsrat Daniel Dreger. In Reichshoffen sei das früher auch so gewesen. Doch die Konzernleitung habe in den vergangenen Jahren nach und nach unter anderem die Herstellung von TGV-Doppelstockzügen und von Straßenbahnzügen in andere Werke verlagert. „Sie hat uns ausgedünnt und ein Produkt gelassen, den Regiolis.“

Er könne nicht verstehen, warum ein Werk zur Disposition stehe, das an zwei innovativen Projekten für den öffentlichen Nahverkehr der Zukunft arbeite: Zum einen soll aus dem Alstom-Triebwagen Regiolis ein Fahrzeug entwickelt werden, das auch in Deutschland fahren kann. „Entsprechende Übereinkünfte sind schon unterzeichnet“, betont Walter. Zum zweiten arbeite man in Reichshoffen an einem Regionalzug mit Wasserstoffantrieb.

Für die EU-Abgeordnete und frühere Straßburger OB Fabienne Keller wäre die Aufgabe des Standortes Reichshoffen „ein Wahnwitz“. Die EU-Regeln, die Firmenmonopole in Europa verbieten, seien vor 22 Jahren beschlossen worden, sagte sie im Sender France 3 Alsace. „Damals bestand die Konkurrenz unter den Firmen auf EU-Ebene, heute hat sie sich globalisiert.“ Deswegen einen Standort aufgeben zu müssen, mache in dem Moment keinen Sinn, in dem die reellen Konkurrenten chinesische oder russische seien.

Für Keller ist es daher dringend notwendig, die EU-Regeln an einen inzwischen globalisierte Welt anzupassen. Um den Standort Reichshoffen zu retten, hat Keller nun um eine Treffen mit den beiden von der Materie betroffenen EU-Kommissare Margarethe Vestager und Thierry Breton (Industriepolitik) gebeten.

Für die Straßburger Europarechtlerin Frédérique Berrot haben sich die EU-Instrumente gegen Monopolbildungen bewährt. „Es wird immer Probleme der Konkurrenz zwischen Unternehmen geben. Deshalb müssen diese Instrumente beibehalten werden.“ Zusätzlich müssten andere Instrumente zum Einsatz kommen, die die Industriepolitik oder die Kontrolle von ausländischen Investitionen betreffen. „Letztere sind im Grunde in dieser Sache das eigentliche Problem.“

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Erstellt:
15. Juli 2020, 09:00 Uhr
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