Absprache aus Respekt und Wertschätzung

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um ungeschriebene Regeln.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Selbstverständlich ist es, wenn ein Spieler sich verletzt und Hilfe benötigt, dass der Ball ins Seitenaus gespielt wird. Der sich daran anschließende Einwurf geht dann an die Mannschaft, die den Ball ins Aus gespielt hat. Das gehört zum Fair-Play. Die Zuschauer fordern es sogar ein.

Was aber wäre, wenn der Gegenspieler den Ball behalten und einen Angriff einleiten würde? Er würde eine unausgesprochene Regel verletzen. Ein gellendes Pfeifkonzert wäre die Folge. Diese Regel wird nicht verletzt, gleichwohl sie nicht im Regelbuch zu finden ist. Aber es wird sich daran gehalten. Warum? Wohl auch deshalb, weil diese Regel als stille Übereinkunft einfach existiert, ohne verbindlich, einklagbar oder einforderbar zu sein. Wäre sie als Regel festgeschrieben, gäbe es gewiss auch Verstöße dagegen.

Solche „stillen Vereinbarungen“ beruhen auf einer nicht getroffenen, gleichwohl existierenden Absprache aus Respekt und Wertschätzung. Der Philosoph Blaise Pascal (1623-1662) gibt hierzu folgende Antwort: „Wir erkennen die Wahrheit nicht allein mit der Vernunft, sondern auch mit dem Herzen.“ Es bedarf der Vernunft, doch diese gebiert auch Skepsis, weil sie gewohnt ist, alles anzuzweifeln. Damit unterläuft sie die Gültigkeit von Grenzen und sabotiert die Grauzone von Unausgesprochenem, die die Gesellschaft zusammenhalten. Vernünftig wäre es also, den Ball nicht zurückzuspielen, sondern auf den eigenen Vorteil daraus zu sein. Unser „Herz“ jedoch – im Sinne des Mitgefühls, des Fair Play oder der Anteilnahme – ist dagegen. Ist demnach Mitgefühl vernünftig?

Abwägen: Manche Regeln müssen gebrochen werden

In jeder Gesellschaft gibt es Tabus, an denen nicht gerührt wird. Was aber, wenn solche Regeln überschritten oder bewusst verletzt werden? Manchmal müssen Regeln gebrochen werden. Der Spruch „Das haben wir immer so gemacht“ ist kein Garant dafür, dass das Gemachte gut ist oder zukunftsweisend. Es gilt abzuwägen. Doch in diesem Findungsprozess birgt sich eine Schwierigkeit, die Frage danach, wann eine Regel überprüft oder verändert werden soll. Wer entscheidet das?

Werden unausgesprochene Regeln ignoriert, hat das Auswirkungen, die schwer kontrollierbar sind. Deshalb ist ein Blick auf die Folgen hilfreich, um ihren Wert zu erkennen. Möchte ich beispielsweise den Nachwuchs anleiten, ein fairer Spieler zu werden, der respektvoll mit dem Gegenspieler umgeht, der zwar für die Spieldauer ein Kontrahent ist, es aber weder davor noch danach sein sollte? Oder möchte ich ein Verhalten antrainieren, das durch die Prämisse: Siegen um jeden Preis, Verletzung aller Traditionen, Überschreibung sämtlicher Grenzen geprägt ist und an dessen Ende nur der reine Wille steht: Ich mach das so, weil ich es kann?

Selbst wenn jeder seines Glückes Schmied ist, so schmiedet er Eisen, das nicht von ihm stammt, basierend auf einer Handwerkskunst, die er sich von anderen angeeignet hat, und an einem Feuer, das er nur eingeschränkt kontrollieren kann. Daher bedarf es der Demut vor unausgesprochenen Regeln. Es bedarf des Respekts vor dem Anderen, ohne ihn einzufordern. Es bedarf der Wertschätzung von allem, was ist, ohne sie einzuklagen. Es bedarf der Rücksichtnahme, ohne sie verlangen zu müssen. Es gilt, kritisch zu bleiben und wohlwollend, oder, wie Blaise Pascal es ausdrückt, mit dem Herzen zu denken.

Blaise Pascal: Gedanken: Über die Religion und einige andere Themen. Stuttgart 1997.

In seiner Kolumne schrieb Wolfram Frietsch das letzte Mal über Sehnsucht nach sich selbst.

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Erstellt:
8. November 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 42sec

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