ARD-Hörspieltage: Mit Schwung ins Netz gestartet

Baden-Baden (cl) – „Downloads bringen das Hörspiel in Schwung“, sagt SWR-Hörspielchef Skoruppa zum Boom des Genres. Auch die ARD-Hörspieltage finden bis 7. November online statt, wegen Corona.

Am liebsten unter der Bettdecke ganz Ohr: Juryvorsitzende Doris Dörrie steckt hinter der Maske. Die Jury der ARD-Hörspieltage hat am Dienstagabend erstmals nicht öffentlich getagt, die Preise werden am Samstag, 7. November, vergeben.  Foto: Doris Dörrie/SWR

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Am liebsten unter der Bettdecke ganz Ohr: Juryvorsitzende Doris Dörrie steckt hinter der Maske. Die Jury der ARD-Hörspieltage hat am Dienstagabend erstmals nicht öffentlich getagt, die Preise werden am Samstag, 7. November, vergeben. Foto: Doris Dörrie/SWR

Von Christiane Lenhardt

Die ARD-Hörspieltage sind gestern online gestartet – wegen der Corona-Pandemie kann das Festival der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im deutschsprachigen Raum nicht wie üblich im ZKM Karlsruhe veranstaltet werden. „Wir haben lange überlegt, ob wir das Festival stattfinden lassen können – aber jetzt sind wir froh, dass wir uns vor drei Wochen entschieden haben, es online durchzuführen“, sagt Programmmacher Ekkehard Skoruppa, der SWR-Hörspielchef in Baden-Baden.
„Natürlich ist das kein Ersatz für das gemeinsame Hören vor Ort in Karlsruhe, für die Begegnungen und öffentlichen Jurydiskussionen.“ Dass Macher, Autoren und das Publikum alljährlich im ZKM miteinander ins Gespräch kommen können, sei schließlich der Markenkern der ARD-Hörspieltage.
Ganz so unnatürlich ist das pure Online-Festival für das Hörspiel aber nicht: Schließlich lebt und überlebt es übers Jahr durchs Netz: „Unter den Audio-Podcasts sind wir ganz oben“, sagt Hörspielchef Skoruppa. „Die große Zahl der Downloads hat dem Hörspiel Schwung verliehen.“ So sei es trotz der Einsparungen, die alle Sparten der ARD beträfen, ganz und gar nicht in Gefahr, erklärt Skoruppa. Ob Historisches, Kinderhörstück oder Literarisches, die Zugriffe seien groß, und die Krimis gingen nach wie vor am besten. Auch sehr ambitionierte Stücke seien nachgefragt. Gerade die jüngere Zielgruppe wähle das Audio-Format über die Netzangebote der Sender, aber auch über Anbieter wie Spotify.

Neues Corona-Hörstück als Collage komplett zu Hause produziert


Das breite Angebot spiegeln die Hörspieltage 2020 im Netz, wo nun die zwölf besten Hörspiele der ARD-Sender, des Deutschlandfunks, des ORF und des Schweizer Radios (SRF) aus dem zurückliegenden Jahr in voller Länge ins Rennen um den ARD-Hörspielpreis gegangen sind; hinzu kommen extra aufgenommene Gespräche mit den Machern der Produktionen. Sogar ein Corona-Hörstück ist dabei: die Collage „Mein hohles Herz singt Lieder der Versammlung“, produziert im ersten Lockdown von einem Kollektiv aus Autoren und Schauspielern für Deutschlandfunk Kultur. „Die Form der Collage gibt es im Hörspiel zwar schon länger, aber die Art und Weise der Produktion ist schon ungewöhnlich – und gut gelungen“, sagt Hörspielchef Skoruppa – nicht im Studio aufgenommen, sondern unter Pandemiebedingungen gänzlich von zu Hause aus produziert, abgestimmt und nachbearbeitet, trotzdem sei die Qualität gut.
Zu Skoruppas Favoriten gehören auch die Produktionen „türken, feuer“ über den Brandanschlag von Solingen 1993 (WDR) und die Komödie „Die Entgiftung des Mannes“ von Holger Böhme über zwei Frauen, die vor 30 Jahren gemeinsam in Dresden für die Grenzöffnungen der DDR gekämpft haben – und sich nun wiedertreffen, als die eine bei der anderen für ihren Mann ein Pegida-Plakat in Auftrag geben will. Gemeinsam entscheiden sie dann, dass das Plakat nicht entstehen soll, sie stattdessen etwas an der Gesinnung des Mannes ändern wollen. Das Hörspiel zeigt, dass das Pendel nicht nur rechts ausschlägt, sondern sich auch linke Positionen radikalisieren.

Juryvorsitzende Doris Dörrie als Kind von „Ali Baba“-Geschichte betört


Neue Entwicklungen im Hörspiel zeige das Festival zwar nicht, das könne die in Zeitnot organisierte Online-Version nicht bieten: „Die neuen Mischformen wollten wir ursprünglich beim Live-Hörspiel im ZKM zeigen“, so Skoruppa – das müsse aufs kommende Jahr verschoben werden. Aber einige vielversprechende jüngere Autoren seien dabei und arrivierte wie Wolfram Höll („Nebraska“, SRF). Auch das Kinderhörspiel, das regelmäßig für einen Ansturm beim Kinderhörspieltag im ZKM führte, ist vertreten. Das Publikum kann alles draußen im Netz kostenlos hören und auch sein Lieblingshörstück für den Publikumspreis wählen.
Die Jury um Präsidentin Doris Dörrie wollte sich am Dienstagabend zum ersten Mal in einer Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit zusammenfinden; offene Jurydebatten sind nicht vorgesehen. Das Gremium stimmt nicht nur über den ARD-Hörspielpreis und den Kurzhörspielpreis PiNball für die freie Szene ab, sondern auch über den Preis für die „Beste schauspielerische Leistung“ in einem Hörspiel. Die Gewinner werden am Samstag, 7. November, online bekanntgegeben.
Zu ihrem frühen Lieblingshörstück hat sich die Filmemacherin Doris Dörrie gestern geäußert: Es war „Ali Baba“ unter der Bettdecke. Der Erzähler habe diese Geschichte „so geheimnisvoll und so betörend“ vorgelesen hat, dass sie sie bis heute noch im Ohr habe. Auch der Kuschelfaktor spielt für Dörrie noch eine Rolle: „Hörspiele höre ich am liebsten im Bett, träumend, ganz Ohr“, erklärt die Filmregisseurin.

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Erstellt:
3. November 2020, 21:00 Uhr
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