Vier Fragen an Sabine Vollmer

Rastatt (naf) – Von Eltern, Schülern und Lehrern wird derzeit viel Improvisationstalent gefordert. Ein regulärer Schulbetrieb ist nicht denkbar. BT-Volontärin Nadine Fissl hat sich mit Sabine Vollmer von der Schulpsychologischen Beratungsstelle des Schulamts Rastatt darüber unterhalten, wie sie und ihre Kollegen Schüler, Eltern und Lehrer in diesen Zeiten unterstützen können.

Die meisten Anfragen, die Sabine Vollmer dieser Tage erhält, sind nicht „corona-spezifisch“. Foto: privat

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Die meisten Anfragen, die Sabine Vollmer dieser Tage erhält, sind nicht „corona-spezifisch“. Foto: privat

Von Nadine Fissl

BT: Frau Vollmer, inwiefern hat sich Ihre Arbeit durch die Corona-Krise verändert?

Sabine Vollmer: Unser Arbeitsfeld ist ja sehr vielfältig: neben Beratungen von Eltern, Schülern, Lehrkräften oder Schulleitungen, bilden wir auch Lehrkräfte zu Beratungslehrern aus und bieten Fortbildungen und Supervisionsgruppen an. Dies erfolgt normalerweise im persönlichen Kontakt, was durch die Corona-Krise von heute auf morgen nicht mehr möglich war. An der Beratungsstelle haben wir zu Beginn der Schulschließungen in reduzierter Präsenz gearbeitet und Beratungen vor allem telefonisch durchgeführt. Kollegen im Homeoffice haben währenddessen neue Themen aufbereitet und alles, was ohne direkte Anwesenheit erledigt werden kann, versucht voranzubringen. Da wurde unglaublich viel geschafft und es sind auch tolle neue Dinge entstanden. (Einiges davon ist hier zu finden.)

Die Telefonberatungen funktionieren ganz gut, aber manchmal braucht es auch den direkten Kontakt. Beispielsweise kann ein „runder Tisch“ mit mehreren Beteiligten manchmal sinnvoll sein. Darum freuen wir uns sehr, dass wir inzwischen wieder vereinzelt Präsenzberatungen anbieten können. Natürlich ist trotzdem nicht alles möglich, aber Schritt für Schritt geht es voran.

Veranstaltungen mit mehreren Personen sind jedoch erst einmal verschoben worden. Das Zentrum für Lehrerbildung und Schulqualität unterstützt uns aber dabei, digitale Lösungen für einige Angebote zu finden. In manchen Bereichen wird das auch gut möglich sein, in anderen, wie bei den Weiterbildungen zum Thema Gesprächsführung, eher weniger. Sie leben vom direkten Kontakt miteinander. Darum hoffen wir darauf, dass sich die Situation bald noch mehr normalisiert.

BT: Mit was für Problemen kommen Schüler, Eltern, Lehrer oder Schulleitungen in dieser Zeit auf Sie zu?

Vollmer: In den meisten Anfragen sind es die gleichen Themen, mit denen wir normalerweise auch zu tun haben: Schwierigkeiten mit dem Lernen, Motivation, Konzentration, schulbezogene Ängste, Verhaltensprobleme, Schullaufbahnfragen oder auch andere Schwierigkeiten, die besonders in der Schule auftreten oder mit Schule zu tun haben. Aktuell haben wir von Eltern einige Fragen zur Schullaufbahn oder zum Lernen zu Hause bekommen. Aber auch Lehrkräfte und Schulleitungen wenden sich mit der Frage an uns, wie die Rückkehr in den Schulalltag für die Kinder nach längerer Abwesenheit gut gelingen kann. Die meisten der Anfragen sind jedoch nicht „corona-spezifisch“.

BT: Wie können Sie Ihnen helfen?

Vollmer: Meist telefonieren wir mit den Anrufern oder schreiben auch mal eine Mail. Wir sind vor allem hilfreich, wenn die Anrufenden selbst etwas verändern wollen. Dabei kann es um Eltern gehen, die ihr Kind besser beim Lernen unterstützen wollen aber auch um Lehrkräfte, die Schüler mit ADHS schulisch unter die Arme greifen oder Schüler, die besser mit Prüfungsängsten umgehen wollen. Dann versuchen wir gemeinsam, Lösungen für die Situation zu finden, vorhandene Stärken zu nutzen, Gespräche gemeinsam vorzubereiten oder manchmal auch einfach Informationen zu geben.

BT: Sie stehen in engem Kontakt mit Schülern, Lehrern sowie Eltern und haben Erfahrungen aus vielen unterschiedlichen Schulen. Wenn Ihnen freie Mittel zur Verfügung stünden, was würden Sie an den Schulen ändern, um die allgemeine Situation zu verbessern?

Vollmer: Das ist eine schwierige Frage. Für die aktuelle Pandemie-Situation würde ich im ersten Schritt alle Schüler mit digitalen Endgeräten ausstatten. Dieser Wunsch wird ja sogar schon erfüllt, da das Land den Schülern 300.000 digitale Endgeräte zur Verfügung stellen will.

Wenn ich mir noch mehr wünschen könnte, dann würde ich mir Schulen mit doppelt so vielen Zimmern und mindestens doppelt so vielen Lehrkräften wünschen, damit alle Schüler präsent unterrichtet werden könnten. Schüler, die trotzdem zu Hause bleiben müssen, könnten digital von zusätzlichen Lehrkräften betreut und bei Bedarf per Videokonferenz ins Klassenzimmer zugeschaltet werden. Insgesamt erlebe ich in diesen herausfordernden Zeiten sehr viel Engagement und gutes Gelingen von vielen Seiten – bei meinen Kolleginnen und Kollegen, bei den Schulen und natürlich auch bei vielen Eltern.

Die Schulpsychologische Beratungsstelle ist aktuell montags bis donnerstags von 9 bis 15 Uhr und freitags bis 12 Uhr unter (07222) 9169130 erreichbar.

Die Homepage finden Sie hier.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Vergangene Woche wurden vier Fragen an Wolfgang Reiner, dem Vorsitzenden des Landesverbands der Gehörlosen, gestellt.

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Erstellt:
24. Mai 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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