Vier Fragen an: „Mo-Bro“ Moritz Hüttner

Rastatt/Freiburg (marv) – Jedes Jahr um diese Zeit steht er an, der „Movember“. Einen Monat lang lassen sich Männer einen „Schnorres“ für den guten Zweck stehen, so auch der Rastatter Moritz Hüttner.

Im „Movember“ trägt Moritz Hüttner „Schnorres“. Foto: privat

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Im „Movember“ trägt Moritz Hüttner „Schnorres“. Foto: privat

Von Marvin Lauser

Der gebürtige Rastatter Moritz Hüttner, der zum Studium der Politikwissenschaft nach Freiburg gezogen ist, trägt seit 2016 jeden November Oberlippenbart. Er will damit, wie viele andere weltweit mit der Aktion „Movember“ (zusammengesetzt aus dem Englischen moustache und dem Monat November) auf die Männergesundheit aufmerksam machen und Gelder sammeln, die unter anderem der Krebsforschung zugutekommen sollen. In diesem Jahr muss er das vor allem über seine Social-Media-Kanäle tun, weil er in der Öffentlichkeit einen Mund-Nasen-Schutz oder eine Einwegmaske trägt. BT-Redakteur Marvin Lauser hat mit Hüttner 2013 am Ludwig-Wilhelm-Gymnasium in Rastatt Abitur gemacht und ihm nun zu seinem Engagement vier Fragen gestellt.

BT: Moritz, seit wann machst Du bei „Movember“ mit? Wie hast Du davon erfahren, dass es diese Initiative gibt?
Moritz Hüttner: Gute Frage. Ganz genau weiß ich es ehrlicherweise nicht mehr. Ich habe Ende November 2015 einen Werbespot oder etwas Ähnliches gesehen. Anschließend bin ich dann auf die Webseite und habe mir das genauer angeschaut.
Oberlippenbart zu tragen ist nach wie vor verrufen. Es sind meist ältere Männer oder Menschen, die Freddie Mercury mögen, die so rumlaufen. Ich mag Freddie Mercury zwar auch, habe vorher aber keinen Schnurrbart getragen. 2016 habe ich dann in meinem Bekannten- und Freundeskreis nachgefragt, ob jemand Lust hätte mitzumachen. Ich glaube, wir waren im ersten Jahr zu viert oder fünft. Damals haben die meisten von uns im Freiburger Stadtteil Mooswald gewohnt, deshalb heißt unser „Movember“ Team „Moøswald Bros“. Das dänische ö haben wir reingenommen, damit deutlich wird, dass es sich aus dem Englischen moustache und Mooswald zusammensetzt.

BT: Was ist deine Motivation dahinter?
Hüttner: Es steckt eine ganz persönliche Motivation dahinter, weil ich bis 2015 einige Krebsfälle in der Familie hatte, die mich schockiert haben und dadurch auch bei mir ein größeres Risiko, an Krebs zu erkranken besteht. In Kombination mit der Idee hinter „Movember“ war das der Impuls, der mich dazu gebracht hat, darauf aufmerksam zu machen, damit auch andere mit ihren Opas und Papas das Gespräch suchen. Die Statistik zeigt nämlich: Männer sterben früher als Frauen. Das liegt auch daran, dass viele Männer mit vermeintlichen „Wehwehchen“ nicht zum Arzt gehen und solche Warnsignale, die der Körper sendet, ignorieren. Dieses Verdrängen von Schmerzen und das Nicht-zum-Arzt-Gehen habe ich bei mir selbst beobachtet und das hat sich gewandelt, seit ich bei die „Movember“ mitmache.
In unserer Altersgruppe ist die häufigste Krebsart Hodenkrebs. Zwischen 15 und 40 Jahren ist das Risiko, an Hodenkrebs zu erkranken, am größten. Das wusste ich nicht, weil ich keine Männer mit Hodenkrebs kannte. Das ist, glaube ich, ein Tabuthema. Das fand ich erschreckend. Darauf will ich aufmerksam machen. Für psychische Probleme gilt das gleiche. Unter einigen Männern gilt es als unsexy und verweichlicht, über Gefühle zu reden. Das habe ich davor schon für fragwürdig gehalten und jetzt, im zweiten „Teil-Lockdown“ und den damit verbundenen Selbstisolationen, umso mehr.

Vorher, nachher: Moritz Hüttner trägt eigentlich Bart, jedes Jahr am 1. November rasiert er sich ihn ab. Danach lässt er sich einen Schnurrbart wachsen. Foto: privat

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Vorher, nachher: Moritz Hüttner trägt eigentlich Bart, jedes Jahr am 1. November rasiert er sich ihn ab. Danach lässt er sich einen Schnurrbart wachsen. Foto: privat

BT: Wie viel Geld hast Du seither für den guten Zweck gesammelt? An wen gehen die Spendenerlöse?
Hüttner: Seit 2016 habe ich 1.793 Euro an Spenden gesammelt, aktuell sind es 265 Euro (zum Zeitpunkt des Interviews, Anm. d. Red.). Ich versuche immer, den Vorjahreswert zu toppen. 2019 waren es 530 Euro. Deshalb ist mein Spendenziel in diesem Jahr 550 Euro.
Die „Movember“-Stiftung setzt sich dafür ein, dass medizinische Experten auf der ganzen Welt zusammenkommen und zusammen Prostatakrebs, Hodenkrebs und die psychische Gesundheit erforschen. Das Geld geht direkt an die Stiftung, wird aber virtuell dem jeweiligen „Mo-Bro“ (Zusammengesetzt aus „Movember“ und dem englischen Wort für Bruder, Anm. d. Red.) zugerechnet. Davon habe ich keinen finanziellen Mehrwert und ich hoffe, dass ich auch nie die Expertise brauche, die mit den Spenden unterstützt wird.

BT: Konntest Du andere durch dein Engagement, das Du auch auf deinen Social-Media-Kanälen zeigst, überzeugen es dir gleichzutun?
Hüttner: Definitiv. Wir haben vor fünf Jahren mit vier, fünf Mann angefangen, dieses Jahr sind wir acht Leute im Team, vier sind Neulinge, vier haben bereits mitgemacht. So viele waren wir noch nie. Die meisten habe ich direkt angesprochen. Es gab auch interessante Begegnungen wie diese: 2016 oder 2017 sitze ich in der Cafeteria der Uni-Bib in Freiburg, ohne Maske, als mich ein Typ anspricht: „Ey, geiler Oberlippenbart!“ Wir sind darüber ins Gespräch gekommen und er hat sich erkundigt, ob ich bei „Movember“ mitmache und mir dann einen Zehner zugesteckt. Es gab diesmal aber auch ein paar Spender, die das jetzt fünf Jahre auf Facebook, Instagram oder in meinem Whatsapp-Status beobachtet haben und mir dann gesagt haben: „Ok krass, Du ziehst das jetzt schon so lange durch, das finde ich gut, da spende ich was.“
Generell wird man in der Öffentlichkeit, wenn man pandemiebedingt nicht gerade überall Maske tragen müsste, schon angeguckt, wenn man Schnurrbart trägt. Das kann aber auch an meiner Körpergröße (er ist 2 Meter groß, Anm. d. Red.) liegen (lacht).

Wenn die Pandemie überstanden ist, wünscht sich Hüttner, ein „Shave-Down-Event“, also ein gemeinsames Rasieren. „Das Umfeld und man selbst ist dann immer davon irritiert, wie man glatt rasiert aussieht, wenn man ansonsten immer Bartstoppeln im Gesicht hat.

Ich werde in den nächsten Jahren auf jeden Fall weitermachen, es ist immer die einzige Gelegenheit, einen Oberlippenbart zu tragen. Ich persönlich finde ihn ganz cool, mein Umfeld eher weniger. Fotos, Videos und Spendenaufrufe auf Social Media zu teilen ist für mich immer eine klitzekleine Hürde, aber vor dem 1. November kribbelt es dann doch jedes Mal vor Vorfreude.“

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht. In der vergangenen Woche hat Marvin Lauser den Autor und Journalisten Martin Benninghoff interviewt.


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