„Sie verstecken Juden bei sich!“

Kuppenheim (mak) – Die Kuppenheimerin Eva Mohrlok hatte in den 1930-er Jahren ein jüdisches Kindermädchen. Im Zeitzeugengespräch mit Heinz Wolf vom AK Stolpersteine blickt sie zurück.

Eva Mohrlok blickt im Gespräch mit Heinz Wolf auf die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in Kuppenheim zurück. Foto: Markus Koch

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Eva Mohrlok blickt im Gespräch mit Heinz Wolf auf die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in Kuppenheim zurück. Foto: Markus Koch

Von Markus Koch

Eigene Erinnerungen an ihr jüdisches Kindermädchen Ilse Schlorch hat Eva Mohrlok nicht. Doch die 84-jährige Kuppenheimerin weiß noch ganz genau, was ihre Mutter Emma Finkbeiner einst über die junge Frau berichtet hat. Im Zeitzeugen-gespräch mit Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine blickt sie zurück auf gute nachbarschaftliche Beziehungen zu den jüdischen Mitbürgern. Der Metzgermeister Friedrich Finkbeiner zog Mitte der 1930er Jahre gemeinsam mit seiner Frau Emma von Baden-Baden nach Kuppenheim, wo er in der Friedrichstraße ein Geschäft eröffnete. Im Oktober 1936 erblickte Eva Finkbeiner das Licht der Welt, zwei Jahre später kam ihre Schwester Christa zur Welt, im Januar 1940 Hannelore Finkbeiner. Eines Tages, es muss im Jahr 1939 oder 1940 gewesen sein, sei Ilse Schlorch (Jahrgang 1921) zu ihrer Mutter gekommen. Sie war die Tochter von Rosa und Semi Schlorch, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Eisenwarenhandlung betrieben hatte. Sie habe ein Pflichtjahr machen müssen, jedoch keine Stelle gefunden: „Mich nimmt niemand, weil ich eine Jüdin bin“, habe Ilse Schlorch damals zu ihrer Mutter gesagt. Es sei zwar bereits ein Kindermädchen im Haushalt gewesen, ihre Mutter habe die 19-Jährige dennoch eingestellt. Im Jahr 1938 hatten die Nationalsozialisten ein Pflichtjahr für alle Frauen unter 25 Jahren eingeführt, das in der Land- oder Hauswirtschaft abzuleisten war. Ohne Nachweis dieses Pflichtjahrs war keine Ausbildung möglich. Das Miteinander mit den jüdischen Nachbarn sei gut gewesen, berichtet Eva Mohrlok von den Erzählungen ihrer Mutter. Der jüdische Metzger Lehmann, der nur ein paar Häuser weiter sein Geschäft hatte, habe sich gut mit ihrem Vater verstanden. Zu den Spezialitäten von Friedrich Finkbeiner zählte geräucherter Rinderschinken, der bei jüdischen Kunden sehr beliebt gewesen sei, erzählt die 84-Jährige im Zeitzeugengespräch.Am Morgen des 22. Oktober 1940, an jenem Tag also, an dem die noch verbliebenen jüdischen Bürger in Baden und der Pfalz in das Lager Gurs in den Pyrenäen deportiert wurden, sei Ilse Schlorch mit einer schweren Grippe zu ihrer Mutter gekommen, ihren Bruder Günther an der Hand. Die Mutter habe der jungen Frau gesagt, dass sie sich in ein freies Gästebett legen soll.

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