Partnerschaft beweist sich in der Corona-Krise

Rastatt (as) – „Wahre Freundschaft beweist sich in der Not“, unterstreicht Ötigheims Bürgermeister Frank Kiefer zum Welttage der Städtepartnerschaften Ende April. So gibt es in Mittelbaden in der Corona-Krise einen regen Austausch zwischen den Kommunen, die Europa- und weltweit seit vielen Jahren verbandelt sind. Und nicht nur das: Besonders für die betroffene italienische Partnerregion Pesaro und Urbino sind diverse Spendenaktionen initiiert worden.

„Ritorna a Fano“, das Lied von der Wiederkehr, hier gesungen von einer Rastatter Reisegruppe unter der Leitung von Paolo Carosa für die italienischen Freunde, trällert wohl jetzt manch einer für sich daheim. Foto: Archiv/Elisa Walker

© pr

„Ritorna a Fano“, das Lied von der Wiederkehr, hier gesungen von einer Rastatter Reisegruppe unter der Leitung von Paolo Carosa für die italienischen Freunde, trällert wohl jetzt manch einer für sich daheim. Foto: Archiv/Elisa Walker

Von Anja Groß

Manche bezeichnen sie als „größte Friedensbewegung der Welt“: Städtepartnerschaften, denen sogar ein eher unbekannter eigener Welttag Ende April gewidmet ist. Die Initiative aus den Gemeinden heraus entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Ziel war zunächst die Aussöhnung der ehemaligen Kriegsgegner. Auch die Kommunen in Mittelbaden pflegen vielfältige Städtepartnerschaften vor allem in Europa, teilweise auch weltweit – und das oft seit Jahrzehnten. So sorgen sich in der derzeitigen weltweiten Corona-Pandemie viele Kommunen deshalb auch um Freunde in den Partnerstädten. Vor allem die besonders stark betroffene italienische Partnerregion Pesaro und Urbino wird mit Spenden aus Mittelbaden auch finanziell unterstützt (siehe „Zum Thema“).
„Wahre Freundschaft beweist sich in der Not“, stellt Ötigheims Bürgermeister Frank Kiefer fest. Deshalb freut er sich besonders über die „tolle Solidarität“, mit der die vor Ostern gestartete Spendenaktion für die besonders stark von der Corona-Pandemie betroffene italienische Partnergemeinde Gabicce Mare angenommen wurde: 6000 Euro konnten bereits überwiesen werden, weitere 2000 Euro sollen noch vor dem 1. Mai per Blitzüberweisung nach Italien gehen. Dass das Geld von zahlreichen Bürgern kam, zeige ihm die breite „gelebte Solidarität“.

Das touristisch geprägte Gabicce Mare (rund 5700 Einwohner) an der Adriaküste benötige diese Hilfe dringend, weiß Kiefer aus Telefonaten und Videokonferenzen mit seinem italienischen Amtskollegen: Schon vor der Corona-Krise hätten sich viele nur mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, das falle nun alles weg.

Man fühlt sich „wie im Krieg“


Das soziale Netz sei bei Weitem nicht so gut wie in Deutschland. Deshalb gebe die Gemeinde mittlerweile Lebensmittelgutscheine an bedürftige Familien aus – „wie im Krieg“, habe ihm sein Kollege Domenico Pascuzzi gesagt, berichtet Kiefer. Und aufgrund der weiter bestehenden Ausgangsbeschränkungen rechne man mit steigenden Fallzahlen, da wegen der ausbleibenden Touristen damit zu rechnen sei, dass viele Jobs dauerhaft wegfallen. Für ihn und den Vorsitzenden des Partnerschaftskomitees, Siegfried Kühn, sei es daher keine Frage gewesen, zu helfen.

Dass es zumindest dieses Jahr aufgrund von Reise- und Kontaktbeschränkungen auf absehbare Zeit wohl keine persönlichen Begegnungen geben wird, damit haben sich viele der Partnerschaftsverantwortlichen, bei denen sich das Badische Tagblatt umgehört hat, schon abgefunden. Doch bei allem Verständnis ist das Bedauern darüber dennoch groß. Denn Freundschaft zwischen den Völkern werde in persönlichen Begegnungen konkret, schreibt die deutsche Sektion des Rates der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE), den es seit 1955 gibt und der auch den Welttag der Partnerstädte ins Leben gerufen hat.

Das kann Partnerschaftssekretärin Andrea Bruder aus Durmersheim nur unterstreichen, die im regen Kontakt mit lieb gewordenen Freunden in der französischen Partnergemeinde Chennevières (rund 18300 Einwohner), etwa 25 Kilometer von Paris entfernt, steht. „Alle leiden sehr unter der strengen Ausgangssperre, die sehr stark kontrolliert wird“, erzählt Bruder. Der seit 1975 gewachsenen Freundschaft werde das aber keinen Abbruch tun, ist sie sicher. Eine Besonderheit dabei: Die Besucher leben in der Regel in den Gastfamilien, „da lernt man sich ganz anders kennen“, schwärmt Andrea Bruder.

Seit 1988 ist Durmersheim im Zuge einer Dreier-Partnerschaft auch mit dem Badeort Littlehampton (rund 27800 Einwohner) in Südengland verbandelt. Wenig Informationen hat derzeit der zuständige Partnerschaftssekretär Hubert Ganz aus West Sussex. „Das Leben ist sehr viel eingeschränkter als bei uns“, nur so viel ist bekannt. In der Littlehampton Gazette hat er gelesen, dass immer Donnerstagabends für die Alltagshelden aus allen Bereichen geklatscht wird.

Überall Kontaktverbote und Schließungen


Gleich fünf Partner- und eine Patenschaft in aller Welt pflegt die Stadt Rastatt. Die Corona-Nachrichten von dort sind sehr unterschiedlich, auch wenn sich in puncto Schutzmaßnahmen vieles ähnelt, berichten Evelyne Kientz und Heike Mast, bei der Stadt zuständig für die Partnerschaften.

In der südbrasilianischen Patenstadt Entre Rios lebe man ziemlich abgeschottet. Kulturbeauftragte Viviane Schüssler schreibt nach Rastatt: „Zurzeit ist es bei uns in Entre Rios noch sehr ruhig, es gibt bis jetzt einen einzigen Fall.“ Es gelte für die gesamte Bevölkerung Schutzmaskenpflicht und Kontaktverbot. Wirtschaftlich hätten die vielen kleineren Geschäfte und Betriebe in der Stadt und der Region schon jetzt zu kämpfen. Staatliche Unterstützung gebe es kaum. „Unsere Genossenschaft Agraria dagegen ist als systemrelevantes Unternehmen ohne Unterbrechung weiter in Betrieb und muss auch nicht auf Kurzarbeit oder Homeoffice zurückgreifen. Trotzdem ist die Unsicherheit über das, was die nächsten Tage und Wochen bringen wird, sehr groß“, berichtet Schüssler. Wie Peter Kilduff aus dem amerikanischen New Britain informiert, sind die Sicherheitsvorkehrungen/Kontaktbeschränkungen dort sehr ähnlich zu denen in Deutschland. Schulen sollten ab 20. Mai stufenweise wieder öffnen, das Rathaus ist für Publikum geschlossen. Gottesdienste werden live gestreamt, Essen to go wird angeboten. Die Corona-Fallzahlen in der 73000-Einwohner-Stadt zwischen New-York und Boston seien laut Kilduff als „relativ gering“ einzuschätzen, Mitte April wurden 37 Corona-Patienten im Krankenhaus behandelt.

Keine Fallzahlen sind aus der britischen Partnerstadt Woking (100000 Einwohner) bekannt, die rund 40 Kilometer südwestlich von London liegt. Pauline Jackson aus dem Rathaus betont, dass die Stadt sehr darum bemüht sei, die Bedürftigen, Obdachlosen und Älteren zu unterstützen.

In Orange (30000 Einwohner), seit 1965 mit Rastatt verbandelt und damit die älteste Partnerstadt, herrscht wie in ganz Frankreich seit Mitte März eine strenge Ausgangssperre. Gleichwohl: „In Südfrankreich ist die Corona-Lage nicht vergleichbar mit der Lage im Elsass“, berichtet Evelyn Kientz. Im gesamten Département Provence Alpes Côtes d’Azur würden zurzeit rund 60 Personen im Krankenhaus behandelt.

In der tschechischen Partnerstadt Ostrov (17000 Einwohner) bei Karlsbad gibt es sechs Infizierte und noch keine Todesfälle. Montag durften einige Geschäfte bis 200 Quadratmeter wieder öffnen, berichten die dortigen Ansprechpartner aus der Partnerstadt. Schulen und Kindergarten seien geschlossen, das Tragen von Schutzmasken ist Pflicht. Die Lage in Ostrov sei derzeit noch relativ „stabil“ im Vergleich zu den Orten an der Grenze zu Bayern.

Italienische Partner besonders betroffen

Besonders stark betroffen ist hingegen Rastatts italienische Partnerstadt Fano (das BT berichtete). Aus der Küstenstadt mit 61000 Einwohnern trudelte am 8. April erstmals die Nachricht ein, dass die Zahl der Infizierten leicht zurückging. „Aufgrund von Corona haben sie leider auch viele Ärzte verloren“, berichtet Heike Mast. Um den italienischen Freunden zu helfen, hat sich die Stadt Rastatt an der Spendenaktion des deutsch-italienischen Freundeskreises zugunsten eines Krankenhauses in der dortigen Region beteiligt, in dem Corona-Patienten behandelt werden. Wie Mast weiter erfahren hat, sind ab 4. Mai erste Lockerungen geplant. Das verarbeitende Gewerbe und das Baugewerbe sowie einige gewerbliche Einrichtungen dürfen wieder öffnen. Restaurants dürfen auch unter strengen Auflagen und mit der Hälfte der Sitzplätze wieder öffnen. Die Regionen dürfen von den Bewohnern aber grundsätzlich nicht verlassen werden, Schulen bleiben bis 1. September geschlossen.

Auch in Bietigheim sorgt man sich um die Partnergemeinden, mit denen das Partnerschaftskomitee in ständiger Verbindung stehe, wie Sina Becker berichtet. Kathi Pfeifer habe Anfang April aus der ungarischen Partnergemeinde Kaposszekcsö (rund 1555 Einwohner) in der Nähe des Plattensees geschrieben: „Wir haben das Haus seit einer Woche nicht verlassen. Der Befehl ist, dass die älteren Leute zu Hause bleiben sollen. Für Leute, die über 70 sind, wird eingekauft. Die Leute, die über 65 sind, können in der Zeit von 9 bis 12 Uhr Lebensmittel, Apotheke und Post aufsuchen, In dieser Zeit dürfen sich die jungen Leute nicht in der Öffentlichkeit aufhalten. Alle öffentlichen Versammlungen sind verboten.“ In Kaposszekcsö habe es zu diesem Zeitpunkt noch keine Erkrankungen gegeben.

Ungleich dramatischer schildere Veronika Klahr die Situation im italienischen Saltara (6952 Einwohner). Nach den letzten Zahlen liege die Provinz Pesaro und Urbino landesweit an sechster Stelle, was das Verhältnis Infektion/Bevölkerung angeht. Es seien aber nur 40 Intensivbetten vorhanden. „Es mangelt an geprüftem Schutzmaterial für Ärzte, Pflegepersonal und Zivilschutz“, berichtet Klahr. Im Altersheim seien einige Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet worden. Das Bietigheimer Partnerschaftskomitee hat daraufhin ebenfalls eine Spendenaktion gestartet. Die Jakob-Kölmel-Stiftung stellte 5000 Euro Soforthilfe für medizinische und soziale Zwecke zur Verfügung.

Steinmauerns Bürgermeister Siegfried Schaaf steht ebenfalls in regelmäßigem Kontakt mit der Partnergemeinde Steinmaur (3169 Einwohner) in der Schweiz. Gemeindepräsident Andreas Schellenberg habe ihm berichtet, dass auch dort alles geschlossen sei. Bei den in der Schweiz sehr hohen Fallzahlen sei es oberste Priorität, eine Überlastung der Krankenhäuser mit schweren Fällen von Coronavirus-Erkankungen zu verhindern.

Schon der intensive Kontakt in der Krisenzeit beweist, dass die Städtepartnerschaften einen gewünschten Zweck offensichtlich erfüllen: Es sind wahre Freundschaften entstanden. Bereits jetzt sieht Frank Kiefer die Städtepartnerschaften, die manche schon als „überholt“ abschreiben wollten, durch die Corona-Krise sogar gestärkt. Das vom RGRE gewünschte Zusammengehörigkeitsgefühl beweise sich, findet er. „Wir zeigen, dass wir nicht nur zusammen feiern können“, stellt Kiefer bei sich selbst eine neue Motivation für die Partnerschaftsidee fest.

Hilfsaktionen für Italien

Drei Spendenaktionen für die italienische Partnerregion Pesaro und Urbino beziehungsweise die Partnergemeinden laufen derzeit: Der deutsch-italienische Freundeskreis Gaggenau sammelt unter dem Stichwort „Hilfe für unsere italienischen Freunde“ auf das Konto IBAN: DE22 6625 0030 0050 0379 93, BIC: SOLADES1BAD für die Partnerregion. Das Geld kommt dem Aufbau medizinischer Infrastruktur zugute.

Das Partnerschaftskomitee Bietigheim sammelt ebenfalls Spenden, um den Aufbau von medizinischer Infrastruktur und Anschaffung von Schutzausrüstung zu unterstützen, Stichwort „Hilfe an Saltara“, Konto IBAN: DE 22 6656 2053 0001 0047 00, BIC: GENODE61DUR.

In Ötigheim werden Spenden für Gabicce Mare gesammelt. Das Geld ist zweckgebunden für Lebensmittelgutscheine gedacht. Spendenkonto bei der VR-Bank: IBAN: DE 78 6656 2300 0001 0154 51.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.