Kuppenheim: Gedenken an Reichspogromnacht

Kuppenheim (red) – Um das Gedenken an die jüdischen Mitbürger wachzuhalten: Der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim erinnert mit einem Text von AK-Sprecher Heinz Wolf an die an Reichspogromnacht.

Unter anderem vor dem Haus Murgtalstraße 2 erinnern sechs Stolpersteine an Kuppenheimer Opfer des Naziregimes. Foto: Frank Vetter/Archiv

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Unter anderem vor dem Haus Murgtalstraße 2 erinnern sechs Stolpersteine an Kuppenheimer Opfer des Naziregimes. Foto: Frank Vetter/Archiv

Der Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim will das Gedenken an die jüdischen Mitbürger der Stadt wachhalten. AK-Sprecher Heinz Wolf hat einen Beitrag über die Reichspogromnacht verfasst, bei der am 9. November 1938 im ganzen Deutschen Reich Synagogen und jüdische Geschäfte zerstört wurden. In der Knöpflestadt brannte die Synagoge einen Tag später, am 10. November.

Es geschah vor aller Augen, mitten am Nachmittag: 60 bis 70 SA-Männer aus Gaggenau kamen im Lastwagen nach Kuppenheim und wurden vor dem Gasthaus „Sonne“ abgeladen. Zum Gaggenauer SA-Sturm 3/111 zählten auch 20 bis 30 Kuppenheimer, die aber nur vereinzelt in ihrer Heimatstadt beim Pogrom mitgewirkt haben. Das Einsatzkommando durchsuchte jüdische Wohn- und Geschäftshäuser nach Waffen und Munition, wie Oskar Stiefvater im Heimatbuch des Landkreises von 1965 beschrieb. Es wurden Fußbodendielen herausgerissen (vermutlich auf der Suche nach Geld und Wertgegenständen), Spiegel zerschlagen und Wäsche aus den Fenstern geworfen. „Dabei wandten sie nach Aussagen mehrerer Zeugen auch körperliche Gewalt an, so wurde die alte Jüdin Dreyfuß gestoßen und getreten. Schränke wurden über die Tische gestürzt, Stuhlbeine zersplitterten an den Türen, die Scherben der Glasvitrinen und des Geschirrs bedeckten den Boden. Kleinmöbel flog mit den Fensterscheiben auf die Straße.“

Dann brannte die Kuppenheimer Synagoge lichterloh. Nach den Aktionen in den jüdischen Wohnhäusern marschierten die SA-Leute zum jüdischen Friedhof und zündeten den Einsegnungsraum an, rissen Dutzende Grabplatten aus ihren Verankerungen und schlugen sie auf den Boden, bis sie zersprangen. Auch die Namenstafel auf dem Gedenkstein für die jüdischen Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg wurde zerstört. Wenn man bedenkt, dass die Juden ein Grab als Stätte der ewigen Ruhe betrachten, das nicht aufgelöst werden darf, war dieses Vorgehen besonders verletzend.

Der Gedenkstein für die gefallenen jüdischen Soldaten wurde 1938 geschändet. Josef Kahn, 1933 ausgewandert nach Chile, stiftete 1956 eine neue Platte. Foto: Heinz Wolf/AK Stolpersteine

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Der Gedenkstein für die gefallenen jüdischen Soldaten wurde 1938 geschändet. Josef Kahn, 1933 ausgewandert nach Chile, stiftete 1956 eine neue Platte. Foto: Heinz Wolf/AK Stolpersteine

Einen Tag nach der Pogromnacht wurden in Kuppenheim sechs Juden verhaftet. Sie kamen mit einigen Hundert anderen mit dem Zug ins Konzentrationslager Dachau. Etwa 50 Juden wurden dabei in Viehwaggons hineingetrieben und saßen zusammengepfercht auf dem Boden, ohne genügend Luft zu kriegen und ohne trinken zu können. Aus Kuppenheim wurden deportiert: Hermann Heinrich Dreyfuß, Berthold Herz, Semi Schlorch, Hermann Kahn, Max Dreyfuß und Heinrich Hermann Valfer.

Der Karlsruher Ludwig Marx berichtet in seinem 1963 erschienen Buch „Finstere Erinnerungen zur steten Mahnung an die Toleranz“ über die Zustände in Dachau. Dort angekommen, „stürmten SS-Posten in den Zug, begrüßten die Ankömmlinge mit üblen Beschimpfungen, Fußtritten und Schlägen mit ihren Gewehrkolben und Fäusten.

Nach stundenlangem Anstehen zum Einkleiden wurden wir (jeweils 300 Mann) hungrig und durstig in Unterkünfte hineingetrieben, die etwa 40 Menschen beherbergen sollten. In diesen leeren Baracken mussten wir auf dem Boden sitzen, jeder den Vordermann zwischen den Beinen, sodass man sich nicht hinlegen konnte. Und wir hatten schrecklichen Durst, aber während der Nacht durften wir die Baracke nicht verlassen, sonst wären wir erschossen worden.“

In Dachau wurde den Gefangenen der Kopf kahl geschoren, sie wurden in Häftlingskleidung gesteckt und sie mussten bei Kälte stundenlang auf dem Exerzierplatz stehen und waren der Willkür der SS-Wachmannschaften ausgeliefert. Mindestens 40 der etwa 2.000 Häftlinge aus Baden und Württemberg fanden den Tod. Einige starben an Entbehrungen und Misshandlungen, andere wurden aus ungeklärten Gründen erschossen.

Nach etwa vier Wochen wurden die Kuppenheimer Häftlinge aus Dachau entlassen, weil sie den NS-Leuten versicherten, dass sie in kurzer Zeit auswandern würden. Fast einen ganzen Tag dauerte das Entlassungsverfahren. Jeder musste eine Erklärung unterschreiben, dass er das Lager bei voller Gesundheit verlasse und keine Ansprüche an das Deutsche Reich stelle.

In vier Tagen etwa 800 Juden ermordet

Den Häftlingen wurden die eigenen Kleider und Habseligkeiten ausgehändigt, dann mussten sie zum letzten Mal in Reih und Glied antreten. Dabei belehrte ein SS-Offizier die Männer: „Ich würde Euch raten, Deutschland so schnell als möglich zu verlassen. Ihr wisst, wir können Euch nicht ausstehen, also hinaus mit Euch, so schnell ihr könnt! Aber eines will ich Euch sagen: Was Ihr hier gesehen habt, müsst ihr verschweigen, sonst holen wir Euch wieder, und dann kommt Ihr nie mehr aus Dachau heraus.“

Die Bilanz: In vier Tagen wurden etwa 800 Juden ermordet, 400 davon in der Pogromnacht. Mehr als 1.400 Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume wurden zerstört, Tausende Geschäfte und Wohnungen demoliert, jüdische Friedhöfe geschändet.

Jeder jüdische Bürger mit mehr als 5.000 Reichsmark Vermögen musste in fünf Quartalen 25 Prozent als „Judenvermögensabgabe“ an den Staat abgeben. Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages haben berechnet, dass die sogenannte „Judenvermögensabgabe“ rund 1,13 Milliarden Reichsmark betrug, die vorwiegend 1938 und 1939 zu zahlen war. Nach heutiger Kaufkraft sind das etwa fünf Milliarden Euro.

Nicht eingerechnet hierbei sind die Kosten für Schäden an den Geschäften und Wohnhäusern, die die Juden darüber hinaus selbst aufbringen mussten. Auch die beschlagnahmten Wertgegenstände wie Gemälde, Schmuck, Uhren und so weiter sind hierbei nicht berücksichtigt.

Das Novemberpogrom hatte nicht nur für die einzelnen Betroffenen eine verheerende Wirkung. Auch für viele jüdischen Gemeinden hatte der Staatsterror die Insolvenz zur Folge. Auch die jüdische Gemeinde Kuppenheim war nicht mehr zahlungsfähig.

Mehr Informationen zum Arbeitskreis Stolpersteine Kuppenheim finden Sie hier.

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Erstellt:
9. November 2020, 15:55 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 40sec

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