Kunstkrimi bis heute nicht geklärt

Rastatt (red) – Nach Kriegsende stehlen Besatzer in Schloss Favorite sogenannte „Kostümbilder“. Die Beute taucht im Anschluss teilweise wieder auf.

Sibylla Augusta und einer ihrer Söhne als Harlekine. 72 dieser Maskenbilder gab es einst. Foto: Schlösser u. Gärten

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Sibylla Augusta und einer ihrer Söhne als Harlekine. 72 dieser Maskenbilder gab es einst. Foto: Schlösser u. Gärten

Vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Rastatt mit seinen Schlössern blieb zwar weitgehend unzerstört – aber dennoch musste Schloss Favorite Verluste hinnehmen. Von den rund 70 einzigartigen Kostümbildern, die die markgräfliche Familie in unterschiedlichen Maskeraden zeigten, fehlten am Ende viele. Ein Diebstahl fand wohl bereits am 18. April statt – wenige Tage, nachdem Rastatt von französischen Truppen eingenommen worden war.

Einst hingen 72 der berühmten „Kostümbilder“ im Spiegelkabinett von Schloss Favorite. Heute sind es beträchtlich weniger – eine Folge der Wirren am Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein Aktenvermerk nennt den 18. April 1945 als möglichen Termin für den Diebstahl. In dem Dokument geht es vor allem darum, dass bei einer Führung im Juni eine Gruppe von Menschen – zum Teil in amerikanischen Militäruniformen – Schloss Favorite besuchten. „Nach dem Betreten des Schlosses zerstreuten sich die Besucher einzeln und in Gruppen; eine geordnete Führung war unmöglich; überall wurden Schränke und Schubladen nach Belieben geöffnet.“

Es bleibt nicht beim Anfassen

Der damalige Führer der Gruppe, Archivrat Dr. H. D. Siebert, war chancenlos, und man merkt dem Bericht in der Akte das Entsetzen bis heute an, heißt es in einer Pressemitteilung der Staatlichen Schlösser und Gärten. Denn es blieb nicht beim Anfassen, manche der Besucher packten auch Gegenstände ein und nahmen sie mit – obwohl sie aufgefordert wurden, die Dinge im Schloss zu lassen.

In diesem Vermerk wird nun ein Diebstahl weiterer Stücke erwähnt, der schon am 18. April 1945 stattfand. Damals könnten die Kostümbilder entwendet worden sein. Einige der kleinformatigen Darstellungen, ursprünglich ein Teil der Wanddekoration des Spiegelkabinetts, waren in den 1930er Jahren im zweiten Obergeschoss aufgehängt worden. Aus dieser Zeit stammt eine präzise Fotodokumentation, die zeigt, wo sie hingen.

In Rastatt waren die französischen Truppen bereits am 13. April eingezogen. Residenz- und Lustschloss waren weitgehend ohne Schaden durch den Krieg gekommen. Dennoch herrschte wohl eine ganze Zeit lang nun eine Situation der Verwirrung und der Rechtlosigkeit. Die unmittelbare Folge: Von den 72 Miniaturgemälden, die die markgräfliche Familie in Verkleidungen zeigen, war nach Kriegsende gut ein Drittel verloren.

Zehn Gemälde tauchen in New York auf

Im Jahr 2000 tauchten nun gleich zehn der verschwundenen Gemälde in New York auf: ein wahrer Krimi der Kunstszene! Das Auktionshaus Sotheby’s hatte die Bilder als „German School, 18th Century, Courties in Costume“ im Katalog und tippte auf den Hof von König Friedrich I. von Preußen als Herkunft. Als die Identifikation durch die Fachleute der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg klar war, nahm das berühmte Auktionshaus die Stücke aus der Versteigerung – wenige Stunden vor dem Beginn des Verkaufs. Der Kunsthändler, der sie eingereicht hatte, hatte sie selbst gerade erst bei einer französischen Auktion gekauft. Und das Land Baden-Württemberg hatte nun die Gelegenheit, die raren Stücke für Schloss Favorite zurückzukaufen.

Zur Zeit des Barock liebte man Maskenbälle – davon zeugen auch diese Kostümbilder. Die kleinformatigen, feinen Gemälde präsentieren Markgräfin Sibylla Augusta, ihren Ehemann Ludwig Wilhelm und einen jungen Prinzen in Verkleidungen. Die reich geschmückten Kostüme verraten viele Details: fein gemusterte Stoffe, Perlen- oder Steinbesatz. Beeindruckend ist die Vielfalt der Maskeraden: Sibylla Augusta tritt auf als Schäferin, als Bacchantin oder Jagdgöttin Diana, als Ungarin, Magierin oder Verkörperung des Winters. Nationaltrachten, Berufe und mythologische Verkleidungen sind darunter. Im Schloss erhalten sind heute wieder 56. Einige Kostümbilder, die auf den historischen Fotos zu sehen sind, sind jedoch nach wie vor verschollen.

Beweis für Beliebtheit von Kostümfesten

Markgraf Ludwig Wilhelm tritt in den Kostümbildern zum Beispiel als merkwürdig gekleideter „Afrikaner“ auf oder – passend zu seinem Beinamen „Türkenlouis“ – in osmanischer Kleidung. Von einigen Maskeraden gibt es weibliche Entsprechungen. Der Prinz posiert als kleiner Jäger, Mohr oder Harlekin. Vermutlich war es Ludwig Ivenet, der die Gouachen auf Pergament malte. Dies geschah wohl noch zu Lebzeiten Ludwig Wilhelms (1655–1707) und damit vor dem Bau von Schloss Favorite. Ein Großteil der Bilderrahmen ist mit Lackdekor bemalt. Die Bilder beweisen, dass man Kostümfeste auch am Hof der Markgrafen von Baden-Baden sehr liebte. Zumindest ein Teil der Kostüme muss wirklich existiert haben – ein Mantel aus Ludwig Wilhelms Perserkostüm lässt sich identifizieren als ein Beutestück aus den Türkenkriegen.

Schloss Favorite ist derzeit wie alle Objekte der Schlösser und Gärten wegen der Corona-Krise geschlossen.

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Erstellt:
18. April 2020, 17:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 16sec

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