Barocke Lust an der kunstvollen Täuschung

Rastatt (red) – Sogenannte Schaugerichte aus Keramik gehören zu den Höhepunkten der markgräflichen Sammlung in Schloss Favorite

Die Fuge zwischen Gefäß und Deckel ist bei dieser Terrine in Form eines Keilerkopfs nur zu erahnen. Foto: Lutz/LMZ

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Die Fuge zwischen Gefäß und Deckel ist bei dieser Terrine in Form eines Keilerkopfs nur zu erahnen. Foto: Lutz/LMZ

Gefäße in Form von Tieren, Früchten und Gemüsen gehören zu den Höhepunkten eines zurzeit leider nicht möglichen Rundgangs durch die markgräfliche Keramiksammlung im Porzellanschloss Favorite. Diese sogenannten Schaugerichte stammen aus der Produktion der Straßburger Manufaktur der Familie Hannong. Am 24. April 1739, heute vor 281 Jahren, starb Karl-Franz Hannong im Alter von 70 Jahren. Der niederländisch-französische Keramiker und Unternehmer gründete die Fayence-Manufaktur, die viel Erfolg haben sollte.
Die in Straßburg produzierte Fayence – so nennt man Keramik mit deckender, zinnoxidhaltiger Glasur in kräftigen Farben – erfreute sich rasch großer Beliebtheit. Die berühmten Schaugerichte im Schloss Favorite Rastatt stellte die Manufaktur unter der Leitung Paul Hannongs, dem Sohn von Karl-Franz, in den Jahren 1748 bis 1753 her. Täuschend echt sehen die keramischen Kunstwerke aus und sie bedienten die barocke Lust an der kunstvollen Täuschung. Enten und andere Wildvögel, ein Keilerkopf, eine Schildkröte, Kohlköpfe, Zitronen, Spargel: Kaum sichtbar verläuft die Fuge zwischen Gefäß und Deckel und folgt den natürlichen Linien des Gegenstands. Auch wenn man die Schaugerichte durchaus benutzen kann: Wahrscheinlich waren die keramischen Meisterwerke mit ihrer naturalistischen Bemalung kaum je als Geschirr im Einsatz. Sie waren kostbare Sammelstücke und repräsentative Dekoration – eher keramische Skulpturen als Tafelware. Markgraf Ludwig Georg, der jagdbegeisterte „Jägerlouis“ und Sohn von Markgräfin Sibylla Augusta, hatte sie in der Fayence-Manufaktur Straßburg erworben.

Herstellung von echtem Porzellan war ein Geheimnis

Karl-Franz Hannong wurde 1669 im niederländischen Maastricht geboren. In Köln, wo er einige Jahre lebte, heiratete er Anne Nicke, Tochter eines Pfeifenherstellers. Über die Zwischenstation Mainz ging es 1709 endgültig nach Straßburg. 1721 gründete er mit dem Porzellanmaler Johann Heinrich Wachenfeld die Fayence-Manufaktur Compagnie Strasbourg-Haguenau in Straßburg, die bis 1784 von Mitgliedern der Familie geleitet wurde, über drei Generationen.

Wachenfeld hatte bereits 1719 eine Fayencen-Manufaktur, mit der Unterstützung der Stadt Straßburg, eröffnet. Er hatte angegeben im Besitz des sogenannten Arkanums, dem Wissen, wie man echtes Porzellan herstellen kann, zu sein. Mit diesem Unternehmen war ihm allerdings kein Erfolg beschieden, da er Probleme mit dem Brand hatte. Aus diesem Grund schloss er sich am 18. August 1721 mit Karl-Franz Hannong zusammen, und gemeinsam führten sie die Fayencen-Manufaktur zum Erfolg. Wachenfeld verließ 1723 Straßburg und ging nach Durlach, wo er eine eigene Fabrik eröffnete. Hannong arbeitete nun mit vier Gesellen, pachtete bald darauf von der Stadt die Glasurmühle und gründete 1724 eine weitere Fayence-Manufaktur in Haguenau, die er zusammen mit der Straßburger Niederlassung 1730 an seine Söhne übergab. 1732 zog er sich endgültig aus dem Geschäftsleben zurück.

Fayencen sind Keramiken aus Ton mit zinnoxidhaltiger Glasur. Lange bevor man in Europa Porzellan herstellen konnte, imitierte man durch die weiß glasierten Fayencen mit blauem Dekor das chinesische Porzellan. Während der Renaissance erfanden Kunsthandwerker in Spanien und Italien eine eigene Art der Keramikglasur; nach ihrem Haupthandelsort, der Baleareninsel Mallorca, erhielt sie den populären Namen Majolika. In Frankreich wiederum wurde diese Luxuskeramik mit der italienischen Stadt Faenza verbunden und daher als Fayence bezeichnet.

Aktuell ist das Schloss Favorite Rastatt wie alle Monumente der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg ebenso wie alle Kultureinrichtungen wegen der Corona-Pandemie geschlossen.

Ob diese Ente je mit dem entsprechenden Ragout gefüllt war, ist fraglich. Sie diente wohl eher der Dekoration. Foto: Lutz/LMZ

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Ob diese Ente je mit dem entsprechenden Ragout gefüllt war, ist fraglich. Sie diente wohl eher der Dekoration. Foto: Lutz/LMZ

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Erstellt:
24. April 2020, 11:00 Uhr
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